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    Kriegsmaschine Mensch: Können wir nicht anders?

    © Foto: Sgt. HENRY VILLARAMA
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    Tilo Gräser
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    Führen Menschen schon immer Krieg? Gehört dieser gar zu ihrer Natur? Diese Fragen werden anhaltend diskutiert. Interessante Antworten bietet dazu der Anthropologe Brian Ferguson in einem aktuellen Zeitschriften-Beitrag. Er begründet seine Zweifel an der These, der Mensch sei von Grund auf ein kriegerisches Wesen.

    Die weitverbreitete Meinung, Krieg gehöre zum Wesen des Menschen und habe alle menschlichen Gesellschaften in der Geschichte geprägt, ist ein Irrtum. Das stellt der Anthropologe Brian Ferguson in einem Beitrag in der aktuellen Juni-Ausgabe der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ fest. Die archäologischen Funde würden „nur wenige oder keine Anhaltspunkte dafür liefern, dass Kriege schon immer zum Leben dazugehörten“.

    Ferguson beschreibt in seinem Beitrag zwei Grundpositionen in der wissenschaftlichen Debatte um die Grundursachen von Kriegen. Die „Falken“ würden behaupten, dass Menschen instinktiv zu den Waffen greifen. Unsere Gattung habe wie die letzten gemeinsamen Vorfahren mit den heutigen Schimpansen schon immer Kriege geführt. Die friedfertigen „Tauben“ dagegen sagen laut dem Wissenschaftler, dass sich Krieg erst in den letzten Jahrtausenden als Teil der menschlichen Gesellschaft entwickelt habe.

    Der Autor sieht sich selber auf der Seite Letzterer, die den Menschen zwar eine Neigung zu Gewalt und Krieg zugestehen. Das Gehirn sei darauf aber nicht programmiert, schreibt er. Archäologische Funde und ethnografische Berichte würden zeigen, dass es erst zu kollektiven Angriffen auf andere Gruppen von Menschen kam, als die bisherigen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften größer und komplexer wurden. Der Übergang zu Sesshaftigkeit und Landwirtschaft habe Kriege herausgebildet.

    Falsches Bild durch Medien

    Ferguson verweist dabei auf zahlreiche archäologische Funde, die das untermauern. Danach zeigen die vorhandenen Spuren vergangener menschlicher Gemeinschaften, dass diese erst vor etwa 12.000 Jahren begannen, kollektiv gezielt Gewalt einzusetzen. Er macht deutlich, dass nicht alle Skelettfunde, die Spuren von Gewalt zeigen, auf kriegerische Ereignisse zurückzuführen sind. Das aber würden manche der „Falken“ behaupten.

    „Nicht verheilte Wunden, die vereinzelt an Toten festgestellt werden, könnten die Folgen eines Unfalls, einer Hinrichtung oder eines gewaltsamen Todes sein. Tatsächlich scheint in prähistorischen Gesellschaften recht häufig gemordet worden zu sein – doch das ist kein Krieg.“

    Oftmals habe es in der menschlichen Geschichte gewaltsame Konflikte gegeben. Das ließe aber nicht den Schluss zu, Menschen würden schon immer Krieg führen. „Jede Entdeckung eines prähistorischen Totschlags schafft es in die Schlagzeilen“, benennt Ferguson den nicht zu unterschätzenden Einfluss der Medien auch in diesem Fall. „Die unzähligen Ausgrabungen, die keinerlei Anzeichen für Gewalt liefern, schaffen es hingegen nur selten in die Nachrichten.“

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    Krieg ist jünger als der Mensch

    So bliebe der Eindruck zurück, dass sich Menschen ihre gesamte Geschichte hindurch gegenseitig bekriegen würden. Doch alle Forschungsergebnisse zeigen laut dem Wissenschaftler das Gegenteil: „Krieg gab es weder überall noch reichen seine Spuren unendlich weit in die Vergangenheit zurück.“ Nach Ansicht vieler Archäologen hätten Menschen erst seit dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 12.000 Jahren begonnen, Kriege zu führen.

    Doch das habe sich an unterschiedlichen Orten zu verschiedenen Zeiten herausgebildet. Die Funde am östlichen Nilufer im Sudan, bei Jebel Sahaba, mit einem Alter von etwa 14.000 Jahren gelten laut Ferguson als erste bisher bekannte Belege dafür. In Mesopotamien, allgemein als Quelle der modernen menschlichen Zivilisation angesehen, habe es den Spuren nach vor mehr als 11.000 Jahren erstmals Krieg gegeben, als Kampf zwischen sesshaften Dorfgemeinschaften.

    Dagegen scheint es dem Autor zufolge in der Geschichte der südlichen Levante, dem Gebiet vom Sinai bis zum heutigen Libanon und Syrien, lange Zeit „sehr friedlich zugegangen zu sein“. Den archäologischen Spuren nach habe es dort bis zu einer Zeit um 3200 vor Christi keine kriegerischen Konflikte gegeben – ein angesichts der aktuellen Kriege und Konflikte dort bemerkenswerter Befund.

    Vielfältige Ursachen als Nährboden

    Ähnliche Erkenntnisse gibt Ferguson für Asien und Amerika wieder. So seien gewaltsame Tode auf dem Gebiet des heutigen Japan bis 800 v. Chr. „eher die Ausnahme“. „Auf dem Gebiet der südlichen Great Plains (in Nordamerika) gibt es für die Zeit vor 500 n. Chr. bisher sogar nur einen einzigen bekannten Nachweis für einen gewaltsamen Todesfall.“

    Der Anthropologe nennt folgende Ursachen dafür, dass Menschen begannen, gezielt Gewalt durch Kriege einzusetzen: Übergang zu sesshafter Lebensweise, zunehmende Bevölkerungsdichte, Konzentration wertvoller Ressourcen, größer werdende Gemeinschaften und zunehmend komplexere Strukturen, Handel mit Luxusgütern und sich herausbildende kollektive Identitäten. Letztere führte dazu, dass sich soziale Gruppen stärker voneinander abgrenzten.

    Hinzu würden gravierende Umweltveränderungen kommen, betont der Autor. Er macht deutlich, dass Besitz und materielle Interessen entscheidende Motive für Kriege waren und sind: „Wenn Menschen mehr besitzen, worum es sich zu kämpfen lohnt, organisieren sie ihre Gesellschaften so, dass sie gegen Kriege besser gewappnet sind.“

    Voraussetzungen für Frieden

    Ferguson hebt hervor, dass der Homo sapiens die meiste Zeit in seiner rund 200.000-jährigen Geschichte „in einfachen Wildbeutergemeinschaften“ lebte. Das sei in kleinen Gruppen geschehen, die auf der Suche nach Nahrung umherstreiften und oftmals dabei zusammenarbeiteten. Erst mit dem Übergang in komplexe Jäger-und-Sammler-Gesellschaften hätten sich die Strukturen herausgebildet, die später das Führen von Kriegen möglich machten.

    Doch selbst wenn menschliche Gemeinschaften sesshaft wurden und die Voraussetzungen für Kriege vorhanden waren, kam es laut dem Autor nicht automatisch zu solchen. Er nennt das Beispiel der Levante, wo sich nach seinen Angaben für lange geschichtliche Epochen keine Kriege nachweisen ließen. Er schlussfolgert: „Es gibt wohl ebenso typische Voraussetzungen für Frieden. Dazu zählen Vereinbarungen und Verträge, die zwischen verschiedenen Gruppen beispielsweise durch gezielte Heiratspolitik geschlossen werden.“ Verschiedene gesellschaftliche Normen und Regeln hätten nichtgewaltsame Konfliktlösungen ermöglicht.

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    Für Ferguson hat die kriegerische Gewalt im Lauf der Geschichte zugenommen, als sich Staaten bildeten, Grenzen gezogen wurden und gewalttätige Völker nichtgewalttätige Völker „nach und nach ersetzten“. Umweltveränderungen wie Dürren hätten verschärfend dazu beigetragen. So sei es während der mittelalterlichen Warmzeit zwischen 950 und 1250 sowie der nachfolgenden „Kleinen Eiszeit“ ab 1300 in verschiedenen Regionen vermehrt zu Konflikten und Kriegen gekommen.

    Kolonisatoren säten Kriege

    Später sei der Kolonialismus hinzugekommen, der nicht nur durch Eroberungskriege gekennzeichnet gewesen sei. „Auch die indigenen Völker begannen untereinander Krieg zu führen, weil sie durch die Konquistadoren und deren Handelswaren in Abhängigkeiten und neue Feindseligkeiten verwickelt wurden.“

    Die zumeist europäischen Eroberer hatten selbst außerkoloniale Gebiete beeinflusst und verändert: durch Handel, eingeschleppte Krankheiten und Migrationen, die zu Kriegen führten. Die Kolonisatoren hätten Konflikte unter den indigenen Völkern geschürt, indem sie diesen ihre politischen Institutionen aufgezwungen und willkürlich territoriale Grenzen gezogen hätten, ohne die vielfältigen lokalen Stammesidentitäten und Autoritäten zu beachten.

    Menschen würden kämpfen und manchmal töten und unter Umständen Kriege führen, so der Anthropologe. Aber die Voraussetzungen dafür hätten sich erst in den letzten mehr als 10.000 Jahren der viel länger andauernden Geschichte des Menschen und seiner Gemeinschaften entwickelt. Der Wissenschaftler zitiert zum Abschluss die US-Ethnologin Margaret Mead, die 1940 schrieb: „Kriegführung ist nur eine Erfindung – keine biologische Notwendigkeit.“

    Auch Schimpansen ohne Killerinstinkt

    In einem Zusatztext widerspricht Ferguson ebenso den landläufigen Auffassungen, die Schimpansen hätten eine angeborene Neigung zum Töten. Das werde von manchen als Argument für den angeblichen menschlichen Kriegsinstinkt angeführt.

    Der Anthropologe hat nach seinen Angaben alle verfügbaren Berichte über tötende freilebende Schimpansen aus den letzten 426 Jahren analysiert. Die Ergebnisse würden den Bildern von mordenden Schimpansen widersprechen: In all den 426 Jahren seien 27 Tötungsfälle unter den Primaten beobachtet worden.

    Gewalt in Schimpansen-Gruppen werde vor allem durch menschliche Eingriffe in deren Lebenswelt ausgelöst, schlussfolgert der Wissenschaftler. „Die Kriegslust des Menschen beruht damit wohl kaum auf dem genetischen Erbe eines entfernten gemeinsamen Vorfahren von uns und den Schimpansen.“

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    Tags:
    Kolonialpolitik, Frieden, Gewalt, Konflikte, Medien, Falken, Krieg, Ursachen, Menschheit, Welt