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     Leonardo DiCaprio bei der Premiere seines Dokumentarfilms „Ice on Fire“ in Los Angeles, 5. Juni 2019

    Filmstar DiCaprio lobt Schweizer Technologie gegen CO2 – Was ist dran?

    © REUTERS / MARIO ANZUONI
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    Climeworks will die Klimawende durch eine Technologie unterstützen, die Kohlenstoffdioxid aus der Luft entfernt. Der Ansatz wirkt so sensationell, dass sich Leonardo DiCaprio davon begeistern ließ und ihn in einem Dokumentarfilm hervorhob, der jüngst auf dem Cannes Filmfestival vorgestellt wurde. Doch hält die Technologie, was sie verspricht?

    Das Schweizer Unternehmen Climeworks hat einen neuen Fan: Der Schauspieler und Filmproduzent Leonardo DiCaprio hat in einem Dokumentarfilm zum Klimawandel das Unternehmen als einen der Kämpfer „ganz vorn an der Front“ dargestellt. Der Grund: Climeworks entfernt Kohlenstoffdioxid aus der Luft, ein Treibhausgas, das stark für den Klimawandel verantwortlich gemacht wird und Politiker zu einer Abkehr von fossilen Trägern wie Kohle, Kraftstoffen und Gas drängt.

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    Wie funktioniert die Technologie?

    „Man kann sich die Maschine als eine übergroße Waschmaschine vorstellen“, bemerkt Louise Charles, Sprecherin des Unternehmens. In dieser Maschine gebe es einen Ventilator, der die Umgebungsluft durch einen Kollektor leitet. Im Kollektor wiederum ein Filter angebracht, der selektiv CO2 auffange. „Sie können Sich das Filtermaterial wie einen Schwamm vorstellen. Wenn man einen Schwamm in Wasser taucht, saugt er sich voll und kann dann kein weiteres Wasser mehr aufnehmen. Dasselbe passiert auch bei unserem Filtermaterial: Es füllt sich mit CO2 an und wenn es gesättigt ist, verschließen wir den Kollektor, erhitzen ihn auf etwa 200 Grad Celsius und lösen dadurch das Kohlenstoffdioxid wieder vom Filter.“ Zum Betrieb einer solchen Anlage bedürfe es einer Stromversorgung, die derzeit aus der Verbrennung von Abfällen oder erneuerbaren Energien stamme. Zusätzlich müsse alle drei bis vier Jahre der Filter ausgetauscht werden.

    Getränke, Treibhäuser, synthetische Kraftstoffe und – Klimawende?

    Das CO2 selbst kann laut Climeworks für drei Zwecke verwendet werden. Zum einen kann das CO2 in der Getränke-Industrie eingesetzt werden, um Getränke mit CO2 zu versetzen. In diesem Bereich hat Climeworks laut Charles eine Zusammenarbeit mit Coca Cola HBC in der Schweiz angekündigt. Der Getränkeriese werde das CO2 von Climeworks in seinem Mineralwasser einsetzen. Ebenso könne das CO2 in Treibhäusern als Düngemittel verwendet werden, denn eine höhere Konzentration des Gases in der Luft lässt die Früchte besser gedeihen. „Wir haben hier in der Schweiz mit einem Treibhaus zusammengearbeitet und dabei den Ertrag um 20 Prozent erhöht“, merkt die Sprecherin an.

    Der zweite Zweck lautet erneuerbare Kraftstoffe und wächst derzeit auch schnell. Das für die Synthese der Kraftstoffe benötigte CO2 wird dabei an mehreren Orten von der Climeworks-Technologie zur Verfügung gestellt. Ein Beispiel ist etwa eine Demonstrationsanlage am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die derzeit bereits synthetische Kraftstoffe herstellt.

    In den obigen Fällen wird allerdings das CO2 wieder freigesetzt. Der dritte Zweck, zu dem Climeworks eingesetzt werden kann und den Leonardo DiCaprio im Sinn hat, ist die permanente Entfernung von CO2 aus der Luft. „Hier fangen wir das CO2, verkaufen es aber nicht, sondern versenken es in die Erde“, erklärt Charles. Nach diesem Schema funktioniert eine geothermiebetriebene Pilotanlage in Island, die seit 2017 im Betrieb ist. „Da wird das CO2 genommen, mit Wasser vermischt und unter die Erde in Gestein gepumpt. Da läuft eine chemische Reaktion ab und das CO2 wandelt sich in ein Mineral um und so der Atmosphäre entzogen“, so die Sprecherin. Ein Ausbau der Anlage ist in Planung.

    Hält Climeworks sein Versprechen? „Nur Teil der Lösung“

    Gefragt, ob Climeworks die Lösung für die CO2-Problematik sein kann, antwortet Charles: „Es sollte als Teil der Lösung betrachtet werden. Climeworks ist auf keinen Fall eine Wunderwaffe, es ist nicht die einzige Option.“ Immerhin: Charles findet, dass die Technologie helfen könnte, das Klimaziel von 1,5 Grad Celsius Erderwärmung für die Zukunft zu erreichen, was Milliarden von Tonnen CO2 bedeuten würde, die aus der Luft entfernt werden müssten.“

    Dafür bräuchte es etliche Millionen der Anlagen, die selbst wiederum leicht mehrere Millionen kosten können. Hinzu kommt die Stromversorgung dieser Maschinen, die bei dieser Größenordnung in nächster Zeit mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht aus erneuerbaren Energien gedeckt werden kann.

    Sputnik hat nachgerechnet: Eine Anlage des Typs DAC-36 mit 36 Kollektoren verbraucht laut Datenblatt 300-450 kWh Strom pro Tonne CO2 und bindet pro Tag etwa fünf Tonnen. Unter Annahme des geringsten Werts von 300 kWh pro Tonne CO2 ergibt sich ein Verbrauch von 547.500 kWh. Bei einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Jahresverbrauch von 7.140 kWh würde das knapp 77 Bürgern entsprechen. Von diesen Anlagen müssten allerdings Millionen gebaut werden.

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    Auf weitere Nachfrage merkt Charles an, dass das zur Verfügung gestellte technische Datenblatt alte Zahlen liefere und die Technologie schon weiter entwickelt sei, sodass solche hohen Ergebnisse nicht mehr aktuell seien. Sie geht davon aus, dass die weltweit implementierte Technologie bis 2040 drei bis sieben Terrawattstunden benötigen würde – je nachdem, ob das Klimaziel 1,5 Grad Celsius lautet oder weniger streng ausfällt. Da laut der Internationalen Energiebehörde (IEA) bis dahin die Kapazitäten von erneuerbaren Energien weltweit auf 40 Terrawattstunden ansteigen sollen, könnten diese Anlage aus ihrer Sicht durchaus versorgt werden.

    Bleibt die Frage, ob die Menschheit einen so großen Teil dieser Energie für den Betrieb dieser Anlagen aufwenden will. Climeworks erscheint aus dieser Perspektive und vor allem aus der Gegenwart als interessante Entwicklung, die bei überschüssiger Energie etwa eines Geothermiwerks auch für eine Reduktion des Kohlenstoffdioxids in der Luft eingesetzt werden kann. Darüber hinaus dürfte sie aber derzeit sdoch eher etwas für die Getränke-Industrie, Gewächshäuser und synthetische Kraftstoffproduktion sein.

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    Das Interview mit Louise Charles:

     

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    Tags:
    Verbrennung, Stromversorgung, Filter, Treibhausgas, Biokraftstoff, Schauspieler, Technologie, Coca-Cola, Getränke, Klimawandel, Treibhauseffekt, Schadstoffemissionen, CO2-Emissionen, CO2, Leonardo DiCaprio, Island, Schweiz, Schweizer Climeworks AG