16:39 14 Dezember 2019
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    Gorilla im Moskauer Zoo (Archivbild)

    Werkzeuge der Evolution: Können Affen zum Menschen evolvieren?

    © Sputnik / Wladimir Astapkowitsch
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    Der Rückenstreifen-Kapuziner benutzt seit mehr als 3000 Jahren Steinwerkzeuge, die an jene erinnern, die in der Oldowan-Kultur angewendet wurden.

    Schimpansen können Werkzeuge zum Knacken von Nüssen, Fangen von Insekten und zur Jagd auf kleine Milchsäugetiere herstellen. Wissenschaftlern zufolge erbten die Affen diese Fähigkeit von einem Vorfahren, den sie mit dem Menschen gemeinsam haben, und entwickelten eine eigene Technologie.

    Affe habilis

    Im Laufe fast des gesamten vorherigen Jahrhunderts galten Menschen als einzige biologische Art, die Werkzeuge nicht nur einsetzen, sondern auch herstellen konnten. Aus diesem Merkmal stammten auch wichtige physiologische Merkmale des Menschen – das große Gehirn, der abstehende Daumen und das binokulare Sehen.

    Die britische Verhaltensforscherin Jane Goodall, die in den 1960er Jahren Schimpansen im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania beobachtete, bemerkte, dass sie vom Boden Zweige aufnehmen, sie von Blättern und kleineren Knaggen säubern und danach zum Fangen von Termiten nutzen. Aus Blättern und Moos fertigten die Primaten eine Art Schwämme, die Wasser aufsaugen konnten. Mit ihnen wurden die „Jagdwerkzeuge“ gewaschen. Zudem knackten sie Nüsse mit Steinen.

    Solche Steinhämmerchen, mehr als 4000 Jahre alt, wurden 2007 von kanadischen Anthropologen in der Elfenbeinküste entdeckt. An den Steinen waren Reste von Stärkemehl geblieben, das in Nüssen enthalten ist – der Lieblingsspeise von Schimpansen. Die Gebrauchsspuren an den Kanten der Werkzeuge bestätigten ebenfalls, dass die Steine zum Knacken von Nüssen genutzt wurden. Überreste von Urmenschen wurden nahe den Werkzeugen nicht gefunden.

    Laut den Verfassern der Studie beweist dies, dass die Affen sich selbst beibrachten, wie man die Steine benutzen muss. Eine weitere wahrscheinliche Erklärung ist, dass Schimpansen und Menschen diese Fertigkeit von einem gemeinsamen Vorfahren erbten. Das heißt, dass Homo sapiens nicht die einzige Art ist, die verstand, wie man aus Behelfsmitteln ein Werkzeug fertigen kann.

    Kulturelle Evolution der Kapuzineraffen

    Ein weiterer Beweis des guten technologischen Entwicklungsniveaus der Affen waren Steinhammer mit Spuren von Schlägen und abgespaltene Steinteilchen, die von britischen und brasilianischen Wissenschaftlern im Nationalpark Serra da Capivara in Brasilien entdeckt wurden. Die Radiokohlenstoffdatierung zeigte, dass die ältesten von ihnen vor mindestens 3000 Jahren gefertigt wurden.

    Von außen ähneln sie Werkzeugen der Oldowan-Kultur, die die alten Hominiden benutzten. Doch nahe der Artefakte wurden keine sterblichen Überreste der entfernten Vorfahren gefunden.

    Der Ort der Ausgrabungen ist den Primaten-Forschern gut bekannt – gerade hier knacken die Rückenstreifen-Kapuziner bis heute gerne ihre Cashewnüsse. Zudem beobachteten Wissenschaftler mehrmals, wie diese Affen mit einem Stein auf einen anderen hauen, wobei sich von den Steinen kleinere Teile abspalten, mit denen sie danach die feste Schale der Nüsse abziehen.

    Die in Brasilien entdeckten Werkzeuge der Rückenstreifen-Kapuziner
    © Foto : Falotico et al. / Nature Ecology & Evolution 2019
    Die in Brasilien entdeckten Werkzeuge der Rückenstreifen-Kapuziner

    Insgesamt entdeckten die Forscher rund 100 solcher alten Werkzeuge mit einem Gesamtgewicht von mehr als 50 Kilogramm. Sie unterscheiden sich stark voneinander nach Produktion und Nutzung.

    Während die Affen vor 3000 Jahren relativ einfache und kleine Werkzeuge herstellten (voraussichtlich zum Zerteilen von weicher Nahrung), wechselten sie vor etwa 500 Jahren zu großen und schweren Steinen. Anscheinend sind die Speisen fester und größer geworden. Nach weiteren 200 Jahren fanden die Kapuzineraffen Geschmack an Cashewnüssen, was sich sofort an ihren Werkzeugen zeigte – sie wurden leichter.

    Am Anfang nutzten die Kapuzineraffen grob abgespaltene Steine, doch mit der Zeit kamen schärfere zum Einsatz. Von einer Generation zur anderen entstanden zunehmend mehr. Den Forschern zufolge ist in diesem Sinne die „kulturelle Evolution“ der Affen vom technologischen Fortschritt unserer unmittelbaren Vorfahren fast nicht zu unterscheiden.

    Werkzeuge werden auch von thailändischen Javaneraffen (Krabbenessern) gefertigt, um die Schale der Krebstiere und Mollusken mit speziellen Steinen zu zertrümmern. Diese Fertigkeiten werden von den Primaten von einer Generation zur nächsten weitergereicht.

    Stolperstein

    Trotz des technologischen Fortschritts können Affen nie Mensch werden. Dazu fehle ihnen das Arbeitsgedächtnis, so US-Anthropologe Dwight Read. Laut Beobachtungen können sie nicht mehr als drei Gegenstände bearbeiten. Jene, die es gelernt haben, mit Menschen via Gesten zu kommunizieren, nutzen sehr selten Phrasen, die aus drei Wörtern bestehen und nie Phrasen aus vier und mehr Wörtern.

    Anscheinend ist der gleichzeitige Einsatz von drei Begriffen die Obergrenze der Möglichkeiten für moderne Primaten (außer dem Menschen). Anscheinend hatte auch der gemeinsame Vorfahre von Schimpanse und Mensch, der vor etwa sechs Millionen Jahren lebte, dieselben Rahmen. Andernfalls könnte man vermuten, dass unsere nächsten Verwandten intellektuell degradierten, allerdings gibt es keine Voraussetzungen für diese Hypothese.

    Zur Schaffung von etwas Komplizierterem als Faustkeile, die der Homo erectus benutzte, ist ein rekursives Denken erforderlich – die Fähigkeit, neue logische Operationen auf die Ergebnisse früherer Operationen anzuwenden. Das ist nur möglich, wenn das Arbeitsgedächtnis mehr als vier Konzepte gleichzeitig erfassen kann. Beim Menschen liegt diese Kennzahl bei sieben Konzepten. Laut Read konnten bereits der Homo habilis, der Kieselsteine mit einem Schnittrand anfertigte, vier Begriffe zugleich nutzen. Beim Homo erectus waren es fünf, beim Neandertaler und beim ersten Sapiens sechs.

    Die Merkmale der ersten „wahren menschlichen“ Kultur, die vor etwa 70.000 Jahren auftauchten, widerspiegeln wohl die Verbreitung einer genetischen Mutation, die das Fassungsvermögen des Arbeitsgedächtnisses bis auf siebe Begriffen erhöhte und dem Menschen alle Möglichkeiten des rekursiven Denkens eröffnete.

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