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    Der Gründer und Präsident der Weltraumnation „Asgardia“, Igor Aschurbejli (Archiv)

    „Kosmische Arche“ gegen den Weltuntergang – Erste Weltraumnation will Menschheit retten

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    Von Valentin Raskatov
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    Sie ist die erste Weltraumnation der Welt und sie will hoch hinaus. Zur Rettung der Menschheit vor dem Untergang will die Mikronation „Asgardia“ eine „kosmische Arche“ errichten, in der das erste Kind im Kosmos geboren werden und das Fortbestehen des Lebens garantiert werden soll. Sputnik hat mit Asgardias ‚Informationsministerin‘ gesprochen.

    Seit 2016 gibt es eine Nation mehr auf der Welt oder besser gesagt: jenseits dieser Welt. Denn die Bürger Asgardias sind nicht einfach über Grenzen hinweg in aller Herren Ländern verstreut, sie verstehen sich auch als die erste Weltraumnation der Welt. Sie haben bereits, was zur Nation gehört: eine eigene Hymne, die geplante Währung Solar, einen Präsidenten, eine demokratisch gewählte Regierung mit Gewaltenteilung, eine bislang recht kleine Bevölkerung und seit Ende 2017 auch den Satelliten „Asgardia-1“, der zum jetzigen Zeitpunkt das einzige Territorium des Staates darstellt.

    „Kosmische Arche“ zur Rettung der Menschheit

    Aber das ist erst der Anfang: Der Staat, dessen Name sich von der mythologischen Himmelsstadt Asgard ableitet, möchte tatsächlich eine Stadt im Himmel errichten. Oder vielmehr: Eine Raumstation, auf der die Menschen sich aber wie daheim auf der Erde fühlen sollen. Der Grund für diese Pläne: „Perspektivisch betrachtet ist der Planet überbevölkert, perspektivisch wissen wir leider alle, dass die Weltlage nicht gerade stabil ist. Hoffentlich wird es zwar nicht eintreten, aber es gibt durchaus auch die Möglichkeit, dass wir uns selbst auslöschen“, erläutert Lena De Winne, ‚Informationsministerin‘ von Asgardia, die Ausgangssituation.

    Aber selbst wenn ein apokalyptischer Weltuntergang durch Atomkrieg oder Asteroiden-Einschlag nicht eintreffe, würde sich die Sonne in vier bis fünf Milliarden Jahren dermaßen ausdehnen, dass die Erde nicht mehr lebensfähig sein würde. Die Lösung: „Wenn der Menschheit die Besiedelung des Kosmos gelingt, dann ist sie gerettet“, so De Winne.

    Der Gründer und Präsident der Weltraumnation, Igor Aschurbejli, bezeichnet die geplante Raumstation wegen ihres rettenden Charakters auch als „kosmische Arche“ in Analogie zur Arche Noahs aus dem Alten Testament, die die Menschheit sowie alle anderen Lebewesen zu Paaren von der Sintflut rettete.

    Hehres Ziel: Erstes Kind im Kosmos gebären

    Aber es mit einer neuen Umwelt kommen neue Herausforderungen: „Damit alle unsere Lebensprozesse normal funktionieren, ist unser Organismus auf die Schwerkraft eingestellt. Kosmonauten an Bord der Internationalen Weltraumstation etwa müssen unbedingt während eines sechsmonatigen Aufenthalts zwei Stunden täglich Sport machen“, erklärt die Asgardianerin. „Tut man dies nicht, verändert sich der Organismus irreversibel. Muskulatur und Skelett können dann nicht mehr wiederhergestellt werden. Diese zwei Stunden sind notwendig, um sich vom Normalzustand auf der Erde nicht zu entfernen.“

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    Ist die fehlende Gravitation schon für Kosmonauten ein Problem, so ist sie ein noch größeres Problem für die Reproduktion im Weltall. „Damit eine Frau im Weltall ein gesundes Kind austragen kann, braucht es künstliche Anziehungskraft und eine Abschirmung vor der Weltallstrahlung“, betont die Informationsministerin. „In dieser Arche muss die Geburt eines menschlichen Kindes möglich sein. Wenn das erste Kind im Kosmos geboren wird, wird das Leben der Menschheit unendlich sein. Wenn dann etwas auf der Erde passiert, wird die Menschheit sich weiter vermehren und im Kosmos leben können.“

    Mit Experimenten zum Ziel

    Bevor es aber an die künstliche Schwerkraft geht, sind auch Untersuchungen zu ihrer Abwesenheit von Bedeutung. „Ein Tropfen Wasser hat unter diesen Bedingungen nicht die uns bekannte Tropfenform, er ist kugelförmig. Die Flamme einer Kerze ist ebenso sphärisch. Bei Abwesenheit der Schwerkraft wachsen idealförmige Kristalle, die auf der Erde gar nicht gezüchtet werden können. Das ist nicht nur schön anzuschauen, sondern auch nützlich, denn diese Kristalle werden für Hochtechnologien gebraucht“, erklärt De Winne. „Flüge in den Kosmos bieten also die Laborbedingungen, die wir brauchen, um das Verhalten von Materialien und biologischen Prozessen unter der Abwesenheit von Schwerkraft zu untersuchen.“

    Von diesen Veränderungen her ließen sich Rückschlüsse auf Prozesse in Organismen ziehen, die ohne die Laborbedingungen des Alls gar nicht möglich wären.

    Als Staat bislang noch nicht anerkannt

    Auf der Seite von Asgardia hanem sich zwar eine Million Menschen registriert, aber wirkliche Bürger sind es aktuell 18.427. Um eine Staatsbürgerschaft zu erlangen, muss eine Verwaltungsgebühr in Höhe von 100 Euro entrichtet werden – und diese schreckt bislang Interessenten vielleicht ab.

    Das könnte an der Frage liegen, welchen Nutzen man gegenwärtig von einer solchen Staatsbürgerschaft hat: „Was die Staatsbürgerschaft betrifft, so befindet sich diese derzeit noch in Arbeit. Gemeint ist die Staatsbürgerschaft im Sinne eines beidseitigen Nutzens, bei dem man als Staatsbürger etwa über Ländergrenzen hinweg reisen kann. Wir haben bereits eine Reihe informeller Gespräche mit Regierungen von einigen Ländern geführt über die Frage der gegenseitigen Anerkennung“, bemerkt De Winne dazu. „Was die Zukunftsaussichten nach diesen Anerkennungen betrifft, so hat ein Staatsbürger Asgardias mit dem entsprechenden Pass die Möglichkeit die Welt zu bereisen wie mit einem anderen Pass.“

    Daneben kann der Bürger an den demokratischen Prozessen des bislang virtuellen Staats mitwirken: „Der Bürger kann an Wahlen teilnehmen, er kann eine Karriere auf der politischen Stufenleiter Asgardias anstreben. Wir können auch Unternehmen gründen: Es gibt ein Finanzsystem, Zuschüsse, die in die Entwicklung von hochtechnologischen Startups fließen sollen, die aussichtsreiche Weltraumuntersuchungen vornehmen wollen.“ Der Bürger könne auch an der Frage des Überlebens des Menschen im Weltall mitfeilen und sich auch zum Bürgermeister für eine irdische Region aufschwingen.

    Allerdings haben diese Bürgermeister wie auch der Staat keinen Einfluss auf jedwede irdische Politik: „Gemäß seiner Regierungserklärung nimmt Asgardia nicht an der irdischen Politik teil und hofft hier auf Gegenseitigkeit“, betont die Informationsministerin. „Nach der Verfassung Asgardias ist jeder Bürger angehalten, sich an die Gesetze des Landes zu halten, in dem er sich aufhält. Eine asgardianische Staatsbürgerschaft gibt keinem das Recht, gegen irgendwelche Gesetze zu verstoßen.“

    In Zukunft könnte sich also vor dem Bau einer Raumstation die Freiheit der Bürger Reisen in bestimmte Länder bedeuten, die die Mikronation mit großen Zielen anerkennen. Die Bürgermeister können bislang lediglich Veranstaltungen für die regionalen Bürger organisieren und Themen, die an der Tagesordnung stehen weiterreichen.

    Das gesammelte Geld soll nicht ausgegeben worden sein

    Und was ist mit den immerhin 1,8 Millionen Euro, die die Staatsbürger in Asgardia investiert haben? Kein Cent davon sein ausgegeben worden, betont De Winne. „Es liegt auf einem Konto, das noch niemand angerührt hat. Künftig könnte das Geld für die Bezahlung der Staatsbeamten und die Entwicklung des Weltraumprogramms fließen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden alle Ausgaben privat durch Doktor Aschurbejli finanziert.“

    Das Hauptziel, der Bau der kosmischen Arche, sei mit diesem Geld allein jedenfalls nicht zu stemmen: „Wenn Sie sich die Kosten für die Internationale Raumstation anschauen, so wurden für diese insgesamt bereits 100 Milliarden Euro aufgewendet. Sie verstehen, um welche Maßstäbe es hier geht. Deswegen ist der Mitgliedsbeitrag, den man im Zusammenhang mit der Staatsbürgerschaft leistet, zwar nützlich, aber nur ein kleiner Tropfen im technischen Budget, das notwendig ist, um eine kosmische Station zu bauen, die ein minimales staatliches Funktionieren ermöglicht.“ Wie das Projekt vorangehen wird und woher die nötigen Mittel am Ende stammen werden, steht also bislang in den Sternen.

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    Das Interview mit Lena De Winne in voller Länge:

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    Tags:
    Bedingungen, Untersuchungen, Schwerkraft, Weltall, Weltall, Reproduktion, Staatsbürgerschaft, Organismus, Internationale Weltraumstation ISS, Kosmonauten, Umwelt, Besiedelung, Sonne, Asteroiden, Atomkrieg, Möglichkeit, Planet, Erde, Menschen, Raumstation, Himmel, Anfang, Territorium, Satelliten, Bevölkerung, Regierung, Währung, Hymne, Grenzen, Welt, Sputnik, Rettung, Menschheit, Leben, Neugeborene, geboren, Kinder, Kind, Weltuntergang, All, Kosmos, Weltraum, Weltraum