Widgets Magazine
04:31 23 September 2019
SNA Radio
    Menschen (Symbolbild)

    Demografischer Dönerspieß – Wie schlimm sind Deutschlands Schrumpfung und ihre Folgen wirklich?

    CC0 / Pixabay/Free-Photos
    Wissen
    Zum Kurzlink
    Von
    523087
    Abonnieren

    Asien und Afrika wachsen unaufhaltsam – Europa hingegen hat Angst, zu schrumpfen und abgehängt zu werden. Genau davor warnen Viktor Orban und seine Mitstreiter. Doch wie ist es tatsächlich um den demografischen Wandel bestellt? Und muss er uns Angst machen?

    Ende vergangener Woche lud Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban zum dritten Mal Soziologen, Demografen und Politiker nach Budapest ein, um beim „Demografiegipfel” über die Frage zu diskutieren, wie Europa mit niedrigen Geburtenraten und alternden Bevölkerungsstrukturen umgehen soll.

    Dass Orban kein Freund der Massenzuwanderung ist, dürfte kein Geheimnis sein. Zugleich gibt sein Land EU-weit mit etwa 4,5 Prozent seines BIPs am meisten für die Familienpolitik aus. Und so standen sich auch bei dem Gipfel thematisch die Stärkung der traditionellen Familie einerseits und Migration, Klimaschutz und das liberale Wertesystem andererseits gegenüber. Wenn beispielsweise Englands Prinz Harry und seine Gattin Meghan Markle verkünden, sie wollten nur zwei Kinder haben, weil das besser für das Klima sei, dann sei das eine Haltung, durch die „unsere Länder kleiner und schwächer werden“, so Ehrengast Tony Abbott, ehemaliger Ministerpräsident von Australien.

    Der Westen schrumpfe, andere Länder wie China würden derweil wachsen. Die Ordnung in der Welt ändere sich somit zum Nachteil des Westens und wo immer im Westen überhaupt noch Bevölkerungswachstum stattfinde, sei es durch Einwanderung. Mitschuldig an der Geburtenkrise ist laut Philip Blond, seinerzeit Berater des früheren britischen Ministerpräsidenten David Cameron, das liberale Wertesystem, in dem familiäre Werte der egoistischen Selbstoptimierung des Individuums geopfert werden.

    Sind das nur populistische Parolen eines kleinen, konservativen Kreises oder wie ernst ist es tatsächlich um den demografischen Wandel bestellt? Ein Blick in die Statistiken.

    Dass nicht nur China wächst, sondern ganz Asien, bestätigen auch die Zahlen. Schon heute leben in Asien rund 60 Prozent der Weltbevölkerung, Tendenz steigend. Prognosen zufolge wird dabei Indien schon bald sein Nachbarland China als einwohnerstärkstes Land ablösen. Laut den Annahmen werden in Asien die rund 4,3 Milliarden Einwohner (Stand 2013) bis zum Jahr 2050 auf bereits 5,164 Milliarden anwachsen.

    Der am schnellsten wachsende Kontinent ist jedoch nicht Asien, sondern Afrika. Dort leben heute 15 Prozent der Weltbevölkerung, für 2050 rechnen die Experten mit rund 2,4 Milliarden Menschen auf dem Afrikanischen Kontinent. „In keiner anderen Weltregion bekommen die Frauen so viele Kinder, vor allem in der Region südlich der Sahara sind die Zahlen hoch. Im Zeitraum 2010-2015 lag die Fertilitätsrate bei rund 5,1 Kindern pro Frau“, heißt es zur Erklärung im Bericht zu Demografie weltweit der Bundeszentrale für politische Bildung. Grund dafür sei zum einen, dass in vielen ländlichen Regionen Afrikas Frauen kaum Zugang zu Bildung hätten.

    Forschungen des Vienna Institute of Demography haben belegt, dass dort, wo Frauen eigene Entscheidungen treffen und wirtschaftlich unabhängig vom Mann leben können, auch die Geburtenzahlen zurückgehen. Ein anderer Faktor sei der teils große Einfluss der christlichen Kirchen, die bisweilen den Einsatz von Verhütungsmitteln verbieten würden. Lag Europa im Jahr 1950 in puncto Bevölkerungsreichtum an Platz Zwei, ist es trotz eigenem Wachstum bereits deutlich hinter Asien und Afrika zurückgeblieben und soll laut Prognosen bis 2050 auch nur unwesentlich wachsen. Ähnlich verhält es sich mit den dahinter platzierten Nordamerika und Lateinamerika.

    Deutschland gehört der „alten Welt“ an – nicht nur historisch, sondern auch in nackten Zahlen ausgedrückt. Laut Schätzungen des Statistischen Bundesamtes lag das Durchschnittsalter 2015 in der BRD bei 44 Jahren und drei Monaten. Zum Vergleich: Das Durchschnittsalter weltweit war laut Vereinten Nationen bei gerade einmal 29,6 Jahren. 

    „Bis 2030 soll es in der Bundesrepublik laut Prognose des letzten Weltbevölkerungsberichts der Vereinten Nationen auf 48,6 Jahre ansteigen, nur sechs Staaten (China, Griechenland, Spanien, Portugal, Italien und Japan) werden dann eine ältere Bevölkerung haben. Der europäische Altersdurchschnitt soll dann bei 44,7 Jahren liegen”, so der Ausblick im Demografiebericht der BPB.

    Neben den immer älter werdenden Alten, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung daher vergleichsweise hoch ist, gibt es in Deutschland nur wenig Nachwuchs. „Auch die Fertilität ist derzeit in Deutschland (1,5 Kinder pro Frau) unter dem europäischen Durchschnitt von 1,6 und dem Durchschnitt der OECD-Länder (1,76). In den kommenden Jahrzehnten soll diese Zahl laut UN-Bevölkerungsvorausberechnung zwar auf durchschnittlich 1,62 Kinder pro Frau steigen, damit aber noch immer im unteren Drittel der Industrienationen bleiben.“ Wurden bis in die 1970er Jahre in Deutschland noch mehr Menschen geboren als gestorben sind, hat sich das Verhältnis seither umgekehrt. So sind beispielsweise 2016 bundesweit 792.141 Kinder geboren worden, während im selben Jahr 910.902 Menschen starben. Aus dem „Bevölkerungstannenbaum“ von 1910 ist somit eine „Bevölkerungszwiebel“ geworden, die bis 2060 aller Voraussicht nach zum „Bevölkerungsdönerspieß“ mutieren wird.

    Wenn sich die Gesellschaftspyramide dergestalt verändere, so sei das sozial vielleicht nachteilig, ökonomisch gesehen aber nicht, so Mathematiker Gerd Bosbach (Hochschule Koblenz):

    „Ich sehe damit erstmal kein großes Problem. Ich sehe mir das letzte Jahrhundert an und schaue: Wie sind wir mit der Alterung der Gesellschaft umgegangen, was hat es denn gebracht? Wir sind deutlich reicher geworden, wir konnten den Sozialstaat massiv ausbauen. Und das, obwohl wir mit zwei Weltkriegen sehr viele Menschen und sehr viel Material vernichtet haben. Dass es mit dem Älterwerden auch mehr Rentner gibt, haben wir seit der Wiedervereinigung. Wir sind fünf Jahre älter geworden, haben 20 Prozent mehr Rentner und 14 Prozent weniger Nachwuchs. Da kann man sagen: nicht zu bewältigen! Katastrophe! Und in dieser Zeit haben wir real 40 Prozent mehr produziert.“

    Das zu erwartende Ergebnis einer sich umkehrenden Pyramide: Die Einwohnerzahl wird in den nächsten Jahrzehnten merklich sinken. Wie stark der Rückgang sein wird, hängt weniger von der Geburtenrate ab (die zuletzt wieder leicht angestiegen ist) und auch nicht von der immer höher werdenden Lebenserwartung, sondern vielmehr davon, inwieweit der Zuzug von außen das entstandene Minus wird ausgleichen können. Selbst bei einem Wanderungssaldo von 200.000 würde demnach bei einer Geburtenrate von 1,6 Kindern je Frau und einer Lebenserwartung von 86,7 Jahren (Jungen) bzw. 90,4 Jahren (Mädchen) unsere Bevölkerung nach einem kurzen Anstieg wieder schrumpfen.

    „Laut Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2015 sollte die Bevölkerung in Deutschland bei einem gleichbleibenden Geburtenniveau von heute 82 Millionen auf 67 bis 73 Millionen Menschen im Jahr 2060 zurückgehen. Aufgrund der großen Zahl an Zuwanderinnen und Zuwanderern im gleichen Jahr wurde diese 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung im Frühjahr 2017 aktualisiert: Demnach wird die Bevölkerung in den kommenden fünf Jahren nun sogar steigen und anschließend bis 2035 auf das derzeitige Niveau sinken. Im Jahr 2060 soll sie bei 76,5 Millionen liegen. Ob diese Prognose tatsächlich zutrifft, wird jedoch erst nach einer neuen Bevölkerungsvorausberechnung absehbar sein“, so das Fazit des Demografieberichts der BPB.

    „Es gab viel Panikmache mit der sinkenden Bevölkerungszahl. Seitdem ist Deutschland aufgrund der Zuwanderung gewachsen und wird aufgrund der verstärkten Wanderungsbewegung zumindest mittelfristig auch weiter wachsen. Das heißt, wir hätten eigentlich Wachstum planen müssen: Mehr Kindertagesstätten, mehr Schulen, mehr Universitäten, mehr Lehrer und Professoren. Stattdessen haben die Finanzminister unter der Prämisse, Deutschland schrumpft, im Bildungsbereich eingespart. Jetzt stehen wir vor der Katastrophe, dass wir viel mehr Kinder haben, als wir vernünftig erziehen können“, so Mathematiker Bosbach.

    Was sich jetzt schon beobachten lässt: Die Anzahl der (meist jungen) Flüchtlinge, die seit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 jährlich nach Deutschland kommen, nimmt stetig ab. Waren es zu Beginn noch Millionen, kamen laut offiziellen Zahlen 2017 nur noch 416.000 Menschen nach Deutschland. Laut Prognosen wird der langfristige Wanderungssaldo bei maximal 200.000 Menschen im Jahr liegen. Doch selbst ein trotz Zuwanderung geschrumpftes Deutschland muss uns keine Angst machen, resümiert Bosbach. Denn:

    „Wenn man in die skandinavischen Länder schaut, sieht man deutlich, wie gut ein Land existieren kann, wo die Bevölkerungsdichte sehr gering ist. Das sind doch keine Länder, die kurz vorm Hungertuch sind.“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Gipfel, Demographie, Demografie, Viktor Orban, Bevölkerung, Menschen