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01:23 16 Oktober 2019
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    Astronauten Neil Armstrong (R) und Buzz Aldrin von der Mondmission Apollo 11 auf dem NASA-Trainingsgelände (Archivbild)

    Den Wettlauf zum Mond gab es nicht – Weltraum-Historiker

    © REUTERS / NASA / Handout
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    Zwischen der einstigen Sowjetunion und den USA gab es nach Meinung des Historikers der Raumfahrt und Buchautors Gerhard Kowalski keinen Wettlauf bei den bemannten Programmen der Mondraumfahrt. Warum das so war, schilderte er im Sputnik-Interview.

    Die Sowjetunion hat  den Mond mit den Sonden der Luna-Serie erforscht. Mit der erfolgreichen Landung von Luna 9 im Oceanus Procellarum gelang am 3. Februar 1966 die erste weiche Landung auf dem Mond in der Geschichte der Raumfahrt. Die Sonde hat die Strahlung auf der Mondoberfläche gemessen und Panoramaaufnahmen der Mondoberfläche zurück zur Erde gesendet. „Es gab auch Fotos von der Rückseite des Mondes, aber über das bemannte Mondprogramm wurde damals in der Sowjetunion nichts gesagt.“ Auf die Frage „Warum?“, sagte Kowalski: „Darüber streiten sich die Wissenschaftler heute noch.“

    Er habe mehrfach die Gelegenheit gehabt, mit Wassili Mischin, der die „Nositel 1“, kurz N1, eine Trägerrakete für das sowjetische bemannte Mondprogramm gebaut hatte, als Dolmetscher zu arbeiten. „Mischin hat mir gesagt, es hat einen inneren Wettbewerb um das bemannte Mondprogramm zwischen ihm, Walentin Gluschko und Wladimir Tschelomej gegeben. Die wichtigsten Konstrukteure der sowjetischen Raumtechnik konnten sich nicht darüber einigen, wie die Rakete auszusehen hat, die die sowjetischen Kosmonauten, und Alexei Leonow sollte der erste sein, zum Mond bringt.“

    Wettbewerb der Konstrukteure von Raketentechnik

    Der Raumfahrt-Journalist sagte weiter: „Gluschko wollte, dass Hydrazin verwendet wird, hochtoxischer Treibstoff, der lagerfähig ist und für Militärraketen verwendet wird. Tschelomej hat auch eine leistungsstarke „Proton“-Trägerrakete gebaut, die ebenfalls mit Hydrazin fliegt. Dagegen meinte Mischin selbst, er wolle im Sinne des Chefkonstrukteurs der sowjetischen Raketentechnik Sergei Koroljow, der 1966 gestorben ist, mit Flüssigsauerstoff und Kerosin fliegen, was ökologisch sauber ist.“

    Es sei ein Streit zwischen den dreien entbrannt, so Kowalski, „den Mischin selbst als einen Wettbewerb bezeichnet hat, bei dem er verloren hat, weil er hinterher einen Nichtraketenkonstrukteur, nämlich Nikolaj Kusnezow, nehmen musste, der Triebwerke gebaut hat, aber nicht für Raketen, sondern für Flugzeuge. Und sie haben dann die N-1 gebaut, deren erste Stufe aus 30 Raketen bestand, die zu einem richtigen Stapel zusammengefasst waren. Damit bestand aber auch die Gefahr, dass eines von diesen Triebwerken kaputtgeht.“

    Nachholbedarf

    Außerdem hätte die damalige Sowjetunion keine Zeit mehr gehabt, diese ganzen Triebwerke zu testen, urteilt der Experte, „weil man in das bemannte Mondprogramm sehr spät eingestiegen war. Denn nach dem Flug von Gagarin hat der amerikanische Präsident Kennedy am 25. Mai 1961 gesagt, ‚wir wollen bis zum Ende des Jahrzehntes zum Mond fliegen und unsere Leute heil wieder zurückbringen‘. Darauf hat die Sowjetunion nicht reagiert. Chruschtschow hat die Sache nicht ernst genommen, bis er dann 1963, wie der Sohn von Gluschko, Alexander, darüber geschrieben hat, auf einmal sagte, ‚wir müssen uns doch mit einem bemannten Mondprogramm befassen‘.“

    Da waren die Amerikaner schon einen Schritt weiter. „Erst 1965 wurde ein bemanntes Mondprogramm in der Sowjetunion beschlossen“, führte der Weltraum-Historiker aus. „Dann brachte man die Rakete nicht zustande. Das bemannte Mondprogramm wurde aufgehoben.“

    Die Erforschung des natürlichen Satelliten der Erde hat die Sowjetunion aber mit Robotern fortgesetzt. Es gab ein Programm zur automatischen Lieferung von Proben von Mondboden mit Luna-Sonden (die letzte sowjetische Rückkehrsonde Luna 24 brachte im August 1976 170 g Mondgestein zur Erde). Die Mondmobile Lunochod 1 und 2, die ersten Fahrzeuge auf einem anderen Himmelskörper, konnten bis zu 42 km zurücklegen und automatisch oder ferngesteuert Aufnahmen und Untersuchungen der Mondoberfläche vornehmen.

    Zukunft russischer Mondflüge

    Russland plane jetzt einige Mondsonden, äußerte der Experte, „die das Luna-Programm aus Sowjetzeiten, das 1976 unterbrochen wurde, fortführen sollen. Luna 25 und Luna 27 sollen zwischen 2021 und 2025 zum Mond starten und landen. Luna 26 soll den Mond umkreisen. Und 2030 will Russland, wenn alles gut geht, jetzt auch den ersten Russen auf den Mond bringen. Allerdings hat die russische Weltraumorganisation Roskosmos nicht allzu viel Geld. Deswegen hat sie bis jetzt auch keine Rakete, die ein bemanntes Raumschiff zum Mond bringen könnte.“

    Das solle wohl eine neue Schwerlastrakete, die Sojus-5, werden, merkt Kowalski an. „Man hat auch noch kein Raumschiff für einen Flug zum Mond. Man baut jetzt das neue Raumschiff Federazija (Föderation), das wohl demnächst einen anderen Namen bekommen soll. Also sind die Voraussetzungen für einen bemannten Mondflug Russlands bis 2030 nicht die allerbesten.“

    Allerdings komme der Sache ein bisschen entgegen, dass „die Amerikaner, die 2024 erneut zum Mond fliegen wollen, und die NASA hat eine Menge Geld, aber das Geld reicht für die Rakete, die hochfliegen sollte, und für das Raumschiff nicht aus. Und es gibt starke Zweifel, dass das US-Vorhaben, verwirklicht werden kann.“

    Roboter oder Menschen?

    Eine im vorigen Jahr in den USA durchgeführte Umfrage zeigt auch, dass 44 Prozent der Befragten meinen, es sei nicht nötig, zum Mond zurückzukehren. Man solle lieber das Klima auf der Erde schützen und die Asteroiden untersuchen, die die Erde bedrohen. Kowalski meint jedoch dazu, dass man beides tun könne, „sowohl an die Umwelt und die Asteroidenabwehr denken, aber auch an die bemannte Mondfahrt. Man muss bloß wissen, welchen Platz man dieser Sache einräumt.“

    Man könne vieles auch mit Robotern tun, regt der Experte an, „aber über den Mond weiß man ja noch nicht so viel. Zwar gab es sechs bemannte Landungen mit vielen Apparaten, das waren jedoch immer nur punktuelle Landegebiete. Der Mond selbst ist noch überhaupt nicht richtig erforscht. Dabei gab es, ich denke, bisher nur einen Wissenschaftler, den Amerikaner Harrison Schmitt, der auf dem Mond war. Der Rest waren Astronauten bzw. Militärs. Wenn Wissenschaftler dort hinkämen, könnten sie eine Menge leisten. Das muss aber auch nicht ausschließlich ein Mensch sein. Man muss ja die Proportion zwischen bemannter und unbemannter Raumfahrt genau austarieren“, schlussfolgerte Kowalski.

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    Tags:
    Sowjetunion, UdSSR, USA, Mondmission, Apollo-11