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    Menschlicher Embryo

    „Ergebnis unvorhersehbar“: Russische Forscher über Schaffung von Mensch-Tier-Hybriden

    © AP Photo / FRED ERNST
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    In Japan wurden Experimente zur Schaffung von Hybrid-Embryonen von Mensch und Tier zur Züchtung menschlicher Organe erlaubt. Die Studie gibt die Hoffnung darauf, dass die Wissenschaft das Problem des Mangels an menschlichen Organen für die Transplantation lösen wird.

    Sputnik hat russische Wissenschaftler um eine Stellungnahme gebeten, warum diese Experimente einzigartig sind und auf welche Schwierigkeiten ihre japanischen Kollegen stoßen können.

    Wie die Zeitung „Asahi“ berichtet, führen japanische Wissenschaftler Experimente an kleinen Nagetieren durch, im Falle des Erfolges wollen sie mit der Schaffung von Chimären aus Mensch und Schwein beginnen. Der Embryo des Tieres soll ein bestimmtes menschliches Gen bekommen, das z.B. für die Schaffung der Bauchspeicheldrüse verantwortlich ist. Das Gen, das für die Schaffung dieses Organs bei Tieren zuständig ist – wird „abgeschaltet“.

    ​Der Leiter des Labors für Genetik der Stammzellen des „Medizinisch-genetischen Botschkow-Wissenschaftszentrums“, Prof Dr. Dmitri Goldstein, kommentierte die Methode, die vom japanischen Biologen Hiromitsu Nakauchi entwickelt wird:

    „Die Autoren der Methodik planen die Züchtung der menschlichen Organe im Körper der Tiere, beispielsweise der Schweine, aus Stammzellen, die unmittelbar vom Patienten erhalten wurden. Das ist aus der Sicht der Ethik ziemlich zulässig und kann gleichzeitig die Frage der immunologischen Kompatibilität lösen, weil dem Menschen ein Organ transplantiert wird, das aus seinen eigenen Zellen besteht. Doch zu erreichen, dass ein aus den Zellen des Tieres und des Menschen gezüchtetes Organ sich richtig bildet und funktioniert, wird nicht einfach sein. Eine große Füllung des neuen menschlichen Organs mit tierischen Zellen kann zu einer chronischen Entzündung führen“.

    Diese Befürchtungen werden auch vom Direktor des Nationalen medizinischen Schumakow-Forschungszentrums für Transplantologie und künstliche Organe, Sergej Gauthier, geteilt. „Was die japanischen Wissenschaftler zu machen versuchen, heißt Xenotransplantation. Das größte Hindernis bei der Nutzung dieser Methode ist die Gefahr der Infektion – es besteht die Gefahr, dass tierische Viren in den menschlichen Körper gelangen. Bei der Autotransplantation bestehen keine solchen Gefahren, weil der Mensch ein Spender für sich selbst bzw. einen anderen Menschen ist.“

    Vor der Billigung des Antrags für die Experimente erörterte die japanische Regierung die sozialen und ethischen Aspekte solcher Versuche. Die japanische Regierung kam zu dem Schluss, dass solche Forschungen unter der Bedingung erfolgen können, dass Wissenschaftler entsprechende Schritte zur Verhinderung eines uneindeutigen Wesens treffen, das genetisch zum Teil ein Mensch sein kann. Denn einige Experten drücken ernsthafte Besorgnisse darüber aus, dass menschliche Zellen nicht einfach ein notwendiges Organ bilden, sondern auch die Entwicklung des Gehirns und zentralen Nervensystems des experimentellen Tieres beeinflussen können.  Mit anderen Worten: Es bestehen Befürchtungen, dass die neuen Wesen wirkliche Chimären sein werden, die denken, Emotionen haben können u.a.

    Nakauchi betonte, dass er das Experiment abbrechen werde, wenn der Anteil der menschlichen Zellen im Gehirn der Embryonen mehr als 30 Prozent ausmachen wird.

    Allerdings drücken Forscher immer noch Besorgnisse wegen unvorhersehbaren Folgen solcher Experimente aus.

    „Niemand kann das endgültige Ergebnis dieser Experimente genau voraussagen“, so Sergej Gauthier. „Was wird mit dem Menschen, der die Gene eines Tieres und eines Menschen hat? Bekommt das Tier menschliche Fertigkeiten? Man erinnert sich an den bekannten Roman von H. G. Wells ‚Die Insel des Dr. Moreau‘, wo der Arzt den Tieren eine menschliche Gestalt verlieh. Das ist natürlich Science-Fiction, doch es liegt auf der Hand, dass genetische Technologien eine große Zukunft haben und wir nicht bis zum Ende wissen, wohin sie führen können. Aus diesem Grund werden solche Studien kontrolliert, in einigen Ländern sind sie sogar verboten. Die Wissenschaft bleibt nicht stehen, doch die menschliche Ethik lässt uns die Grenze bestimmen, die man weniger überschreiten sollte.“

    Die Idee, Tiere als Organspender für Menschen zu nutzen, ist nicht neu. Eines der bekanntesten Beispiele ist der Fall Stephanie Fae Beauclaire, der 1984 das Herz eines Pavians transplantiert wurde. 21 Tage nach der Operation starb sie wegen Abstoßung des Transplantates.

    Es gibt medizinische Startups, die ebenfalls in diesem Bereich mit Schweinen und Primaten arbeiten. Der Genforscher George Church gründete 2015 das Startup eGenesis, um eine alternative Quelle der sicheren und effektiven Organe, Gewebe und Zellen, die mit dem Menschen kompatibel sind, zu schaffen.

    Goldstein zufolge würde die Methode des Erhaltens menschlicher Organe aus den tierischen Zellen auch im Falle eines Erfolges kaum verbreitet sein, weil sie kostspielig ist. „Während der Arbeit mit Embryonen der Tiere ist die manuelle Arbeit von hochqualifizierten Spezialisten erforderlich, die Tiere müssen unter GMP-Bedingungen unterhalten werden. Das alles wird natürlich den Preis beeinflussen. Die Transplantation solcher Organe kann in der Zukunft nicht nur zur Behandlung, sondern auch zur aktiven Langlebigkeit erfolgen. Wegen der sehr hohen Kosten wird diese Methode nur für Reiche zugänglich sein“, so der Experte.

    Bis vor kurzem gab es in der Forschergemeinschaft ein offizielles Verbot für Klonen und Hybridisierung der Menschen. Doch selbst zur künstlichen Befruchtung verhielt man sich lange vorsichtig, erst mit dem Auftauchen des ersten „Babys aus dem Reagenzglas“ ist die Technologie offiziell anerkannt. Die Wissenschaft kann sich nicht ohne Experimente weiterentwickeln, es bleibt nur zu hoffen, dass die Biologen einen Weg zur Rettung von Menschenleben ohne Schaden für die Tiere finden können.

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    Tags:
    Chimären, Tier, Menschen, Transplantation, Forschung