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    Für ein langes Leben braucht man Inspiration, behauptet der führende russische Gerontologe und Geriater Waleri Nowossjolow. Dazu gehören auch Lebenswille und Lebenslust. Charakteristisch ist das für Intellektuelle. Man soll so lange weiterarbeiten, wie es eben geht, etwa ein Buch über sein Leben schreiben.

    Dadurch lasse sich herausfinden, wozu man gelebt habe, sagte er im Sputnik-Gespräch bei der Präsentation seines Buches „Warum wir altern“. Die gute Gemütsverfassung und das Interesse am Leben erzeugen einen der wichtigsten Geroprotektoren („Alterungsvorbeuger“), eine Substanz, die die Lebenserwartung vergrößert. Nach seiner Auffassung stellt das Altern die zeitliche Form des Lebens dar. „Denn der Organismus entwickelt sich ständig. In einem unveränderlichen Zustand ist kein Leben möglich. Leben ist halt Altern. Es kann gestoppt werden nur über den Stillstand des Lebens selbst. Der Alterungsprozess ist eine Gegebenheit. Dafür ist sogar ein neues Fachwort entstanden: ,Apoptose‘, ,Laubfall‘, der genetisch vorprogrammierte Selbstmord der Zellen.“

    Wenn der Dezember da ist, lässt sich der Laubfall nicht aufhalten, stellen die Forscher fest. Das trifft auch auf das Alter zu: das Laufen macht Schwierigkeiten und das Gedächtnis lässt nach. Training sei zwar gesund, ändere aber nicht viel daran, meint der Geriater. „Eine Ausnahme dürfte der Kopf, das Gehirn, bilden. Die ‚primären Stammzellen‛, welche für Jugend sorgen, werden durch Übung aktiviert. Mit Hochschulabschluss lebt man länger als ohne. Noch länger aber leben Wissenschaftler, etwa mit Professorentitel. Auch Akademiemitglieder leben länger, jeder Dreißigste von ihnen ist älter als 90. Am längsten leben aber Nobelpreisträger, bei ihnen ist es jeder Sechste. Genauso lange leben Harfenistinnen.“

    Besonders unangenehme Probleme verursache uns mit zunehmendem Alter gerade unser Hirn, so der Gerontologe weiter. „Unser Gedächtnis und allerlei höhere kortikale Funktionen gehen häufig so stark zurück, dass dies selbst bei einem normalen Altern eine Störung verursachen kann (Alzheimer-, Parkinson-Krankheit). Man wird nicht nur unfähig, ein volles Leben zu führen, sondern muss dauernd medizinische Hilfe in Anspruch nehmen.“

    Heutzutage gibt es weltweit etwa 500.000 Menschen über 100, die 65-Jährigen machen rund 650 Millionen aus und werden gegen 2050 mit rund zwei Milliarden dreimal so viele sein. In seinem Buch schreibt Nowossjolow: „Wenn man mit einem langen Leben rechnet, weil die eigene Mutter oder Großmutter 90 Jahre erreicht hat, hat man nicht ganz recht. Die Langlebigkeit wird vorwiegend von der Lebensführung bestimmt, während der Einfluss der Gene 10 Prozent ausmacht. Hauptsache, man findet das Leben spannend. Allerdings wird die Grundlage für die Langlebigkeit laut einem der bedeutendsten Ärzte des Altertums Galen noch in der Jugend geschaffen.“

    Die Formel, die Nowossjolow in den 30 Jahren Altersforschung entwickelt hat, lautet: „Es ist wichtiger, würdig als lange zu leben. Füllen Sie Ihr Leben mit Sinn, und es wird länger dauern. In Japan, einem Land, wo viele lange leben, bleiben die Menschen auf milderen Anfangsetappen des Alterns berufstätig und versuchen noch, Geld zu verdienen. Doch lässt sich das nicht bis ins Endlose fortsetzen.“

    Waleri Nowossjolow signiert sein Buch
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Waleri Nowossjolow signiert sein Buch

    Für ein langes Leben empfiehlt der Geriater, von Schichtarbeit abzusehen, bei der die Schlafenszeit wechselt. „Wenn ich einen Patienten über 90 mit Demenz übernehme, normalisiere ich fürs Erste sein Schlafmuster, denn der Schlaf ist ein wichtiger Anpassungszustand. Fürs Leben ist der Schlaf-Wach-Rhythmus von Bedeutung sowie auch die Berücksichtigung physiologischer Zyklen — den Tages-, Jahreszyklus usw. Folglich muss man zu derselben Zeit ins Bett gehen, denn ändert man die Zeit immer wieder, ändert man dadurch auch die eigenen Rhythmen.“

    Hängt das Großstadtleben mit der Alterung zusammen?

    Eine Großstadt bedeutet schlechte Umweltlage, Lärmbelastung, Stress und wenig Toleranz einander gegenüber, so der Gerontologe. „Jedoch leben die meisten Hundertjährigen laut dem russischen Statistikamt Rosstat nicht etwa im Kaukasus, wie es hierzulande allgemein geglaubt wird, sondern in Moskau und Petersburg. Zum 1. Januar 2016 gab es in Moskau gemäß der Volkszählung und der anschließenden Auswertung 4135 Personen im Alter von über 100 Jahren. Ein Jahr später waren es bereits 5300. Heutzutage sind es noch mehr. Generell hat die Anzahl von Menschen über 100 in Russland mit 17.000 das Niveau der einstigen Sowjetunion erreicht.“

    Allerdings lebt man in Europa länger als in Russland, weil man dort besser lebt, unterstreicht Nowossjolow. „In Russland liegt die aktuelle Lebenserwartung mit 73,65 Jahren weit unter der Lebenserwartung unserer europäischen Nachbarn. Da spielen sozialwirtschaftliche Faktoren eine Rolle. Es ist unser besonderer Weg. Wir haben nie lange gelebt.“ Er führt auch ein Beispiel an. Unter den Ärzten von Lenin waren sieben Deutsche, zwei Schweden und 21 Russen, alles weltbekannte Professoren. Dennoch erreichten die Russen ein Durchschnittsalter von 68 und die Ausländer von 80,5 Jahren.“

    60-jährige russische Bürger weisen auch mehr Krankheiten auf, stellt der Geriater traurig fest. „Das Syndrom von Muskelschwund, von Skelettmuskelabbau stellt sich hierzulande sieben bis acht Jahre früher als in Europa ein. Und das Altern beginnt früher. Es lässt sich berechnen, wann sich bei einem das erste neurotische Syndrom gemeldet hat, etwa die Altersschwäche, mit ihr fängt schon das Altern an. Im Allgemeinen sind die Russen in derselben Lebensphase älter als unsere europäischen Nachbarn.“

    Ferner wies Nowossjolow darauf hin, die Todesfurcht sei die wichtigste Angst im Leben eines jeden. „Auch das Gegenteil davon kommt vor, wenn ein Mensch sich selbst den Tod wünscht. Alle ernsthaften Gespräche im Leben, insbesondere über die Endlichkeit des Lebens, sind ein Bestandteil des Lebens selbst. Der Tod kann dem Leben jedoch seinen Sinn nicht rauben. Dafür kann die Furcht vor dem bevorstehenden Tod einem im direkten wie im übertragenen Sinne das Leben rauben. Man versteht einerseits, dass die Verinnerlichung des Todes zu den Hauptfaktoren der Evolution des Menschen gehört, will andererseits aber nicht daran glauben.“

    Empfehlungen des Geriaters

    „Versuchen Sie, an die formelle Altersgrenze von 60 Jahren mit einem Minimum an Erkrankungen und in gutem funktionalen Zustand, in bestmöglicher körperlicher Form heranzukommen. Dieses Ziel an sich hilft Ihnen, die Vorarbeit für eine gesunde und aktive Langlebigkeit zu leisten. Die Einsamkeit ist ein Feind alter Leute. Ein einsamer Mensch hat keinen, an den er sich im Notfall wenden kann. Ich rate Ihnen, bleiben Sie nicht allein, suchen Sie Gesellschaft. Auch das Verletzungsrisiko ist auf ein Minimum zu reduzieren.“

    Dagegen ist Nowossjolow hinsichtlich der Ernährung ziemlich großzügig: „Klar, dass Sie nicht täglich Rosinenschnecken essen sollen. Sind Sie aber aktiv, können Sie sich regelmäßig sowohl Fettes als auch Salziges und Süßes leisten, weil die Freude im Leben auch ein guter Geroprotektor ist. Wenn man gesunde Speisen den leckeren vorzieht, heißt das, dass das hohe Alter schon da ist. Richard Gere sagte einmal: ,Man meint, Altern ist ein Altersuntergang, wie es ein Sonnenuntergang in der Natur ist. Aber es gibt Untergänge, bei denen man stehen bleibt und zuschaut‘.“

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    Tags:
    Analyse, Alterung, Forscher