19:31 12 Dezember 2019
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    Russe will genmanipuliertes Kind schaffen – Was bedeutet das für Russland und die Welt?

    © Sputnik / Maria Plotnikowa
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    Der russische Molekularbiologe Denis Rebrikow hat dem Fachmagazin „Nature“ verraten, dass er in diesem Jahr in die Gebärmutter einer Frau Embryonen mit „korrigiertem“ Erbgut implantieren wolle.

    Entsprechende Experimente hätten ihre hohe Effizienz bewiesen, und nun warte der Forscher auf die Zustimmung des Gesundheitsministeriums, um seine Arbeit fortzusetzen.

    Nach seinen Worten hofft Rebrikow, das Experiment des chinesischen Genetikers He Jiankui wiederholen zu können, der vor einigen Monaten mitgeteilt hatte, es wären unlängst zwei Mädchen mit veränderten Genen zur Welt gekommen.

    In den Fußstapfen des chinesischen Genetikers

    Der Russe will denselben Abschnitt des Genoms wie He Jiankui „redigieren“: CCR5, den kodierenden Proteinrezeptor, der es dem Humane Immundefizienz-Virus ermöglicht, in eine Zelle zu gelangen. Während der Chinese aus der DNA der Embryonen das Gen CCR-5 entfernte, arbeiten seine russischen Kollegen an der Entwicklung einer natürlichen Deletion mit 32 Nukleotiden, ohne dass dabei die Proteinsynthese unterbrochen wird, wobei die Zelle eine teilweise veränderte Version des Rezeptors synthetisiert.  Dadurch wäre ein Embryo selbst gegen die Krankheit einer HIV-infizierten Mutter geschützt, deren Organismus nicht auf eine Anti-Retrovirus-Therapie reagiert.

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    Rebrikow zufolge garantiert die von seinem Team entwickelte Methode mit einem hohen Wahrscheinlichkeitsgrad, dass die „Redigierung“ des bestimmten DNA-Abschnitts die Aktivitäten der benachbarten Gene nicht betrifft, und das bedeutet, dass es im Genom keine unvorhersagbaren Änderungen geben wird.

    „Wir haben eine Methode entwickelt, die eine korrekte Bewertung ermöglicht, ob es zweckfremde Aktivitäten des Systems, das Gene ‚redigiert‘, gibt oder nicht“, so der Forscher gegenüber RIA Novosti. „Wir verfügen über vollständig sequenzierte Genome von Menschen, deren Geschlechtszellen wir für das Kreieren des Embryos verwenden. Es ist die ursprüngliche DNA, die wir verändern. Nach der ‚Korrektur‘ des Genoms des Embryos entziffern wir es auch. So bekommen wir die Möglichkeit, das ursprüngliche Genom mit dem neuen zu vergleichen. An drei Embryonen – zwei veränderten und einem ‚Kontroll-Embryo‘ – haben wir gezeigt, dass zweckfremde Aktivitäten unseres Systems nicht entdeckt wurden. Wir wollen das Experiment noch mindestens zwei Mal wiederholen, um die Ergebnisse zu bestätigen.“

    Die endgültigen Ergebnisse des Experiments werden Rebrikow zufolge in wenigen Monaten auf der Website bioRxiv oder in einem spezialisierten Fachmagazin veröffentlicht.

    Keine Widersprüche

    „Wir arbeiten an diesem Projekt schon seit dreieinhalb Jahren“, so der Forscher. „Unser Team zählt 15 Mitglieder, unter anderem praktizierende Ärzte, Embryologen, die sich auf In-vitro-Fertilisation spezialisiert haben, Molekularbiologen und Bioinformatiker. Wir haben ein einmaliges Kollektiv, das (…) über alle Kompetenzen verfügt, die für eine solche Arbeit erforderlich sind.“

    In dieser Zeit hat Rebrikows Team nur einen Artikel veröffentlicht, in dem die Ergebnisse der DNA-Korrektur bei anomalen Embryonen (sprich lebensunfähigen Embryonen, die deshalb nicht in eine Gebärmutter transplantiert werden könnten) beschrieben wurden. Veröffentlicht wurde der Beitrag im „Anzeiger der Russischen staatlichen medizinischen Universität“, dessen Chefredakteur Denis Rebrikow selbst ist.

    Die Embryologin Tatjana Koldyrewa, die zu den Teilnehmern des Experiments gehört, betonte im Interview: Die Methode sei neu und werde erst getestet, so dass die Forscher „vorerst mehr Fragen als Antworten haben“.

    Rebrikow selbst sagte in seinem Interview für Sputnik, dass diese Position keineswegs seiner Erklärung für „Nature“ widerspreche. „Die Kollegin hat Recht: Man kann nicht eindeutig behaupten, dass alles ideal verlaufen würde. Das tun wir aber auch nicht – wir haben ja nicht einmal den Artikel veröffentlicht. Zunächst muss das Experiment wiederholt werden.“

    In „Nature“ wird allerdings behauptet, die Forscher wollen einen „korrigierten“ Embryo in die Gebärmutter transplantieren – schon Ende dieses Jahres, falls sie die nötige Zustimmung der Regierungsstrukturen erhalten sollten.

    Die „Nature“-Redaktion wolle einen Hype und habe es deswegen „etwas übertrieben“, sagte der Forscher dazu. „Für die Transplantation müssen mindestens zwei Forderungen erfüllt werden: Die Sicherheit des Systems muss bewiesen werden, und es muss noch ein angemessener klinischer Fall her. Wir haben praktisch die Sicherheit bewiesen (demnächst werden wir das durch wiederholte Experimente endgültig bestätigen). Aber auf einen passenden klinischen Fall könnten wir noch lange warten“, ergänzte Rebrikow.

    Allerdings wollte er die Frage nicht beantworten, wie hoch die Chancen stünden, dass sich Embryonen in der Gebärmutter einer HIV-infizierten Frau einnisten würden, die behandelt wird und deren Organismus auf alle Phasen des Programms zur In-vitro-Fertilisation schlechter regiert.

    Viel zu gefährlich

    Manche russische Forscher sehen die Erklärung von Denis Rebrikow eher skeptisch. Der Direktor des Forschungszentrums für Medizin und Genetik, Leiter des Komitees für Ethik beim Gesundheitsministerium Russlands, Sergej Kuzew, verwies darauf, dass es weder in Russland noch in anderen Ländern ein Labor gebe, das die Sicherheit des „Redigierens“ des Genoms der Geschlechtszellen bzw. Embryonen bewiesen hätte.

    „Die Technologie CRSPR-Cas9, auf die Rebrikow und sein Team setzen, könnte neben der zu erwartenden Veränderung der Nukleotiden-Reihenfolge in der DNA auch kaum vorhersagbare Veränderungen auslösen. Dieses Problem konnte bisher keine einzige Forschungsgruppe in der ganzen Welt lösen. Und das ist einer der wichtigsten beschränkenden Faktoren für den Einsatz der Technologie zur Genveränderung“, sagte der Experte. „Es besteht immer das Risiko, dass benachbarte gesunde Gene beschädigt werden könnten.“ Und das könnte ihm zufolge die Entwicklung einer Erb- oder auch Krebserkrankung provozieren.

    Denis Rebrikow stimmte seinem Kollegen zu: Die Risiken lassen sich nicht vollständig ausschließen.

    „Wir analysieren eine Biopsie-Probe des Embryos, einen kleinen Teil von ihm: fünf Zellen von insgesamt 250. Niemand kann garantieren, dass es in den anderen Zellen keine Störungen gibt“, räumte er ein. „Aber dieselbe Geschichte beobachten wir auch in den ‚nicht redigierten‘ Embryonen bei einer üblichen In-vitro-Fertilisation. Da analysieren wir auch nur einen geringen Teil und verstehen, dass es innerhalb der Zellmasse Zellen geben kann, die gewisse Störungen haben. Übrigens gibt es bei der In-vitro-Fertilisation einen Algorithmus zur Beschlussfassung, ob es sinnvoll wäre, einen solchen Embryo zu versetzen oder nicht.“ Der Wissenschaftler stimmte zu, dass das Verfahren vervollkommnet werden müsse. Aber es könne auch „als Basis für die Entwicklung von schablonenhaften Lösungen bei solchen Experimenten verwendet werden“.

    Experte Kuzew formulierte noch einen Einwand gegen die Aktivitäten Rebrikows und seiner Kollegen. Nach seiner Auffassung gibt es einfach keine Notwendigkeit für solche Eingriffe, denn es gebe ohnehin moderne medizinische Technologien, dank denen HIV-infizierte Eltern in 99 Prozent der Fälle absolut gesunde Kinder zeugen können.

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    „Ich hoffe, dass die Reaktion der wissenschaftlichen Gemeinschaft die Teilnehmer des Experiments ernüchtern wird, wobei das Gesundheitsministerium solche genetischen Forschungen in Russland unter seine strenge Kontrolle nimmt“, betonte der Vorsitzende des Komitees für Ethik bei der Gesundheitsbehörde.

    Die Vorsitzende der Russischen Gesellschaft medizinischer Genetiker, Vera Ischewskaja, stellte ihrerseits fest, dass der „Fall Rebrikow“ klar und deutlich zeige, dass es in Russland keine Rechtsbasis gebe, die Menschen vor unkontrollierter Verwendung von genetischen Technologien schützen würde. Ihr zufolge müssten dringend Dokumente entwickelt werden, die solche Forschungen regeln würden.

    „In Großbritannien ist beispielsweise die genetische Veränderung von Embryonen nur zu Forschungszwecken erlaubt. Aber solche Forschungen verlaufen unter Kontrolle der Gesellschaft und des Staates“, so die Expertin. „Embryonen werden von Familien gespendet, in denen Frauen einer In-vitro-Fertilisation unterzogen werden. Das ruft zwar gewisse moralische Fragen hervor, aber es ist wichtig, dass solche Forschungen streng kontrolliert werden. In Russland gibt es jedoch keine Dokumente, die solche Prozesse regeln würden.“ Ischewskaja zufolge schadet der Biologe Rebrikow dem Ansehen Russlands in den Augen der internationalen Forschergemeinschaft, indem er sich bereit zeigt, ein Experiment zur Genveränderung von Embryonen durchzuführen. „Unsere Kollegen bekommen den Eindruck, dass man in unserem Land absolut alles ohne jegliche Kontrolle anstellen kann“, kritisierte die Expertin.

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