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23:42 19 September 2019
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    Umweltbelastung durch Chemiefabrik in China (Archivbild)

    „Ein ‚Weiter so!‘ ändert nichts“ – Physiker rechnen bei der Energiewende nach

    © REUTERS / Thomas Peter
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    In den letzten zehn Jahren hat sich trotz Ausbaus der erneuerbaren Energien am CO2-Ausstoß nichts geändert. Klimaziele erreicht man so nicht, finden Physiker der Heidelberger Universität in einem Positionspapier. Sie betonen auch die Rolle von Energieeinsparungen, erneuerbaren Energien an geeigneten Standorten und einer neuen Abwägung von Kernkraft.

    Bis 2030 soll im Rahmen der Klimawende der Ausstoß klimaschädlicher Gase um 40 Prozent gesenkt werden, bis 2050 sogar um mindestens 80 Prozent. Das sind hohe Ziele – und leicht zu verfehlen. Besonders, wenn man sich die Entwicklungen in den letzten zehn Jahren anschaut, wie es Physiker der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg gemacht haben.

    Denn anhand von Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) zeigen sie in ihrem Papier zunächst, dass der Ausstoß von Kohlenstoffdioxid in den letzten zehn Jahren konstant geblieben ist. Einen kleinen Rückgang im Jahr 2018 sehen die Forscher nicht durch kluge Klimapolitik, sondern durch einen milderen Winter bedingt. Auch der massive Rückgang nach der Wiedervereinigung um ein ganzes Viertel begründet sich für sie nicht in Effizienz und Fortschritt, sondern in der Deindustrialisierung der neuen Bundesländer.

    Windkraftanlage in Deutschland (Archiv)
    © AFP 2019 / Julian Stratenschulte / dpa
    Wenn sich der Rückgang von zehn Jahren auf null beläuft, warum sollte das in den nächsten Jahren anders sein? Diese Frage stellt sich angesichts der Zahlen. Dabei gibt es doch immer wieder Erfolgsmeldungen aus dem Stromsektor, in dem der Anteil der erneuerbaren Energien immer größer wird. Am 01. Mai etwa machte die Erfolgsmeldung die Runde, dass Deutschland zum ersten Mal 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien bezogen hätte.

    Aber abgesehen davon, dass der Strom nur zum Teil eingespeist werden kann, liegt laut den Heidelberger Forschern der Fehler darin, den Strommix als Bezugspunkt für die Klimawende zu nehmen. Denn dieser macht gerade einmal 18 Prozent des Energieverbrauchs der Bundesrepublik aus und ist damit auch nur für einen entsprechenden Anteil von Treibhausgasen verantwortlich. Noch kleiner wird dann der Anteil der privaten Haushalte, die 25 Prozent von diesen 18 Prozent zu verantworten haben.

    „Selbst, wenn alle Haushalte in Deutschland ihren Strom aus erneuerbaren Quellen bezögen, so wären erst sechs Prozent des 80 Prozent-Ziels zur Klimagasvermeidung bis 2050 geschafft“, fassen die Physiker zusammen.

    Doch dabei hören die Missverständnisse nicht auf, die zu einem übersteigerten Optimismus führen. Ein beliebtes solches Missverständnis ist aus Sicht der Heidelberger Forscher die Verwechslung von installierter und nutzbarer Leistung. Denn nur, weil etwa eine Windkraftanlage bis zu zweieinhalb Megawatt Leistung erzeugen kann, heißt es noch lange nicht, dass sie es tut. Wichtig ist vielmehr die Leistung, die sie tatsächlich im Jahresdurchschnitt bereitstellt. Bedingt ist diese durch Windstärke, Wartungsarbeiten und den aktuellen Strombedarf, der auch zum Abschalten einer Anlage führen kann. Bei einer Anlage sei die nutzbare Leistung gerade einmal ein Viertel der installierten Leistung, bei einer Photovoltaikanlage sogar lediglich ein Achtel.

    Schließlich betonen die Forscher auch das Problem, dass eine Stromversorgung, die auf erneuerbaren Energien beruht, bei Mangel an Sonne und Wind die Grundlast nicht sicherstellen kann, sodass weitere, meist fossile Kraftwerke in Betrieb bleiben müssen.

    Die Wissenschaftler machen eine Reihe von Vorschlägen zum weiteren Vorgehen in der verzwickten Debatte. Allem voran sei wichtig, „die korrekten Zahlen vorzulegen“, damit es nicht zu „Fehlinvestitionen und Enttäuschungen“ käme. In diesem Zuge sei es auch wichtig, „ergebnisoffen“ zu handeln, also zu schauen, welcher eingeschlagene Weg wirklich weiter beschritten werden kann. Denn auf die Industrie könne man sich nicht verlassen, da sie immer „teure Lösungen bevorzugt“.

    Einen wichtigen Schritt sehen die Physiker im Bereich Energieeinsparungen. Zwölf Prozent weniger Kraftstoffverbrauch im Verkehr etwa würden mehr Energie einsparen, als alle Windkraftanlagen zusammen liefern. In den vergangenen zehn Jahren habe sich aber die Menge neu zugelassener PKW um elf Prozent erhöht. Auch bei energieeffizienteren Wohnungen sehen die Physiker Potential.

    Bei der künftigen Energieversorgung betonen die Forscher die Rolle der Sonnenergie an Orten, an denen sie voll ausgeschöpft werden kann, etwa den äquatornahen Wüsten der Erde. Auch für die Windenergie gebe es entsprechende Standorte. Auch für die Kernkraft macht sich das Papier stark. Es heißt: „Die Gefahren der Kernkraft (Kernspaltung oder Kernfusion) sollten im Vergleich zu den Gefahren des Klimawandels bewertet werden.“ Besonders hervorgehoben wird im letzteren Zusammenhang die Entwicklung von sogenannten „Brutreaktoren“, die kein weiteres Kohlenstoffdioxid freisetzen und wegen der unermesslichen Brennstoffverfügbarkeit auch als „erneuerbar“ bezeichnet werden.

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    Tags:
    CO2-Emissionen, CO2, Umweltschutz, Umweltbelastung, Forschung, Energiequelle, Energie, Energiemarkt, Atomkraft