18:35 22 November 2019
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    Zelle in Maus-Embryonen (Archiv)

    Tiere als Organspender: Japanischer Forscher schleust menschliche Zellen in Maus-Embryonen

    © AFP 2019 / ANNE-CHRISTINE POUJOULAT
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    In Japan ist es ab sofort erlaubt, Tiere mit menschlichen Zellen bis zur Geburt auszutragen. Ein japanischer Forscher hat jetzt mit seiner Grundlagenforschung begonnen, indem er menschlich induzierte Stammzellen in Ratten- und Mäuseembryonen einschleust. Der Chef des Deutschen Ethikrats hat sich dazu in einem „Spiegel“-Interview geäußert.

    Das Expertengremium der japanischen Regierung gab grünes Licht für die Grundlagenversuche des dortigen Stammzellenforschers Hiromitsu Nakauchi. Das berichtete das internationale Wissenschaftsmagazin „Nature“ letzte Woche. Zweck dieser Tierversuche sei das Erzeugen von menschlichen Organen in Mäusen, Ratten und Schweinen. Nakauchi will laut „Nature“ die Embryonen vorerst nur einige Tage im Muttertier belassen, so dass diese die Embryos nicht austragen. Das ultimative Ziel dieser Forschungsreihe sei das Züchten von menschlichen Organen zur Verwendung im menschlichen Körper.

    Da es sich im Moment noch um Grundlagenforschung handelt, will er sich diesem Experiment erstmal mit Nagetieren annähern. Diese seien sowieso zu klein für das tatsächliche Heranzüchten von menschlichen Organen. Später will Nakauchi das Gleiche mit Schweinen probieren, die Embryonen sich jedoch auch nur bis zum 70. Tag im Mutterleib entwickeln lassen.

    Der Mensch im Tier

    So genannte Chimären sind laut „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in der Forschung kein Neuland. Schon seit Jahrzehnten werden Versuche durchgeführt, die eine eventuelle Lösung für die Knappheit von menschlichen Organen bieten könnten. So wird – auch in Deutschland – mit der Gentechnik geforscht. Dabei ist das Ziel, die Genstruktur so zu verändern, dass die Oberflächenmoleküle möglichst ähnlich wie die vom menschlichen Gewebe sind. Das soll mit Hilfe von sogenannten „Genscheren“ – wie zum Beispiel Crispr-Cas – erreicht werden. In Japan wird hingegen mit induzierten Stammzellen (iPS) experimentiert. Diese werden künstlich aus Blut oder Haut hergestellt und danach in den Tierembryo eingeschleust.

    Eine Studie von US-amerikanischen und britischen Forscher hat 2017 gezeigt, dass diese Stammzellen sich auch in anderen Bereichen des Tierkörpers ansiedeln können. Das setzt voraus, dass die beiden Arten – die des Embryos und die des Stammzellen-Lieferanten – sich ähnlich genug sind. So könnten sich der Studie zufolge Menschenzellen in einem Rattenkörper nicht verbreiten, in einem Schwein hingegen schon.

    Ethisch korrekt?

    Laut dem Magazin „Spiegel“ hätten sich auch einige kritische Stimmen gefunden. Dazu gehöre auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der von einem „klaren ethischen Megaverstoß“ sprach. Der Deutsche Ethikrat hingegen sehe das unproblematisch. Der Chef des Ethikrats, Peter Dabrock, hat mit dem „Spiegel“ ein Interview zum Sachverhalt geführt. Darin erklärt er, es sei nichts Neues bei diesen Experimenten dabei, das ihrer Stellungnahme aus dem Jahr 2011 widerspricht. „Eine rote Linie zieht der Ethikrat erst bei Tier-Mensch-Hybriden“, sagte Dabrock. Unter Hybriden verstehe er eine tatsächliche Kreuzung von tierischem und menschlichem Erbmaterial in jeder Zelle des Körpers. Aufgrund der Gefährdung der Abgrenzung des menschlichen Selbstverständnisses zum Tier sei dies problematisch.

    Zur Problematik, dass die Zellen sich an anderen Stellen des Tierkörpers ansiedeln, äußerte sich Dabrock folgendermaßen: „Nakauchi wird mit seiner Grundlagenforschung genauer prüfen, wie hoch das Risiko solcher ungewollter Effekte ist. Er hat zugesichert, die Versuche abzubrechen, falls sich menschliche Zellen an problematischen Orten ansiedeln.“

    Auch das Tierschutzgesetz soll bei diesen Experimenten Nakauchis berücksichtigt werden. Dabrock verstehe die Problematik der Tierschutz-Debatte bei Tierversuchen, sehe jedoch auch ein, dass der japanische Forscher ein wichtiges Ziel verfolgt: nämlich das Bekämpfen der Organknappheit. „Bevor jemand die Versuche von Nakauchi ablehnt, muss er sich daher selbstkritisch drei Fragen stellen: Bin ich bereit, Organe zu spenden? Esse ich Fleisch? Und nutze ich Medikamente, die nur dank Tierversuchen entwickelt werden konnten?“

    lm

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    Tags:
    Chimären, Zellen, Tiere, Japan