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    „Es geht nicht darum, dass wir Rekorde brechen…“ – DWD-Meteorologe mit Tipps zur Hitzewelle

    © REUTERS / MICHAEL DALDER
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    Die gegenwärtigen Phasen ungewöhnlich hoher Temperaturen werden nach Überzeugung von Meteorologen keine Einzelfälle bleiben. Der Deutsche Wetterdienst DWD hat mit dem Umweltbundesamt UBA eine Broschüre erarbeitet „Klimawandel und Gesundheit“. Mit einem der Autoren hat Sputnik gesprochen. Er gibt Ratschläge, wie man sich und anderen helfen kann.

    Andreas Matzarakis ist Umweltmeteorologe an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg und zugleich Leiter des ebenfalls in Freiburg angesiedelten Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdiensts (DWD). In diesen Tagen ist Matzarakis ein Mann, der sich vor Medienanfragen kaum retten kann. Das hängt gewiss auch mit seiner Mitautorenschaft für eine Broschüre „Klimawandel und Gesundheit“ zusammen, die der DWD zusammen mit dem Umweltbundesamt (UBA) herausgibt und die sozusagen keine Minute zu spät erscheint. Auf 20 Seiten gibt es Tipps, wie man bei tropischen und subtropischen Temperaturen nicht nur seine Gesundheit schützt, sondern auch die von anderen.

    Denn Andreas Matzarakis predigt es inzwischen regelrecht: „Achten Sie auf ihre Mitmenschen!“ Er ist einigermaßen enttäuscht von Medien, die in den letzten Tagen mehr oder weniger auf Rekordjagd gegangen sind, statt das Publikum daran zu erinnern, dass vor allem alte und kranke Menschen unter den für diese Breiten eher untypisch hohen und vor allem untypisch langanhaltenden hohen Temperaturen leiden. Nachbarschaftshilfe sei deshalb geboten erzählt er im Sputnik-Gespräch: „Diese Nachbarschaftshilfe, das habe ich vergangenes Jahr glaube ich 200-mal gesagt, in diesem Jahr, glaube ich schon 600-mal.“

    Vor allem Ältere, Kranke und Kinder sind gefährdet

    Vor allem ältere Menschen sind sehr gefährdet, zu dehydrieren, also im wahrsten Wortsinn auszutrocknen, denn im Alter verändern sich Durstgefühl und Thermoregulation. Aber es hilft auch nichts, ältere Menschen sozusagen vorsorglich gegen ihren Willen abzufüllen, meint Andreas Matzarakis: „Der menschliche Körper kann nicht so viel Wasser verarbeiten. Soviel ich weiß, kann er nur 0,8 Liter pro Stunde verarbeiten. Ganz wichtig, in kleinen Portionen trinken. Und die älteren Menschen dazu animieren – Sie wissen, was das heißt: <positiv manipulieren> – dass sie etwas mehr trinken, vielleicht indem Sie mittrinken oder etwas mit Geschmack.“

    Zu den drei Risikogruppen zählen auch kranke Menschen und kleine Kinder. Gerade bei letzteren sollte man darauf achten, dass man ihrem verständlichen Drang nicht nachgibt, etwas Eiskaltes trinken zu wollen. Dieser Tipp gilt indes nicht nur für Kinder. Ganz allgemein plädieren Matzarakis und seine Kollegen vom Umweltbundesamt dafür, es mit kalten Getränken nicht zu übertreiben: „Stimmt. Sie müssen überlegen, wenn Sie was Kaltes trinken, muss der Körper das erstmal in seine Temperatur erwärmen, dafür muss er ja arbeiten. Das heißt Lauwarmes oder leicht Kaltes, das wäre eigentlich am besten.“

    Dass wir bei übermäßig hohen Temperaturen ausreichend Flüssigkeit zu uns nehmen sollten, liegt daran, dass der menschliche Körper durch Schwitzen eine Abkühlung erreichen will, weil mit dem Schweiß die überschüssige Wärme aus dem Körper geleitet wird. Dafür ist natürlich auch Luftbewegung nötig. Wir merken schnell, dass uns schwüles Wetter belastet. Der Mensch ist für Hitze scheinbar nicht geschaffen, erklärt Andreas Matzarakis: „Der Mensch kann besser mit Kälte umgehen, weil, er kann sich anpassen, was anziehen, sich ein bisschen mehr bewegen oder Aktivität machen oder er geht in Innenräume, wo es angenehmer ist. Aber bei der Hitze haben wir ein Problem.“

    Das liegt an einer ziemlich bemerkenswerten natürlichen Eigenschaft des menschlichen Körpers, der so genannten Körperkerntemperatur. Sie schwankt bei gesunden Menschen zwischen 36,3 und 37,4 Grad Celsius. Schon relativ geringe Abweichungen nach unten oder oben führen zu deutlich wahrnehmbaren Veränderungen in unserem Körper. Schon bei einer Abkühlung auf 35 Grad spricht die Medizin von Untertemperatur, eine Körperkerntemperatur von 33 Grad Celsius gilt sogar schon als Unterkühlung. Wir sind ziemlich schlecht darin, Temperaturen exakt zu empfinden.

    Menschen haben ein trügerisches Wärmeempfinden

    Andreas Matzarakis und seine Kollegen haben in der bereits erwähnten Broschüre das „Wärmeempfinden des Menschen“ beschrieben. So ist die „Gefühlte Temperatur“ für einen durchschnittlichen Erwachsenen an einem normalen warmen, sonnigen, windschwachen Tag höher als die tatsächlich gemessene Lufttemperatur: „Sie kann im Extremfall in Mitteleuropa bis 15 °C über der gemessenen Lufttemperatur liegen.“

    Dieses Phänomen unterscheidet sich in Innenräumen und im Freien deutlich, stellt Matzarakis immer wieder bei Versuchen mit seinen Studenten oder bei Meetings fest. Doch die einfache Faustregel, ab in den Schatten, ist mehr Faust als Regel für den Umweltmeteorologen: „Ich muss abwägen. Und ich muss schauen, dass ich möglichst die negativen Faktoren, die mein Wärme- oder Hitzeempfinden beeinflussen, reduziere. Und das ist einmal die Sonne, das sind Feuchte, eine hohe Temperatur und wenig Wind.“ Weshalb wohl eine klimatisierte Umgebung in einem Innenraum die bessere Alternative als bloß ein schattiges Plätzchen ist, wo die Luft mehr oder weniger „steht“.

    Der Deutsche Wetterdienst gibt auch Hitzewarnungen heraus. In zwei Stufen. Die höchste Stufe 2 wird ausgerufen, wenn schon die „gefühlte Temperatur“ bei 38 Grad Celcius liegt. Und die grundsätzlichen Verhaltensregeln lauten nach Andreas Matzarakis: „Trinken Sie viel, meiden Sie Hitze, meiden Sie die Sonne, reduzieren Sie Ihre Aktivität, halten Sie die Innenräume kühl, und bei Stufe 2 sagen wir auch, achten Sie auf ihre Mitmenschen, Nachbarschaftshilfe, das ist ganz, ganz wichtig.“

    Denn in Bezug auf die Intensität und die Dauer der Hitzewellen müssen wir uns nach Ansicht von Andreas Matzarakis darauf einstellen, dass diese Phänomene eher noch zu- als abnehmen werden. Was er beim Abschluss des Gespräches mit Sputniknews mit einem nachdenklichen Satz ergänzt: „Ich glaube, dass die Hitze 2018 und 2019 in den Köpfen der Menschen angekommen ist, ich bin mir nicht sicher, wie lange das anhalten wird.

    Das vollständige Interview mit Andreas Matzarakis zum Nachhören hier:

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    Tags:
    Klimawandel, Deutscher Wetterdienst DWD, DWD, Hitze, Deutschland