07:31 18 November 2019
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    Schafft der Müll uns ab? – Günter Dehoust vom Freiburger Öko-Institut klärt auf

    © AFP 2019 / LAKRUWAN WANNIARACHCHI
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    Eher wird es uns gelingen, den Müll abzuschaffen, meint er. Wenn man diese Aufgabe nicht anpackt und die Herausforderungen nicht löst, dann werden die Probleme immer größer. Und irgendwann muss man bereit sein, dafür an notwendigem finanziellem Aufwand mehr zu zahlen.

    Ein Problem bestehe darin, so Dehoust im Sputnik-Interview, dass viele Leute denken, der Abfall habe so viel Wert, dass es sich selbst finanziere – die ganze Behandlung, getrennte Erfassung, Sortierung usw. „Das ist leider nicht der Fall. Man muss etwas dafür aufbringen. Dann hat man auch viele Vorteile: Man schafft viele Arbeitsplätze und auch viel Wert. Das ist inzwischen in Deutschland durchaus relevant. Man kann viele Ressourcen bereitstellen und viele gute Produkte aus dem Recyclingmaterial machen. Bis man aber getrennt gesammelt, sortiert und aufbereitet hat, kostet das am Ende des Tages Geld.“

    Der Experte fährt fort:

    „Wir stehen noch ganz am Anfang der Problemlösung, dass wir Abfälle eigentlich lieber vermeiden möchten. Wir kämpfen jetzt dafür, dass weniger Abfälle produziert werden und dass die Abfallentsorgung dadurch weniger Arbeit hat. Das bedeutet, die Produkte müssen gar nicht erst in der Menge hergestellt werden wie heute. Damit ist die Einsparung am effektivsten. Um das zu erreichen, müssten Produkte in der Qualität besser werden, und sie müssten so gebaut werden, dass sie möglichst langlebig sind.“

    Und dann könne der Nutzer sie entweder länger benutzen, regt Dehoust an, und produziere damit weniger Abfälle. Er könne sie auch weiterverkaufen, wenn er mal etwas Neues wolle. „Aber nur gute Produkte kann man weiterverkaufen. Die Reparatur von defekten Elektrogeräten und Autos lohnt sich nur bei guten Produkten. Deshalb kämpfen wir dafür, dass man die Anforderung an Produkte – es gibt die verschiedenen Normen der Industrie und Ökodesignrichtlinien – so anhebt, dass die einfachen billigen Produkte, die häufig ihren Zweck gar nicht erfüllen, möglichst gar nicht mehr verkauft werden dürfen.“

    Der Experte für nachhaltige Stoffströme und Kreislaufwirtschaft führt weiter aus: „Wir versuchen durchzusetzen, dass die Garantiezeiten verlängert werden müssen, um so dafür zu sorgen, dass nur noch gute Produkte da sind. Und bei guten Produkten zeigt die Erfahrung: Sie werden am Ende nicht weggeworfen. Für sie gibt es einen Markt, auch wenn sie gebraucht sind.“

    Jedes Jahr ein neues Smartphone. Wohin mit dem alten Handy?

    „Handys sind durchaus eines der Produkte, die sehr kurzlebig sind“, meint Dehoust.

    „Es gibt viele, die ihr Handy nur noch ein Jahr oder weniger haben. Das ist ein großes Problem. Es wird versucht, diese intensiv aufzubereiten und für neue Märkte zur Verfügung zu stellen. Einige hochwertige gebrauchte Handys werden gekauft. Die Leute, die immer die neuesten brauchen, können die alten abgeben, und sie werden weiterverkauft. Diejenigen, die nicht mehr weiterverkaufbar sind, werden aufwändig recycelt. Denn Handys haben sehr viele teure Wertstoffe, die nur sehr umweltbelastend im Bergbau bereitgestellt werden können.“

    Deswegen hält der Experte es für entscheidend, „dass wir die Industrie dazu bewegen, Handys so zu bauen, dass, wenn aus der Notwendigkeit neue Software aufzuspielen ist, man das quasi auch modular ergänzen kann. Das Problem ist; Die Industrie will verkaufen, verkaufen, verkaufen. Und wir müssen die Industrie an den Tisch holen, mit ihr diskutieren und ein Konzept entwickeln, dass sie unter Umständen über ein Leasing oder ein Verleihen der Geräte selbst davon profitiert, wenn sie ein paar weniger produziert. Dafür aber viel Geld dafür bekommt, wenn sie zurückgegebene Geräte so aufbereitet, dass sie sie auch wiederverkaufen kann.“

    Dehoust fügt hinzu: „Wir müssen versuchen, den Ressourcenverbrauch in der Industrie teuer zu machen und die Arbeit in der Industrie weniger teuer. In Europa ist das große Problem: Arbeit wird stark besteuert. Der Verbrauch von Ressourcen dagegen ist sehr billig. Wir wollen, dass es umgedreht wird. Und dann wäre es für die Industrie interessant, mehr Leute einzustellen, die diese Geräte reparieren. Und man bringt diese dann wieder zum Kunden zurück.“

    Nach 25 Jahren besuchte der Experte wieder Russland. Er hielt Vorträge in Jakutsk, der kältesten Metropole der Welt im Norden Sibiriens, und in Jekaterinburg östlich des Urals sowie in Moskau, wo sich viele Interessenten, vor allem Ökologen versammelten. Unter anderem berichtete Dehoust über das Konsumverhalten und führte das Beispiel einer Bio-Handelskette in Berlin mit der Aufforderung „Kauf weniger“ an.

    Russland hat Probleme, die Deutschland gar nicht kennt

    Schon an seinem ersten Termin in Jakutsk wurde ihm vom Permafrost erzählt: neun Monate im Jahr, in denen es so kalt ist, dass biologische Prozesse auf einer Mülldeponie gar nicht funktionieren. „Man muss sich ganz neue Überlegungen machen, wie man dort vernünftig mit Abfall umgehen kann. Es gibt sicherlich Lösungen, die haben wir aber nicht parat. Die müsste man gemeinsam entwickeln.“

    Günter Dehoust (L) im Gespräch mit russischen Ökologen
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Günter Dehoust (L) im Gespräch mit russischen Ökologen

    Er habe sehr viele interessante Menschen kennengelernt, merkt Dehoust an, die sehr engagiert sich dafür einsetzen, dass die Abfallbehandlung in Russland besser wird. „Ich bin sehr guten Mutes, dass das auch vorangehen wird, weil so viele engagierte Leute da sind, die sich hier dafür einsetzen. Ein großes Problem ist die Frage der Finanzierung. Hier sollte man versuchen, alle mit einzubeziehen, die Industrie und die Regierung, um dann unter Umständen Anreize für die Bürger zu schaffen: Wenn sie sich an einer getrennten Sammlung aktiv beteiligen, dann sollen für sie die Gebühren niedrig sein. Dann kann jeder selbst entscheiden, ob er dem System Vorteile verschaffen will und dadurch Geld sparen, oder man sagt, das will ich nicht. Dann müssen sie auch mehr Gebühren bezahlen.“

    So sei es auch in Deutschland, urteilt der Experte. „Wir haben viele verschiedene Systeme, manche Städte und Kreise setzen das besser um, manche weniger gut. Es wird immer weitergekämpft. Unsere Gesetze werden auch alle paar Jahre erneuert, und es werden neue Qualitätsanforderungen gestellt. Aber der Anteil, den man als Familie für die Müllentsorgung bezahlen muss, ist sehr hoch, fast so hoch wie der Rest der Nebenkosten einer Wohnung. Und wenn man seinen Müll trennt und die Wertstoffe getrennt abgibt – das ist oft sehr bequem im Haus –, dann kann man auch bei uns die Müllgebühren deutlich reduzieren. Das machen jetzt doch viele.“

    Und trotzdem produziert Deutschland, das Mutterland der Mülltrennung, immer noch so viel Plastikmüll wie kein anderes Land in Europa. Allein private Haushalte haben 2016 rund 5,5 Millionen Tonnen Verpackungen weggeworfen. Der durchschnittliche Deutsche produziert 216 Kilogramm Verpackungsmüll pro Jahr, 37 Kilogramm davon sind Plastikverpackungen.

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Ökologie, Freiburg, Umweltbelastung, Umweltzerstörung, Umweltschutz, Umwelt, Russland, Deutschland, Entsorgung, Mülldeponie, Müll, Recycling