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00:54 21 August 2019
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    Die Besatzung der vorkommenden Sojus-Mission (v.l.n.r.): NASA-Astronaut Andrew Morgan, der Russe Alexander Skwortsow, und ihr ESA-Kollege aus Italien Luca Parmitano

    „Wissenschaft und Raumfahrt vom Einfluss der Politik so weit wie möglich frei halten“

    © Sputnik / Michail Woskressenskij
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    Natalia Pawlowa
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    Der Start des bemannten Raumfahrzeugs Sojus MS-13 mit einer internationalen Crew an Bord ist für den 20. Juli geplant. René Pischel, Leiter der Ständigen Mission der Europäischen Weltraumorganisation ESA in Russland, berichtet im Gespräch mit Sputnik über den bevorstehenden Start und neue Projekte mit Roskosmos und NASA.

    Die Besatzung besteht aus drei Personen: dem Russen Alexander Skwortsow, dem ESA-Astronauten italienischer Nationalität Luca Parmitano und dem Amerikaner Andrew Morgan. René Pischel wird beim Start auf dem Kosmodrom Baikonur auch dabei sein, zusammen mit einer etwa fünfzig Personen starken Delegation mit dem ESA Generaldirektor Johann-Dietrich Wörner an der Spitze.

    2009 wählte die ESA eine Gruppe von sechs neuen Astronauten aus. Der Erste, der aus dieser neuen Gruppe 2013 zur ISS startete, war Luca Parmitano. Am 20. Juli wird er seinen zweiten Raumflug antreten, nachdem im vergangenen Jahr der Deutsche Alexander Gerst der Erste aus dieser Gruppe war, der zum zweiten Mal zur ISS geflogen ist. „Man kann davon ausgehen, dass die nächsten ESA Flüge Zweitflüge von Astronauten sein werden, die aus dieser Gruppe von 2009 stammen, weil es bisher keine neue Astronautenauswahl bei der ESA gibt“, merkte Pischel an.

    „Die Mission wird diesmal lange dauern – mehr als 200 Tage - bis zum 6. Februar. Auf dem Programm steht eine Reihe von Außenbord-Einsätzen, EVAs (Extra Vehicular Activity) vom amerikanischen Segment aus, diese dienen unter anderem der Reparatur von verschiedenen Einrichtungen, die sich außerhalb der Station befinden. Dann natürlich wissenschaftliche Experimente und vielleicht sogar schon die erste bemannte Testmission mit einem amerikanischen Raumschiff“, sagte Pischel .

    Laut Pischel plant die amerikanische Seite, zwei verschiedene bemannte Raumschiffe einzusetzen. Es gab am Anfang des Jahres schon einen ersten unbemannten Flug mit dem Raumschiff von SpaceX. Dort gab es bei den Tests einige Probleme, die jetzt korrigiert werden sollen. Dann gibt es als zweites ein Raumschiff von Boeing „Starliner“. „Wir hoffen, dass in diesem Jahr zumindest ein unbemannter Testflug mit dem Starliner-Raumschiff stattfindet, und dann vielleicht sogar noch ein bemannter “, fügte Pischel hinzu.

    Es gebe wissenschaftliche Experimente, die fortgesetzt würden, sagte der ESA-Vertreter weiter.

    „Die großen Themen sind nach wie vor die Physiologie des Menschen, wie er im Weltall zurechtkommt, gerade in Hinsicht auf Langzeitflüge. Wir sind schon seit fünfzig Jahren in der Erdumlaufbahn, trotzdem haben wir nicht alle Probleme erforscht. Man muss auch sehen, wie sich Schwerelosigkeit und Langzeitflüge außerhalb der Erdumlaufbahn auf den Menschen auswirken werden. Dann gibt es rein wissenschaftliche Experimente wie z.B. Plasma Kristall 4. Dies wird die Qualität der Untersuchung des Partikelverhaltens im Plasma unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit signifikant verbessern. Obwohl es ein Flug der ESA ist, gibt es auch Experimente, die von nationalen Raumfahrtagenturen eingereicht werden. Ein insgesamt schönes Paket!“

    Die deutsch-russische Zusammenarbeit im Weltall ist umfangreich. So ist die Trägerrakete Proton-M mit der Oberstufe DM-03 und dem neuen Orbitalobservatorium Spektr-RG ein russisches Projekt mit deutscher Beteiligung. Von der deutschen Seite beteiligen sich daran das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und die Max-Planck-Gesellschaft. Spektr-RG ist ein Röntgen-Observatorium und besteht aus zwei Teleskopen:  Eines wurde von der russischen Seite, das zweite Teleskop eROSITA von der Max-Planck-Gesellschaft gebaut.

    Im Gegensatz zu den derzeit existierenden Röntgenteleskopen, deren Sichtfeld stark eingeschränkt ist, kann Spektr-RG den Himmel mit Rekordempfindlichkeit vollständig erfassen. Das Projekt habe Höhen und Tiefen erlebt, der Start habe am 21.Juni stattfinden sollen, sei aber wegen technischer Probleme verschoben worden, so Pischel. Inzwischen sei die Mission erfolgreich am 13. Juli von Baikonur gestartet worden.

    Die ESA habe mit der russischen Weltraumorganisation Roskosmos das sehr wichtige gemeinsame Programm ExoMars, betonte der Leiter der ESA-Mission in Russland.

    „Es besteht aus zwei Missionen, es geht letztlich um die Landung eines Mars-Rovers auf der Mars-Oberfläche. Der erste Teil des Programms wurde 2016 gestartet, mit vier wissenschaftlichen Experimenten – zwei davon sind europäisch, zwei russisch. Die Aufgabe dieses Raumschiffs, das sich auf einer Umlaufbahn um den Mars herum befindet, ist einerseits wissenschaftliche Forschung. Andererseits wird der Orbiter später als Relaisstation fungieren, wenn der Rover auf der Mars-Oberfläche ankommt.“

    Der Mond sei jetzt ein sehr großes Thema. Die ESA habe vor, sich an den russischen unbemannten Mondmissionen mit zu beteiligen. Die erste dieser Mondmissionen sei für 2021 geplant. „Die Amerikaner haben vor, 2024 auf dem Mond bemannt zu landen, was extrem sportlich ist“, schätzte Pischel ein.

    Was politische Auseinandersetzungen in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen betrifft, so könne man Politik niemals außen vor halten, betonte der Leiter der Ständigen ESA-Mission in Russland. „Andererseits ist auch klar, dass auf allen Seiten das Bestreben groß ist, die Brücken Wissenschaft und Raumfahrt von diesen direkten Einflüssen so weit wie möglich frei zu halten. Aus meiner Erfahrung gelingt das ganz gut, nicht zu 100 Prozent, aber man versucht, diese Brückenfunktion zu gewährleisten.“

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    Tags:
    René Pischel, Roskosmos, ESA, NASA