23:31 07 Dezember 2019
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    Digitale Zukunft am Arbeitsmarkt – “Neuland” auch für Uni-Absolventen?

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    Eine aktuelle Studie kommt zu dem Schluss, dass ein großer Teil der Studierenden sich durch das Studium nicht gut auf die digitalen Anforderungen der Arbeitswelt vorbereitet fühlt. Unter den Gruppen, die sich in Sachen Digitales besonders unsicher fühlen, sind auch angehende Lehrer.

    Als Angela Merkel seinerzeit das Internet zum „Neuland“ erklärte, hat sie die Steilvorlage für allerhand Scherze geliefert. Die FDP hatte im Bundestagswahlkampf ihrerseits voll auf das Thema Digitalisierung gesetzt und mit gut klingenden, aber wenig konkreten Slogans wie „Digital first, Bedenken second“ um die junge, moderne, gut vernetzte  Jungwählerschaft geworben.  Doch wie digital ist Deutschland wirklich?

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    Für eine Erhebung von Studitemps in Zusammenarbeit mit dem Department of Labour Economics der Universität Maastricht wurden rund 22 Tausend Studierende und Absolventen gefragt, wie gut sie sich durch das Studium auf die digitalen Anforderungen der Arbeitswelt vorbereitet fühlen. Die Ergebnisse sind teils ernüchternd.

    Wenig überraschend: Studierende der Fächer Informatik (84 Prozent), Medienwissenschaften (74 Prozent) und Ingenieurwissenschaften (67 Prozent) fühlen sich deutlich besser gerüstet als Studierende anderer Fachrichtungen. 

    Am anderen Ende der Skala finden sich Studierende der Sprach- und Kulturwissenschaften (29,8 Prozent), Rechtswissenschaften (30,1 Prozent) und der Erziehungswissenschaften (33,4 Prozent). Unter den Lehramtsstudenten fühlen sich nur 40 Prozent (eher) gut vorbereitet. Im Klartext bedeutet das: Mehr als die Hälfte der jungen Lehrer, die Kinder und Jugendliche, die im digitalen Zeitalter aufwachsen und als sogenannte „Digital Natives“ verortet werden, unterrichten und auf das Arbeitsleben vorbereiten sollen, fühlt sich den digitalen Herausforderungen bereits im Studium nicht gewachsen. Wie soll vor diesem Hintergrund der Digitalpakt Schule funktionieren?

    „Es reicht nicht, schnelles Internet und ein digitales Whiteboard an der Schule zu haben“, so Eckhard Köhn, CEO von Studitemps. „Vielleicht ist es zum jetzigen Zeitpunkt vermessen, zu verlangen, dass sich die Lehrpläne für die angehenden Lehrer so schnell ändern. Aber diese Personen müssen zumindest den Wunsch haben, sich zu öffnen und selbst all diese Technologien zu nutzen. Im Referendariat sollte es von der Schule unterstützte Fortbildungen geben, die diese Personen dafür fit machen, dass man sich mit einer Datenbanktechnologie, mit der Suche im Netz, mit der Art und Weise, wie man programmiert, auseinandersetzt.“ Von diesem Wissen könnten später ältere Kollegen und Schüler profitieren, die Schule würde insgesamt aufgewertet.

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    Ein Informatikstudium liege nicht jedem, aber kleinere Einheiten, wie sie von Onlineuniversitäten angeboten werden, seien durchaus sinnvoll.

    „Dass sie einen Kurs buchen, der vielleicht nur sechs Wochen dauert. Danach bekommen sie ein Zertifikat und haben auch ein Grundwissen, das sie später vielleicht im Unterricht weitergeben können.“

    Auch im Vergleich der Bundesländer tun sich merkliche Unterschiede auf. In Brandenburg sind die Studierenden am zufriedensten mit der digitalen Infrastruktur. Es folgen Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Schlusslichter sind hingegen Bremen, das Saarland und Schleswig-Holstein. Die Ausstattung der Universitäten scheint direkte Auswirkungen darauf zu haben, wie gut sich die Studierenden auf die Digitalisierung vorbereitet fühlen, denn mit 47,2 Prozent sagen in Brandenburg auch die bundesweit meisten Studierenden: „Ich fühle mich durch mein Studium auf die digitalen Anforderungen meiner zukünftigen beruflichen Tätigkeit gut vorbereitet“.

    Ein möglicher Erklärungsansatz für das Ost-West-Gefälle könnte laut Studitemps-CEO Eckhard Köhn sein, dass die meisten Universitätsgebäude im Westen Deutschlands in den 1960er Jahren gebaut und später stellenweise saniert und erweitert worden sind, wohingegen Universitäten in Berlin, Brandenburg, Leipzig oder Dresden vor relativ kurzer Zeit – in den 2000ern – umfassend erneuert wurden. Dies könnte zumindest in puncto Infrastruktur Vorteile gebracht haben.

    Eine deutliche Lücke tut sich ebenfalls bei den Geschlechtern auf. Während mehr als die Hälfte der männlichen Studierenden (52 Prozent) sich gut auf digitale Anforderungen im Beruf vorbereitet fühlen, sind es bei den weiblichen Studierenden gerade einmal 41 Prozent. Ob die Digitalisierung die Jobchancen verbessert, beantworten 50,9 Prozent der Studentinnen mit „ja“, während ihre männlichen Kommilitonen mit 64,1 Prozent auch in dieser Hinsicht wesentlich optimistischer wirken. Köhn erklärt dies mit althergebrachten gesellschaftlichen Modellen, die auch in den Elternhäusern vermittelt werden, wonach jungen Frauen eher eine Karriere als Ärztinnen oder Juristinnen nahegelegt wird, während junge Männer in technischen Berufen wie beispielsweise in der Informatik oder Ingenieurwissenschaft verortet werden.  Dies spiegele sich auch in den Führungsetagen in der Wirtschaft wider, die nach wie vor von Männern dominiert werden, so Köhn.

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    Wie es anders gehe, zeige das Beispiel Israel. Dort würden Männer wie Frauen gleichermaßen zum Militärdienst einberufen werden und im Rahmen ihrer Ausbildung nicht nur den Dienst an der Waffe erlernen, sondern auch eine fundierte Ausbildung im Umgang mit dem Digitalen bekommen. 

    Bei aller Kritik – an den Universitäten in Deutschland ist seit dem ersten echten Internetboom Anfang der 2000er vieles passiert. Neben reinen Online-Universitäten bieten auch einige Universitäten Vorlesungen online an.

    „Was inzwischen Usus an den meisten Universitäten ist: Die meisten Lerninhalte werden digital zur Verfügung gestellt. In der Regel tauschen sich auch die Studenten auf Online-Plattformen aus, wo sie ihre Unterlagen teilen. Man geht nicht mehr zur Fachschaft und erwirbt für ein paar Euro das Heft, in dem die Vorlesungen drin sind.“

    Hinzu komme die Arbeit mit Datenbanken. Es werde immer mehr erwartet, dass Studierende darin arbeiten und die Daten, zumindest rudimentär, auswerten und grafisch aufbereiten können. Die dafür nötigen Fähigkeiten erwerbe man in der Regel aber nicht in Kursen an der Universität, sondern müsse sie sich selbst aneignen. „Eigeninitiative ist nach wie vor der Schlüssel“, so Köhn.

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    Eckhard Köhn hält es in der Perspektive der nächsten fünf bis zehn Jahre für realistisch und durchaus wünschenswert, wenn große Teile des Studiums online ablaufen würden. Dies gäbe den Studierenden die Möglichkeit, im eigenen Tempo zu lernen und das Studium besser mit beispielsweise dem Nebenjob zu vereinbaren.

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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