22:55 20 November 2019
SNA Radio
    Flüchtlinge in einem Lager, Westsahara (Archiv)

    Grüne Sahara: Forscher wollen Flüchtlingslagern in Wüste Gemüseanbau ermöglichen

    © AP Photo / Toufik Doudou
    Wissen
    Zum Kurzlink
    Von
    9393
    Abonnieren

    100.000 Menschen harren seit Jahrzehnten in Flüchtlingslagern mitten in der Sahara aus. Die Versorgung ist knapp, Krankheiten sind oft die Folge. Das wollen ein algerischer Ingenieur und Fraunhofer-Forscher nun ändern – mit einem wassersparenden Anbausystem, mit dem die Lager ihr eigenes Gemüse mitten in der Wüste anbauen können.

    Gemüse in der Wüste? Die meisten dürften in dem Zusammenhang an die grünen Kreise mitten im Sand denken, die durch rotierende Sprinkler erzeugt werden. Aber solche Methoden sind nicht gerade wassersparend, auf freie Ackerflächen angewiesen und auch finanziell im Rahmen eines Flüchtlingslagers nicht leicht zu stemmen. Zumal solche Lager immer einen provisorischen Charakter haben, auch wenn sie wie die Flüchtlingslager im Südosten Algeriens schon seit langem bestehen.

    100.000 Flüchtlinge seit 40 Jahren in der Sahara

    Dort leben seit über 40 Jahren infolge des Konflikts um die Westsahara mehr als 100.000 Flüchtlinge in Lagern, die alles andere als provisorisch sind. Steinhaus steht an Steinhaus, einige darunter mit Strom- hier und da gar mit Internetanschluss, weiß Marc Beckett, Forscher vom Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) zu berichten, der 2017 vor Ort war und sich ein Bild von der Lage verschafft hat. Zu diesem Lagebild gehört auch, dass die Menschen trotz Zusammenarbeit mit dem Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen an Wasser- und Nahrungsmittelmangel leiden. Folgen des Mangels an Vitaminen und Spurenelementen sind Erkrankungen.

    Die Einwohner der Camps wollen sich mit der Situation nicht zufrieden geben und etwas daran verändern. Einer von ihnen ist Taleb Brahim, ein Ingenieur, der im Lager geboren wurde und ein hydroponisches System entwickelt hat, um wassersparend Gerste als Futtermittel für Ziegen und Kamele anzubauen. Denn die Tiere selbst ernährten sich von Müll wie Pappe und Plastik, waren dürr und gaben kaum Milch. Durch die Umsetzung des Systems konnte Taleb seine Ziegen plötzlich mit frischer Gerste ernähren, wodurch diese wiederum mehr Milch und Fleisch erzeugten.

    Die gehaltenen Ziegen und Kamele ernähren sich von Abfällen und sind teils unterernährt
    © Foto : WFP
    Die gehaltenen Ziegen und Kamele ernähren sich von Abfällen und sind teils unterernährt

    Auf dieses System wurden das WFP sowie das Fraunhofer IGB aufmerksam. „Wir wollen zusammen mit dem WFP und Taleb dieses System weiterentwickeln, damit Menschen Zugang zu Gemüse bekommen, das vor Ort nicht so einfach zu erhalten ist“, erklärt Beckett das Projekt namens „Greenup Sahara“ gegenüber Sputnik. „Das Allerschwierigste ist, dass diese Camps total isoliert sind, und entsprechend ist es sehr schwer, dort an Materialien zu kommen oder auch an entsprechende Lebensmittel.“

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Herzen, Knochen, Triebwerke und Törtchen aus dem 3D-Drucker: Gewinner 2019 – FOTOs<<<

    Bis zu 90 Prozent weniger Wasser

    Die Technik der Hydroponik dagegen ist mit wenigen Materialien leicht zu realisieren und ermöglicht die Nahrungsmittelproduktion auf engem Raum mit Wassereinsparungen von bis zu 90 Prozent. „Hydrokultur ist ein System, in dem die Pflanzen alles über das Wasser aufnehmen. Die Pflanzen sitzen in einem geschlossenen System, nur die Wurzeln sind im Kontakt mit dem Wasser und entnehmen diesem Nährstoffe und Düngemittel“, erklärt der Fraunhofer-Forscher die Technologie. „Diese geschlossenen Systeme können Röhren sein oder einfache Behälter, manche benutzen sogar Eimer. Es braucht in der Regel auch keine Pestizide, weil der Druck von Mikroorganismen im hydroponischen System deutlich geringer als im Boden ist. Die Pflanze muss sich nicht so stark verteidigen gegen Mikroorganismen.“ Bei der Dosierung der Nährstoffe gelte es, die jeweilige Pflanzenart sowie das Stadium, in dem sich diese befinde, zu beachten.

    Mit einem Hydroponik-System können die Tiere besser gehalten werden und eine eigene Gemüseproduktion verwirklicht werden
    © Foto : Fraunhofer IGB
    Mit einem Hydroponik-System können die Tiere besser gehalten werden und eine eigene Gemüseproduktion verwirklicht werden

    Ein weiteres Ziel, das die Forscher gemeinsam mit Taleb verfolgen ist es, das Wasser zu recyceln. Denn den Menschen stehen etwa 20 Liter Wasser pro Tag je Person zur Verfügung, was bereits unter dem humanitären Standard liege. Den Menschen zu erklären, dass von diesem Wasser noch etwas zur Gemüseproduktion abgezweigt werden soll, ist also eine schwere Aufgabe und deshalb sollte der Wasserbedarf hierfür bei einem Minimum liegen.

    Die bereits seit sehr langem bekannte Hydrokultur hat laut Beckett erst seit 20 Jahren mehr Beachtung gefunden und wurde näher erforscht. Sie könne auch dazu dienen, den ökologischen Fußabdruck von Nahrungsmitteln zu reduzieren, die Produktion näher an die Städte zu bringen und die Frage zu beantworten: „Wie können wir in Zukunft eine wachsende Weltbevölkerung mit Ansprüchen an Flächen, Nahrungsmittel, Wasser und andere biobasierte Rohstoffe versorgen und trotzdem in friedlichem Zusammenleben leben?“, so Beckett.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: „Sind wir alleine da draußen?“ – Suche nach Planeten in „Alpha Centauri“ gestartet<<<

    Crowdfunding als Alternative zu Forschungsgeldern

    Für die Finanzierung des Vorhabens wurden verschiedene Quellen herangezogen sowie eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Ein Grund für das Crowdfunding sei, dass hier ein komplizierter Anwendungsfall vorliege. „Wir reden von einem verstetigten Flüchtlingslager mitten in der Sahara und das ist wahrlich kein Disney Land. Ich muss wirklich gestehen, dass wir bislang wirklich Schwierigkeiten hatten, ausreichende Fördermittel einzuwerben“, so der Fraunhofer-Forscher. Problematisch sei zum einen, dass bei einer Förderung schnell „politische Aspekte ins Spiel“ kämen wie das Verhältnis von Algerien zu Marokko und das Verhältnis der beiden Länder zu Europa.

    Taleb Brahim und Marc Beckett im Gespräch vor Ort
    © Foto : WFP
    Taleb Brahim und Marc Beckett im Gespräch vor Ort

    Nicht weniger problematisch ist die Frage nach der Wirtschaftlichkeit: Für die klassische Forschungsförderung haben laut Beckett wirtschaftliche Verwertungsmöglichkeiten eine zunehmende Bedeutung. „Wir reden hier aber von einem humanitären Projekt, das voraussichtlich keine wirtschaftlichen Verwertungsmöglichkeiten bieten kann“, so der Forscher. Mit dem Versuch von Crowdfunding wolle das Fraunhofer auch prüfen, ob diese Finanzierung etwas sein könnte, womit auch künftige Projekte gefördert werden könnten. Schließlich sei die Problemlage in den Lagern in der Sahara in der Öffentlichkeit und in den Medien kaum präsent. Auch hier hofft Beckett, durch die Crowdfunding-Kampagne „weiter Initiativen anstoßen“ zu können.

    Die Startnext-Kampagne zum Projekt „Greenup Sahara“ läuft noch bis zum 4. Juli hier.

    Das Interview mit Marc Beckett in voller Länge:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Müll, Mangel, Nahrung, Forscher, Sahara, Flüchtlinge, Lebensmittel, Wüste