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04:06 21 Oktober 2019
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    Windkraftanlage in Deutschland (Archiv)

    Trotz Klimawandel: Warum Ökostrom oft ungenutzt bleibt

    © AFP 2019 / Julian Stratenschulte / dpa
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    Was bringt der Ausbau der erneuerbaren Energien, wenn bei Erzeugungsspitzen der Strom einfach verpufft? Dabei gäbe es Technologien, um ihn sinnvoll zu speichern. Nur die gesetzlichen Rahmenbedingungen lassen auf sich warten, findet Simon Schäfer-Stradowsky, Geschäftsführer des Instituts für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM).

    Im Zuge des Erneuerbare-Energien-Gesetzes wurden in Deutschland regenerative Quellen in großem Stil ausgebaut. An manchen Tagen sammeln die Anlagen so viel Strom, dass dieser nicht vom Netz aufgenommen werden kann. Die Folge: Windräder und Solaranlagen werden einfach abgeschaltet und dürfen nichts mehr ins Netz einspeisen. Im Jahr 2017 waren es etwa über fünf Terawattstunden, die auf diese Weise ungenutzt verpufften.

    Die Technologien für Überschüsse sind da

    Dabei gibt es eine Reihe von Verfahren, die diesen Strom sinnvoll einsetzen könnten. Neben großen Speicherbatterien gibt es eine Reihe von sogenannten „Power to X“-Technologien, bei denen unter Spannung energiereiche chemische Verbindungen entstehen, die später wieder die gespeicherte Energie in chemischen Reaktionen freisetzten könnten. Das Spektrum der Substanzen reicht von der Hydrolyse von Wasser, bei der Wasserstoff entsteht, bis hin zu komplexen Kohlenwasserstoffen, mit denen gängige Motorfahrzeuge oder Flugzeuge betrieben werden könnten. Die Nachfrage ist also da, aber wie kommt man an den Überschussstrom?

    Neben jedem Windrad ein Speicher?

    „Das ist eine große Herausforderung. Nach aktuellem Stand müsste ich immer zwischen Erzeugungsanlage und Verbraucher oder Elektrolyseur eine Direktleitung bauen und nicht das Netz der öffentlichen Versorgung nutzen und das ist ein großes Hemmnis“, erklärt Simon Schäfer-Stradowsky, Geschäftsführer des Instituts für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM), das Problem im Sputnik-Interview.

    Es müsste also nach aktuellem Stand neben jedem Windrad ein Elektrolyseur installiert werden, wenn der ungenutzte Strom beispielsweise in Wasserstoff verwandelt werden soll. Die Aufstellung von unzähligen solchen Hydrolyseuren, die nur in bestimmten Situationen versorgt werden, wäre aber wiederum für die Unternehmen, die den Überschussstrom sammeln wollen, unrentabel.

    Gesamtkonzept sollte Stromflüsse sammeln

    Demgegenüber gelte es aus Sicht des Experten ein „Gesamtkonzept“ auszuarbeiten. Windparks, Photovoltaik-Anlagen, Batterien und Elektrolyseure für die Wasserstofferzeugung sollten verknüpft, idealerweise sogar über das Netz der allgemeinen Versorgung miteinander verbunden werden, sodass der Strom je nach Marktsignalen entweder zu den Verbrauchern oder in die Speichertechnologien fließt. „Es sollten doch auch über das Netz ein paar Windparks eingesammelt werden können und dann der Elektrolyseur an einem geeigneten Netzengpass stehen. Dann könnte man verhindern, dass jeder Windpark so eine Investition sammeln muss, sondern ein bisschen aggregieren“, so Schäfer-Stradowsky.

    Mehr Flexibilität für Energieerzeuger

    Wie sollte die Situation sich ändern? Nach Schäfer-Stradowsky muss ein Umdenken stattfinden in der derzeitigen Regelung der Strombelieferung. Denn die Betreiber müssen sich aktuell entscheiden, ob sie nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) vergütet werden wollen und dann bei Abschaltung eine niedrige Entschädigung für den verpufften Strom erhalten. Alternativ können sie auch sogenannte „Power-Purchase-Agreements“ (PPAs) mit internationalen Großkonzernen abschließen, die sich verpflichten eine bestimmte Menge Strom abzunehmen.

    „Bei den Erneuerbaren-Energien-Anlagen müssen wir weggehen von diesem Entweder-Oder“, findet der IKEM-Geschäftsführer. „Und wir müssen auf der Wasserstoffseite anerkennen, dass es nicht mehr nur eine Wasserstoffindustrie gibt für die chemische und die Stahlindustrie oder die Raffinerien, sondern dass Wasserstoff zunehmend zu einem Produkt wird in der Energiewirtschaft. Dafür brauchen wir ein Wasserstoffenergiewirtschaftsrecht, das es bisher nicht einmal in Ansätzen gibt.“

    Das Interview mit Simon Schäfer-Stradowsky in voller Länge:

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    Tags:
    Solarenergie, Erneuerbare Energien, Klimaschutz