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    Medizinische Forschung (Symbolbild)

    Forscher entwickeln neuen Test für Krankheiten und Lebensspanne

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    Mit 14 Biomarkern wollen Forscher die Restlebensdauer von Patienten und ihre Anfälligkeit für bestimmte Erkrankungen messen. Das soll Entscheidungen in Krankenhäusern erleichtern und individuelle Behandlungen vorantreiben. Im nächsten Schritt wollen die Wissenschaftler die Marker im Tiermodell und in klinischen Studien untersuchen.

    Operationen im höheren Alter sind gefährlich. Ein Mensch, der mit einem Hüftbruch eingeliefert wird, kann nach einer erfolgreichen Hüft-OP an anderen Gesundheitsproblemen versterben, etwa an einem Herzinfarkt oder an einer Lungenentzündung. Man spricht von einem erhöhten Risiko für bestimmte Erkrankungen bei solchen Patienten. Umgekehrt kann auch ein Patient einen schweren Eingriff ohne jegliche Komplikationen überstehen.

    Um zu ermitteln, wie gefährdet der einzelne Patient tatsächlich ist, gibt es eine Reihe funktionaler Tests, denen man im Krankenhaus unterzogen wird. Zu diesen Tests gehören der Greifstärke-Test der Hände, Bewegungstests und die Ermittlung des Gleichgewichts.

    „Das sind alles funktionale Tests, die viel Zeit in Anspruch nehmen und die Hinweise darauf geben, ob der Patient generell geschwächt ist und der Arzt sich Sorgen machen muss, dass gewisse Behandlungen zu Komplikationen oder gar zu seinem Tod führen könnten“, merkt Eline Slagboom gegenüber Sputnik an.

    Neben den funktionalen Tests wünschen sich Mediziner verlässliche Aussagen über den allgemeinen Zustand des Patienten und etwaige Anfälligkeiten für künftige Erkrankungen oder wahrscheinliche Komplikationen. Hier können zwar die Selbstauskunft des Patienten, seine Krankenakte und die Aufzählung der Medikamente, die er einnimmt, weiterhelfen. Aber das sind bekannte Probleme – versteckte Anfälligkeiten, die bislang weder der Patient noch sein behandelnder Arzt festgestellt haben, lassen sich so nicht aufdecken.

    Ein Test für diese versteckten Risikofaktoren ist eine neue Blutanalyse mit insgesamt 14 Biomarkern, die die Restlebensdauer und Anfälligkeit für verschiedene Erkrankungen anzeigen sollen. Zur Isolierung dieser Biomarker hatten die Forscher Blutproben von insgesamt 44.168 Individuen aus großen niederländischen Biobanken untersucht, um Aussagen über die Restlebensdauer der Personen treffen zu können. Als Marker kristallisierten sich dabei unter anderem verschiedene Aminosäuren, der Gehalt an „gutem“ und „schlechtem“ Cholesterin, der Fettsäurehaushalt sowie bestimmte Entzündungsparameter heraus. Die Untersuchung hatte die Humanforscherin Slagboom vom Leiden University Medical Center (LUMC) initiiert und in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns durchgeführt.

    Neben dem Risiko einer Operation können durch den Test auch Risiken bei Krebsbehandlungen oder der Verabreichung von Medikamenten eingeschätzt werden. Ebenso kann auch die individuelle Betreuung des Patienten nach dem Ergebnis ausgerichtet werden, denn mancher Patient leidet bei Bettlägerigkeit an starkem Muskelschwund, der wiederum den gesamten Stoffwechsel in Mitleidenschaft zieht, erklärt Slagboom. Mit den Biomarkern könnten Betroffene erkannt und der Prozess durch Übungen hinausgezögert werden.

    Die Erkennung solcher Risiken ist deshalb möglich, weil die Prozesse, die sie bedingen, allgemeiner Natur sind. Es handelt sich etwa um Herz-Kreislauf-Erkrankungen, systemische Entzündungen und Insulin-Empfindlichkeit oder -Resistenz.

    „Das sind sehr allgemeine Prozesse, sie passieren überall in den Arterien und im Körpergewebe. Und diese Probleme sorgen für die Entwicklung vieler verschiedener Erkrankungen. Deswegen suchen wir nach Markern im Blut, die diese generellen Probleme widerspiegeln.“

    Ob mit den 14 Markern ein Überblick über die gesamte Gesundheitslage verschafft wird, ist laut den Forschern derzeit nicht klar. Die durchgeführte Studie sei Teil eines „Masterplans“, so Slagboom. Man habe aber schon hier zeigen können, dass die Stoffwechselprodukte, auf die hin das Blut analysiert wird, das Risiko für Osteoarthritis, Demenz und kardiovaskuläre Erkrankungen anzeigen können. In weiteren Studien soll also untersucht werden, was die Marker konkret noch abbilden und was vielleicht nicht. Dazu gehört die Frage, was sie über das Immunsystem, den Stoffwechsel, Muskelstärke oder kognitive Fähigkeiten aussagen.

    Im Blut gibt es mehrere Tausend Stoffwechselprodukte, die in Analysen adressiert werden können, es ist also denkbar, dass die Zahl der Marker noch steigen wird. Hier ist es wichtig, die Balance zwischen Detailreichtum und Standardisierung abzudecken. Denn diese Auswertungen sollen im Idealfall viele unterschiedliche Biobanken mit den dort gesammelten Blutproben durchführen, sodass möglichst viele Daten gesammelt werden, die wiederum dazu beitragen, die Bandbreite dieser neuen Methode zu bestimmen.

    Die nächsten Schritte sind ganz in diesem Sinne zu verstehen: „Wir wollen die Marker systematisch bei Studien verwenden“, betont Joris Deelen, Forscher am Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns und Erstautor der Studie gegenüber Sputnik. Die neue Methode soll auf eine Reihe bereits laufender klinischer und Populationsstudien angewandt werden, bei denen bereits Daten vorliegen und Blutproben untersucht werden können. Ebenso sind für die Forscher Versuche am Tiermodell interessant. Hier wollen sie prüfen, ob es dieselben oder ähnliche Stoffwechselprodukte bei Mäusen gibt, mit denen Gesundheit und Alter der Tiere gemessen werden können. Sollte dies gelingen, wollen sie in einem nächsten Schritt die Resultate der Untersuchungen am Tiermodell auf den Menschen zurückübersetzen.

    Das Versprechen des Verfahrens: Kostengünstig und standardisiert soll es sein und in Zukunft idealerweise nicht nur über Patientengruppen, sondern über jeden Einzelpatienten etwas aussagen können, sodass das Verfahren auch zugleich die passende individualisierte Therapie an die Hand geben könnte.

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    Tags:
    Forschung, Alter, Max-Planck-Institut