05:46 14 November 2019
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    Lepra-Kranke in einem Krankenhaus, Indien (Archiv)

    Lepra: Warum eine der gefährlichsten Infektionen immer noch besteht

    © AFP 2019 / TAUSEEF MUSTAFA
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    In der Welt wird jedes Jahr weniger als ein Lepra-Fall pro 10.000 Personen festgestellt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte die Krankheit zwar für ungefährlich, meint allerdings, es sei noch zu früh, um sich zu freuen. In der letzten Zeit wächst die Zahl der neuen Kranken.

    Das geschieht vor allem in Indien, Brasilien, Indonesien. Das heißt, dass der Erreger in verdeckten Herden existiert und nicht alle Wege seiner Verbreitung bekannt sind.

    Infektion wächst

    Lepra wird durch die Bakterie Mycobacterium leprae ausgelöst, die mit der Tuberkulösebakterie verwandt ist. Sie dringt in Haut- und Schleimzellen ein und entwickelt sich dort sehr langsam. Die Bakterie teilt sich jede zwei Wochen – ein Rekord unter Pathogenen. Zum Vergleich: Die Tuberkulosebakterie braucht lediglich 20 Stunden.

    Die Inkubationszeit dauert mehrere Jahre. Symptome können sogar nach 20 Jahren auftauchen – Flecken auf der Haut, Beulen. In schlimmeren Fällen trifft die Mikrobe periphere Nerven, weshalb sich die Finger verformen und die Sensibilität abnimmt.

    Die Krankheit verkrüppelt den Menschen. Früher wurden sie vertrieben, in Reservationen umgesiedelt. In Japan galt bis 1996ein Gesetz über die Zwangsisolierung der Kranken. In Indien durften Lepröse nicht arbeiten und sich nicht an öffentlichen Orten aufhalten.

    Der Erreger von Lepra wurde Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt, doch ein Medikament tauchte erst 1940 auf – das Antibiotikum Dapson. 20 Jahre später wurden zwei weitere Medikamente entwickelt, da das Mycobacterium resistente Stämme entwickelte.

    In den 1980er Jahren gab es elf Millionen Lepröse. Die WHO hatte sich zum Ziel gesetzt, die Krankheit auszurotten, die Behandlung erfolgte kostenlos. Im Jahr 2000 wurde erklärt, dass Lepra keine Gefahr mehr für die Öffentlichkeit sei. In Indien wurden nach 2005 die meisten Programme zur Lepra-Bekämpfung aufgelöst.

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    Jetzt gibt es fast 400.000 Kranke in der Welt, 74 Prozent davon entfallen auf Indien, Brasilien und Indonesien. Doch in der letzten Zeit stellen Ärzte immer mehr neue Fälle fest. Nach WHO-Angaben erkrankten 210.758 Menschen 2015, 2017 waren es bereits 211.009.

    Neue Herde entdeckt

    Der Lepra-Erreger kann nicht im künstlichen Raum kultiviert werden, er lebt nur in lebendigen Zellen. Das erschwerte seine Forschung, bis Wissenschaftler in den 1970er Jahren mit Lepra verseuchte Sechs- und Neunbinden-Gürteltiere entdeckten, die in Südamerika und im Süden der USA zu finden sind.

    Gürteltiere waren oft das einzige Labor-Modell für die Erforschung von Lepra. Später gelang es, sie in den Zellen der Fingerballen von Mäusen zu züchten, allerdings ist das sehr arbeitsaufwendig. 2014 wurde festgestellt, dass die Mikrobe in Akanthamöbe-Zysten am Leben bleibt – Einzellern, die in Süßwasser und humiden Boden zu finden sind. Dort bleibt die Bakterie innerhalb von acht Monaten aktiv. Das alarmierte die Wissenschaftsgemeinschaft, weil sich damit ein weiterer Weg der Verseuchung öffnete – via Boden bzw. Wasser.

    2016 nahmen Wissenschaftler Proben von warzenartigen Auswüchsen bei Eichhörnchen aus Großbritannien und Irland und entdeckten dort die Mycobacterium leprae und noch eine verwandte Mikrobenart – Mycobacterium lepromatosis. Später wurde sie bei Menschen festgestellt.

    Die Mikrobe kann auch im Boden sein. Ihre Spuren wurden durch DNA in Bodenproben aus Bangladesch, Surinam und auf den britischen Inseln Browns und Arran entdeckt, wo kranke Eichhörner zu finden sind.

    Das alles würde helfen herauszufinden, wie Lepra übertragen wird. Jetzt heißt es, dass der Hauptweg Tröpfchen, Schleim, Niesen und Schnupfen ist. Verseuchung erfolgt durch zahlreichen Kontakt mit Kranken. Das sind vor allem Familienangehörige und Blutsverwandte. Doch die Zunahme von Neuerkrankungen zeigt, dass es wahrscheinlich auch andere Wege der Übertragung des Erregers gibt – nicht nur von Mensch zu Mensch.

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    Genetik offenbart Geheimnisse

    Wissenschaftler betrachten wilde Gürteltiere als natürliche Quelle von Lepra. Bekannt sind Fälle der Verseuchung in südlichen US-Bundesstaaten. Von einer Gefahr durch Eichhörnchen auf den Britischen Inseln ist bislang keine Rede. Zudem wurden Erreger bei Primaten in Afrika und Südostasien entdeckt.

    Wie entstanden überhaupt die Stämme, die bei Menschen auslösen? Antwort auf diese Frage bietet die Analyse der DNA aus antiken Grabstätten. 2018 veröffentlichte eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern unter Leitung des deutschen Genforschers Johannes Krause die Ergebnisse der Sequenzierung der Genome des Lepra-Erregers, die aus menschlichen Überresten in verschiedenen Ländern Europas genommen wurden. Es wurde die Evolution dieses Pathogens im Laufe von 1500 Jahren seit dem 4. Jahrhundert vor Christus verfolgt.

    Krause und seine Kollegen stellten zehn Genome fest, die zu verschiedenen Zweigen der Lepra-Erreger gehören, was von einer großen genetischen Vielfalt zeugt. Die Stämme, die bei Eichhörnchen auf den Britischen Inseln und bei Gürteltieren im Süden der USA zu finden sind, ähneln stark jenen, die die Menschen in Europa im späten Mittelalter betrafen, und sind bis heute in verschiedenen Regionen der Welt aktiv.

    Vielleicht wurde die Krankheit im Mittelalter und dem Zeitalter der großen Entdeckungen von Menschen auf Tiere übertragen? Das ist bislang unklar.

    Es gibt auch kein eindeutiges Verständnis davon, wie sich Lepra heute verbreitet, welche Rolle die genetische Anlage spielt und wie schnell sich resistente Stämme entwickeln. Es gibt immer noch keine Tests, die die Verseuchung bei einer Blutprobe feststellen; Vakzine werden erst entwickelt.

    Angesichts dessen entwickelte die WHO bis 2020 ein neues Programm zur Lepra-Bekämpfung.

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    Bekämpfung, Europa, Analyse, Geheimnisse, DNA, Proben, Medikamente, Erreger, Krankheit, Bakterien, Infektion, Indonesien, Brasilien, Indien, Lepra, WHO