18:02 10 Dezember 2019
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    Popping – ein Tanz gegen Parkinson

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    Für an Parkinson Leidende ist das Alltagsleben eine wahre seelische und vor allem körperliche Qual. Würden sie ihren eigenen Körper kontrollieren können, wäre ihr Alltag wieder lebenswert. Unterricht in Popping könnte Abhilfe schaffen – ein junger Italiener hat ein geniales Tanzprojekt für an der Nervenkrankheit leidende Menschen ins Leben gerufen.

    Popping ist ein Tanzstil, der in den 1970er-Jahren in der Hip-Hop-Kultur entstand. Er basiert auf der Kontraktion und Entspannung der Muskeln, wonach der Effekt eines plötzlichen Zusammenzuckens entsteht. Tanzlehrer Simone Sistarelli hat ein Popping-Tanzprojekt für Menschen, die an der Parkinson-Krankheit leiden, entwickelt. Seit 2015 können sich in London an Parkinson Erkrankte kostenlos unterrichten lassen. Dabei lernen sie, mit anderen Menschen im Tanzrhythmus zu kommunizieren.

    Das Tanzprojekt ist mittlerweile auch in Italien sehr gefragt: Kostenloser Unterricht wird in Turin und Brescia angeboten. Um das Projekt voranzutreiben, werden Spenden gesammelt. Wie Popping den Patienten hilft, den eigenen Körper wieder zu beherrschen, darüber sprach ein Sputnik-Korrespondent mit dem Gründer des Projekts, Simone Sistarelli.

    Simone, worin besteht das Wesen von Popping?

    Das ist ein Tanz, der Ende der 70er-Jahre in Kalifornien entstand. Das machte auch Michael Jackson; das ist der berühmte Robotertanz. Wenn sie sehen, dass sich der Mensch beim Tanzen ruckartig bewegt, heißt es in den meisten Fällen, dass es sich dabei um eine Popping-Technik handelt. Der Tanz basiert auf einer absichtlichen plötzlichen Kontraktion und Entspannung der Muskeln, wodurch der Effekt eines Stromschlags entsteht. Der Stil wurde in den 80er-Jahren dank zahlreichen Musikvideos und Filmen populär.

    Wie haben Sie diesen Stil erlernt?

    Ich habe damit in Italien begonnen, woher ich stamme. Ich habe mit zehn Jahren Tanzunterricht bekommen, mit Popping begann ich mit etwa zwölf Jahren. Danach begann ich, mit verschiedenen Lehrern zu üben, Workshops in ganz Italien abzuhalten. Vor acht Jahren zog ich nach London um, um Tanz an einem Konservatorium zu studieren, doch ich machte weiter mit Popping als Hobby.

    Wie kamen Sie auf die Idee, Popping für Menschen mit der Parkinson-Krankheit zu unterrichten?

    Ich startete dieses Projekt aus mehreren Gründen. Zunächst dachte ich darüber nach, dass wir beim Popping mit der Musik zittern, und Menschen mit Parkinson zittern ohne Musik. Ich dachte mir, dass diese Menschen ihr Zittern an die Musik anpassen könnten, und dies toll wäre. So kam ich auf die Idee, dieses Projekt ins Leben zu rufen.

    Wir sollten nicht vergessen, dass Menschen mit der Parkinson-Krankheit sozial stigmatisiert sind, weil über diese Krankheit nicht viel bekannt ist, weshalb sie in der Gesellschaft isoliert sind. Popping ist ein lustiger und elektrisierender Tanz. Dank Michael Jackson kennen ihn alle.

    In der Hip-Hop-Kultur wird gelehrt, dass wir zu unseren Gunsten alles nutzen sollen, was wir können. Hip-Hop entstand dank Jugendlichen aus Bronx, die genug vom Elend und der Kriminalität hatten. Statt in Depression zu verfallen, begannen sie über eigene Probleme zu singen. So verwandelten sie ihre Probleme in eine Sache, die sehr populär wurde und die ganze Welt eroberte.

    Die Hauptidee dahinter ist, die eigenen Schwächen in Stärken zu verwandeln, was gerade mit Menschen mit der Parkinson-Krankheit dank des vibrierenden Popping geschieht. Wir verwandeln negative Erscheinungen in positive dank der Sprache des Tanzens.

    Welche Ergebnisse sahen Sie bei Menschen mit Parkinson dank diesem Tanz?

    Es gibt sehr viele Vorteile: in erster Linie geht es dabei um die Verwandlung des Patienten in einen Studierenden, denn die Umgebung und sie selbst nehmen sich als Kranke wahr, die jeden Tag Medikamente einnehmen. Beim Popping-Unterricht wird ihre Krankheit nur zum Anlass für ein Treffen – dort sind sie keine Patienten mehr, sondern Studierende, die sich wieder daran erinnern, dass sie alle einfach Menschen sind. Zudem können sie kommunizieren und sich einbezogen fühlen.

    Aus psychologischer Sicht entdecken diese Menschen bei sich den Wunsch, etwas Neues zu erlernen, und bekommen wieder die Fähigkeit, den eigenen Körper zu kontrollieren, also auch ihr eigenes Leben. Ich bemühe mich, diese positiven Ergebnisse aus einer wissenschaftlichen Sicht zu messen. Ich mache eine Studie zusammen mit der Hertfordshire University in England. In ein paar Jahren wollen wir einen Bericht mit den Ergebnissen zu diesem Thema veröffentlichen. Alle Ergebnisse können gemessen werden – sowohl mit meinen ständigen Schülern als auch mit Menschen, die den Unterricht nur einmal besucht haben, als ich in ihre Stadt kam. Das ist zwar eine einfache, jedoch unglaublich effektive Verwandlung.

    Ist der Unterricht kostenpflichtig?

    Der Unterricht ist kostenlos, weil wir nicht an fremden Krankheiten verdienen wollen. Wir würden gerne Sponsoren bekommen. Ich unterrichte weiter an der Tanzschule für alle. Dieses Projekt wurde nicht mit dem Ziel gestartet, an Menschen mit Parkinson zu verdienen.

    Das Projekt entstand in London, doch Sie reisen rund um die Welt. Hat Popping für Menschen mit Parkinson auch Italien erreicht?

    2015 beendete ich mein Studium am Konservatorium in London und blieb dort wohnen. Nach etwa drei Jahren wurde ein wöchentlicher Unterricht in Turin gestartet - das war im vergangenen Jahr. Die Nachfrage war so groß, dass wir zwei Kurse statt einem starten mussten. Derzeit werden unsere Kurse in London von den städtischen Behörden finanziert. Der Wochenkurs mit zwei Unterrichtseinheiten in Turin ist ebenfalls gratis, doch um ihn fortsetzen zu können, haben wir damit begonnen, Geld zu sammeln. In der kommenden Woche werden wir einen neuen kostenlosen Wochenkurs in Bergamo anbieten.

    In der vergangenen Woche unterrichtete ich in New York. Ich reise auch viel durch Großbritannien, war mehrmals in Berlin. Ich bemühe mich, so viel wie möglich zu reisen. Ich möchte, dass die Popping-Kurse für Parkinson-Kranke einmal zu einer weltweiten Marke werden und in vielen Städten stattfinden – das ist mein Endziel.

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    Tags:
    Kontrolle, Körper, Hilfe, Tanz, Parkinson-Krankheit, Großbritannien