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    Mensch-Affe-Mischwesen? So kann das enden – Forscher

    © Sputnik / Alexej Malhawko
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    Zwei Forscherteams beteiligen sich an einem eigenartigen Wettstreit: Es geht um die Entwicklung eines lebensfähigen Wesens aus Zellen verschiedener Tiere.

    In den vergangenen drei Jahren pflanzten die Forscher Ratten Mauszellen ein und fügten einem Schwein-Embryo menschliche Zellen bei. Folgt nun ein Mischwesen aus einem Menschen und einem Affen?

    Genetischer Wettlauf

    Im Januar 2017 hatten gleich zwei angesehene Forschungsmagazine („Nature“ und „Cell“) Beiträge veröffentlicht, die von etlichen internationalen Medien weiterverbreitet wurden. Der erste Beitrag wurde von Biologen von den Universitäten zu Tokio und zu Stanford geschrieben und der zweite von ihren Kollegen vom Salk Institute for Biological Studies (USA) und von der Katholischen Universität Murcia (Spanien). Die beiden Artikel waren gemischten Embryonen gewidmet: Lebewesen, deren Zellen DNA von verschiedenen Organismen beinhalten (normalerweise von zwei, manchmal aber sogar von drei oder vier).

    Ein Chimära-Embryo, das im Rahmen des Experiments vom Forscherteam aus dem Salk-Institut gezüchtet wurde

    Dabei handelt es sich jedoch nicht um Hybride, die durch die Kreuzung von Vertretern verschiedener Arten entstehen. Solche Lebewesen entstehen quasi künstlich, wenn Forscher in einem ganz bestimmten Moment der Entwicklung eines Embryos ihm Stammzellen eines für ihn fremden Tieres einpflanzen. Zu diesem Zweck wird mithilfe des so genannten „Genredaktors“ CRISPR/Cas9 selektiv ein Teil von Zellen des Embryos vernichtet, aus denen künftig dieses oder jenes Organ entstehen sollte. Dann werden dem Embryo Stammzellen einer anderen Art hinzugefügt. Diese entwickeln sich in das Organ, dessen ursprüngliche Zellen vernichtet wurden.

    Den Japanern ist es gelungen, auf diese Weise Ratten mit einer Mäuse-Bauchspeicheldrüse zu entwickeln. Die Amerikaner und Spanier haben nach Experimenten an Nagetieren lebensfähige Schweinembryonen mit menschlichen Muskeln kreiert. Und während dieses „halb Schwein, halb Nagetier“-Mischwesen aus ethischen Gründen 28 Tage später vernichtet wurde, durften die Ratten sogar gebärfähig werden. Dann wurden die Nagetiere getötet, und ihre Bauchspeicheldrüsen wurden diabeteskranken Mäusen eingepflanzt. Am Ende wurden diese Tiere sogar wieder gesund.

    „Bei all diesen Experimenten handelt es sich in erster Linie um das Potenzial für die Einpflanzung von menschlichen Organen in Tiere“, sagt der Experte des japanischen Instituts für physische und chemische Forschungen RIKEN, Oleg Gussew, der gleichzeitig das Labor für extreme Bioforschungen bei der Universität zu Kasan leitet. „In diesem Bereich der Regenerationsmedizin (Entwicklung von einzelnen menschlichen Organen außerhalb des Körpers) gab es bis zuletzt keine großen Fortschritte. Unsere Kollegen wollen sich bei diesen Experimenten überzeugen, dass diese Forschungsrichtung Entwicklungsaussichten hat.“

    Die Experimente mit Tieren und embryonalen menschlichen Zellen seien nach seinen Worten „eine Übergangsphase zwecks Bestätigung bzw. Leugnung der grundsätzlichen Möglichkeit, ein funktionierendes Organ mit einer fremden Umgebung zu schaffen.“

    Teilweise ein Mensch

    In diesem Sommer hat der Wettkampf der zwei Forscherteams ein neues Niveau erreicht. Im Juni veröffentlichten die Biologen mit Professor Hiromitsu Nakauchi von der Universität zu Tokio an der Spitze die vorläufige Version eines Beitrags, in dem ihre Experimente an Affenzellen geschildert wurden.

    Stammzellen eines Schimpansen wurden in fünftägige Embryonen von Makaken eingepflanzt – mit Erfolg. Aber die Vereinigung von Menschen- und Affenzellen erfolgte nur in der Petrischale. Aus dieser Mischung entstand übrigens ein funktionierendes Herzgewebe – aber auf die Fortsetzung des Experiments mit Menschenzellen am Schimpansenembryo wurde aus ethischen Gründen verzichtet.

    Einen Monat später bekam Professor Nakauchi von der japanischen Regierung die Genehmigung für die Transplantation eines Tierembryos mit Menschenzellen in die Gebärmutter eines Nagetiers.

    Der Embryo sollte sich dann im Uterus 14,5 Tage entwickeln – dann wird das Experiment eingestellt. Ähnliche Experimente könnten künftig auch an Ratten und Schweinen durchgeführt werden. Die Forscher versprechen, dass die Experimente sofort unterbrochen werden, falls im Gehirn des Embryos mehr als 30 Prozent von menschlichen Zellen entdeckt werden sollten. Deshalb muss man keine Angst haben, dass am Ende eine „halb Mensch, halb Maus“- oder „halb Mensch, halb Schwein“-Kreatur entstehen würden.

    Verbote umgehen

    Die Forscher vom Salk Institute und von der Universität Murcia machen ihrerseits keine solchen Vorbehalte. Laut der Zeitung „El País“ haben sie bereits den ersten Affenembryo mit menschlichen Zellen bekommen. Zu diesem Zweck mussten die Wissenschaftler ihre Kollegen aus China heranziehen, denn die Gesetze der Volksrepublik sind durchaus loyal in Bezug auf Experimente an Embryonen mit Menschenzellen.

    Das Mitglied des Forscherteams, Estrella Nuñes, erzählte Journalisten, dass Affenembryonen mit menschlichen Zellen sich normal entwickelt hätten – doch dann seien sie wiederum aus ethischen Gründen vernichtet worden. Allerdings präzisierte sie nicht, an welchem Tag das gemacht wurde.

    „Das endgültige Ziel ist, ein menschliches Organ zu kreieren, das transplantationsgeeignet wäre, aber die Wissenschaftler interessieren sich auch für den Weg zu diesem Ziel an sich“, so Nuñes gegenüber „El País“.

    Oleg Gussew stellte seinerseits fest, dass es bei solchen Forschungsarbeiten keine besonderen ethischen Schwierigkeiten gebe. „Es bestehen schon seit langem ganze Experimentmodelle in der Onkologie, wenn menschlicher Tumor Mäusen eingepflanzt wird. (…) Solche Modelle heißen ‚Xenograft‘. Aus meiner Sicht sind solche Dinge einander sehr ähnlich. Die Japaner versuchen, mithilfe einer ‚Leihmutter‘ Organe zu kriegen, die Organen aus menschlichen Embryonenzellen ähnlich wären: Sie werden nämlich Zellen nehmen, deren Programm schon bestimmt worden ist, und sehen, was mit ihnen innerhalb eines Tierkörpers wird. Natürlich wird es keine ‚Maus-Mensch-‘ oder ‚Affe-Mensch-Hybride‘ geben. Es geht eher um die Aufzucht von Organen oder sogar um erste Versuche auf diesem Gebiet. Was russische Forschungen in diesem Bereich angeht, so arbeiten einige Kollegen (unter anderem Mitarbeiter des Labors bei der Universität Kasan) mit Xenograften, aber auf dem Gebiet Krebsforschung. In der Basisbiologie gibt es keine solchen Projekte“, versicherte der Experte.

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    Tags:
    Forschung, Affe, Tier, Menschen