22:07 28 September 2020
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    In der Physik werden es immer mehr Unbekannte und in der Berichterstattung vermisst man zu oft die Rohdaten. Diese Zustände bemängelt der Physiker und Buchautor Alexander Unzicker und versucht einen Ausweg aus den Narrativen zu weisen. Sputnik hat mit ihm gesprochen.

    Was haben wachsende Unbekannte in der Physik mit zunehmenden Narrativen einer Gesellschaft gemeinsam? Dem Physiker und Buchautor Alexander Unzicker zufolge einiges, denn sie sind für ihn denkverwandt. „Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur. Anleitung zum Selberdenken in verrückten Zeiten“ nennt sich sein neues Buch im Westend. Dort schildert er Situation und Auswege für Menschen, die einer Informationsflut ausgesetzt sind.

    „Ich habe gesehen, dass es sehr viele Parallelen gibt zwischen Wissenschaft einerseits, und Politik und Gesellschaft andererseits. Da läuft einiges falsch“, schildert Unzicker den Anlass des Buchs gegenüber Sputnik.

    Zu den Gemeinsamkeiten der so wesensverschiedenen Bereiche bemerkt er: „Wie bilden wir aus Informationen ein Bild der Realität? Der Wissenschaftler hat Daten und versucht, sich diese zusammenzureimen in der Theorie. Der politisch interessierte Bürger hat Nachrichten und versucht sich irgendwie ein Weltbild daraus zu formen.“

    Narrative brechen mit historischen Kenntnissen?

    Das Problem in der Naturwissenschaft sei die immer weitere Zunahme von unbekannten Variablen, deren Klärung die Wissenschaftler auf später aufschieben. In Nachrichten sei die analoge Situation in der spärlichen Datenlage selbst zu finden. Das werde oft ausgeglichen durch die Einordnung eines Ereignisses in ein vorherrschendes Narrativ, das mit einer kollektiv erzeugten Erwartungshaltung in Einklang stehe. Hier fehle es vielen aus Sicht des Autors auch einfach an geschichtlichen Kenntnissen: „Entscheidend finde ich eine starke Konzentration auf die Gegenwart, die man in beiden Gebieten beobachtet. Wir sehen sowohl in der Wissenschaft als auch in der Gesellschaft eine große Konzentration auf das, was aktuell gerade passiert, was gerade durchs Dorf getrieben wird, was gerade in den Talkshows ist.“

    Deutungen misstrauen, die Kriege legitimieren

    Es gebe eine Reihe historischer Erfahrungen, bei denen durch erfundene Ereignisse, die in ein Narrativ passten, Kriege losgetreten wurden, betont er. „Hitler hat seinen Angriff gerechtfertigt mit dem angeblichen erfundenen Angriff der Polen. Die Bomben auf Nürnberg haben den Ersten Weltkrieg rechtfertigen müssen. Der erfundene Tonkin-Zwischenfall hat den Vietnamkrieg gerechtfertigt, und anders wird es heute auch nicht sein, wenn irgendwo bombardiert wird: Dann wird auch wieder eine Lüge erfunden, so wie im Irakkrieg“, sagt Unzicker. Deswegen sollte auch bei Streitigkeiten um Urheber von „Flugzeugabstürzen“ oder „angebliche Giftgasangriffe“ die Skepsis so lange gewahrt werden, bis die Daten alle auf dem Tisch sind – bei Ereignissen, die Kriege legitimieren sollen, erst recht.

    Von Geheimdiensten als Informationsquellen hält der Autor nichts. „Wir hören oft Nachrichten, in denen er heißt: ‚Das ist so und so, aber leider können wir nichts vorlegen, weil das geheim ist.‘ Das ist lächerlich. Oder ist die Geschichte überhaupt logisch konsistent? Sind immer zufällig die Länder auf der Welt die Bösen, die Erdöl haben?“, so Unzicker. Hier könne man sich am Leitbild des gewissenhaften Wissenschaftlers orientieren: „Wenn mir etwas erzählt wird, dann bin ich erstmal skeptisch, dann glaube ich erstmal gar nichts, wie ein guter Wissenschaftler, sondern versuche, mich an Evidenz zu halten.“

    Fundierte Meinungen bedürfen der Rohdaten

    Aber was ist Evidenz in der Berichterstattung? Für Unzicker sind das ganz klar die noch nicht überformten, noch nicht in ein Narrativ eingeordneten Rohdaten. Und wenn diese nicht auf den Tisch kommen, dann müsse der Nachrichtenkonsument: „vielleicht ein Stück weit damit leben, dass man es einfach nicht weiß. Man muss ja nicht zu allem eine Meinung haben.“ Als Vorbild führt Unzicker den Naturwissenschaftler Erwin Schrödinger, einen der Begründer der Quantenmechanik, an, der gesagt hatte: „Das wissenschaftliche Denken gibt sich lieber mit einer Lücke zufrieden, als eine Ausrede zu erfinden.“

    Nachrichtendiät statt Nachrichtentrog

    Nun legitimieren die meisten Nachrichten keine Kriege, sondern drehen sich oft um harmlose, zuweilen belanglose Vorgänge: Deshalb müsse der Internetnutzer oder Zeitungleser diese aber nicht unbekümmert konsumieren. Es gelte vielmehr „ein bisschen zu reflektieren und zu beobachten, was tut mir gut und welche Informationsaufnahme ist gesund fürs Gehirn. Man muss erst einmal anerkennen, dass wir eigentlich von der Evolution nicht für die moderne Welt geschaffen sind. Die Gene haben sich seit der Steinzeit nicht so besonders verändert. Neugier hatte seinen Sinn gehabt, als man besser wissen sollte, was vor der Höhle passiert“, so der Buchautor. Heute würden aber dieselben Emotionen dafür sorgen, dass die Menschen „alle möglichen Schrottnachrichten anklicken“, die auf ihn als wahre Nachrichtenflut einströmen. „Man kann sich nicht immer total abkapseln, aber so eine Art Mediendiät ist sicher etwas Gutes, wenn man sein Gehirn gebrauchen will“, findet Unzicker.

    Woher kommt die Bereitschaft zum Narrativ?

    Die Bereitschaft zum Narrativ hat aus Unzickers Sicht seine Entsprechung im Phänomen des „Herdentriebs“: „Die Bereitschaft des einzelnen, einem Narrativ zu folgen, ist letztlich ein psychologischer oder massenpsychologischer Effekt. Ich habe darüber nachgedacht, woher diese Degeneration oft kommt. Ich glaube, das geschieht, sobald wir eine Institutionalisierung haben, wo große Gruppen miteinander arbeiten, die vielleicht zuerst durchaus intelligent waren. Aber wenn große Gruppen mächtig werden, dann gibt es mit der Zeit eine Negativ-Evolution in Intelligenz und am Charakter, weil die richtigen Leute das Feld verlassen.“

    So sei es auch in der Teilchenphysik, einem stark finanzierten, riesigen Feld mit Aussicht auf Ansehen, die aber „die guten Leute“ heute oft nicht mehr interessiere. „Die gehen lieber woanders hin und zurück bleiben die anderen – und das tut einer Wissenschaft nicht gut“, so Unzicker. Auch in der Politik blieben am Ende immer die zurück, die nicht am Wohlergehen der Menschheit interessiert seien. Als Gegengewicht zu einer Politikerkaste, die oft nur noch die eigenen Interessen im Blick habe, brauche es starke Einzelpersonen. „Man braucht viele Individuen, die das Ganze immer auffrischen, und wir brauchen eine große Durchlässigkeit in beiden Gebieten, um der Vernunft auch wieder zum Recht zu verhelfen“, findet der Buchautor.

    Politiker sollten mehr Ehrlichkeit an den Tag legen

    Ein bisschen Verständnis hat er aber auch für die Politiker übrig, die bei internationalen Konflikten nicht dieselbe Distanz wahren können wie ein Nachrichtenkonsument und oft weitreichende Entscheidungen unter Zeitdruck fällen müssen. „Politiker kritisiert man gerne und sicher auch zu Recht. Nur, so richtig reinschauen in die Randbedingungen können auch die wenigsten. Wer hat denn nun die Informationen wirklich auf dem Tisch wie ein Regierungschef der großen Länder?“, fragt er. Erpressungsversuche spielen sich oft im Hintergrund ab und dringen gar nicht erst an die Öffentlichkeit.

    Hier weiß er nur einen Rat für die Regierenden: „Vielleicht braucht es ein bisschen Ehrlichkeit, sie sollten sich ein bisschen mehr sich trauen zu sagen, was Sache ist.“ Aktuell sei man von dieser Ehrlichkeit aber noch weit entfernt. „Im Moment ist es so: Wir sind im Westen Teil von einem Imperium, und das hält sich nicht an irgendwelche internationalen Regeln, seien es Völkerrecht, Menschenrechte oder Foltergesetze, sondern macht einfach, was es will“, so der Buchautor und Naturwissenschaftler.

    Das Interview mit Alexander Unzicker in voller Länge:

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    Tags:
    Physik, Umgang, Informationskrieg, Medien