04:06 18 November 2019
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    Solarzellen (Symbolbild)

    Die Energietoten: Welche Stromquelle ist am gefährlichsten?

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    Was ist tödlicher: fossile Brennstoffe, Kernkraft oder erneuerbare Energien? Was in diesem Vergleich am besten abschneidet, scheint für die meisten keine Frage zu sein. Aber was passiert, wenn alle Folgen der jeweiligen Energiearten in die Rechnung einbezogen werden? Der Journalist Brian Wang hat das durchgerechnet. Sputnik hat mit ihm gesprochen.

    Von allen Energiequellen scheinen auf den ersten Blick die erneuerbaren die unbedenklichsten zu sein. Bei der Stromerzeugung setzen sie keine Treibhausgase frei und es bleiben auch keine radioaktiven Abfälle zurück, die gelagert werden müssten. Umso verwunderlicher scheint es, dass es da draußen eine Reihe Experten gibt, die ein anderes Lagebild entwerfen. Einer von ihnen ist der Futurist und Journalist Brian Wang, der alle Stromarten einer nüchternen Analyse unterzogen hat.

    In manchen Teilen überrascht seine Auswertung nicht, denn die bedenklichste Stromerzeugung ist und bleibt mit Abstand die mit Kohle. Sonderbar scheint aber zunächst, dass Kernkraft nach seiner Rechnung die gesundheitlich unbedenklichste Energieart ist. Sputnik hat Wang angefragt und viele Antworten rund um die Analyse erhalten.

    Der Ausgangspunkt für die Studie seien Meldungen zu Gesundheitsfolgen durch Feinstaub gewesen: „Immer mehr aktuelle Studien sehen eine Verbindung zwischen Feinstaubpartikeln und Lungen-, Herzkreislauferkrankungen und Schlaganfällen“, erläutert Wang. Deshalb habe sein Team beschlossen, alle Energiearten im Blick auf die Gefahren für den Menschen zu durchleuchten.

    Feinstaub und Kohlendioxid-Vergiftungen – Kohle auf Platz 1

    „Wir haben den Anteil der Kohle an den 4,2 Millionen Feinstaub-Toten ermittelt“, erklärt Wang gegenüber Sputnik. Dazu habe man Fachzeitschriften und Studien zur Gesundheit in den großen Ländern in Asien durchforstet, wo der Großteil der Toten auftritt. Dann musste nachvollzogen werden, wie viel des Feinstaubs von der Kohlestromerzeugung herrührt. Ebenso gebe es an die drei Millionen Tote weltweit infolge von Kohleverwendung zum Kochen und Heizen. Neben den Folgeschäden für die Gesundheit untersuchte Wang auch Todesfälle beim Kohleabbau, die damals in China bei 10.000 Toten pro Jahr lagen. Diese Zahl ist laut chinesischen Quellen im Sinken begriffen. Hinzu kommen Tote beim Kohletransport, in den Kohlekraftwerkern sowie an den Stromnetzen.

    Diesen Kollateralschäden der Kohle stellt er den produzierten Strom gegenüber und rechnet im letzten Schritt aus, wie viele Todesfälle pro Terawattstunde auftreten. Es ergeben sich in seiner Analyse aus dem Jahre 2016 244 Todesfälle je Terawattstunde.

    „Kernkraft ist die sicherste Energiequelle“

    Demgegenüber steht die imagegeschädigte Kernkraft, die gern als Hochrisikotechnologie bezeichnet wird. Hier kommt Wang zu einem ganz anderen Schluss: „Kernkraft ist die sicherste Energiequelle“, teilt er Sputnik gegenüber mit. „Sie hat in den letzten Jahrzehnten über 80.000 Terawattstunden an Strom geliefert und liefert gegenwärtig etwa 2500 Terawattstunden jährlich.“ Zum Abfall merkt er an, dass es sich hierbei zu 96 Prozent um Uran-238 handelt, von dem derzeit bereits zehn bis fünfzehn Prozent wiederverwendet werden und den neuere Reaktoren komplett verwerten können.

    Der Umfang eines Lagers umfasse die Größe eines Basketballfelds, betont er, und die Strahlung sei nur bei direktem Kontakt ein Problem. „Jeder atmet Luft mit Feinstaub ein, aber der Kontakt von Menschen mit radioaktivem Material beschränkt sich auf die Unfälle Tschernobyl und Fukushima.“ Für diese Unfälle gelte: 32 direkte infolge der Katastrophe in Tschernobyl seien gestorben. In Fukushima sei überhaupt niemand unmittelbar verstorben. Am guten Abschneiden dieser Energiequelle ändern aus Wangs Sicht auch die 11.000 von ExternE ermittelten Langzeit-Strahlungstoten nichts.

    In Fukushima gab es keinen bis einen Nukleartoten infolge der Katastrophe. Der Unfall im US-Kernkraftwerk Three Mile Island hatte laut Wang keine Folgen gehabt. Anders sehe es bei Industrieunfällen etwa bei der Produktion des Stahls und des Zements für den Kraftwerkbau aus. Dennoch kommt die Kernkraft summa summarum auf lediglich 0,04 Toten pro Kilowattstunde. Das ist etwa 0,02 Prozent von Kohle.

    Diese erhöhten Materialmengen an Stahl und Zement sowie Arbeitsunfälle bei der Montage und Wartung drücken die Ziffern auch bei den erneuerbaren Energien nach oben. Die Todesrate liegt bei diesen Technologien laut Wang aber höher als bei der Kernkraft. „Das Eindecken des Dachs mit Solarmodulen ist eine gefährliche Arbeit. In den USA allein fordert es 100 Tote pro Jahr infolge von Stürzen. Windturbinen sind 50 Stockwerke hoch. Die Blätter gleichen rotierenden Flügeln von Airbus 380.“ Hinzu kämen die giftigen Chemikalien, die in Solarzellenproduktionsstätten entstehen. Am Ende der Rechnung schneiden Windkraft mit 0,15 und Solaranlagen fürs Dach mit 0,44 deutlich schlechter ab.

    Doch auch bei Solaranlagen ganz allgemein gilt: „Der Verbrauch an Stahl und Zement für die gleiche Menge Strom beträgt das Zehnfache eines Kernreaktors und es wird mehr Fläche dafür benötigt. Zudem erbringen Solaranlagen gerade einmal 15 bis 20 Prozent der installierten Leistung.“

    Wasserkraft bewegt sich in der Berechnung zwischen 0,1 und 1,4 Toten pro Terawattstunde. Der größere Wert ergibt sich, wenn man die Banqiao-Überschwemmung aus dem Jahr 1975 hinzuzählt, bei der bis zu 230.000 Menschen gestorben sein sollen. Öl- und Gasarbeiter haben etwa 100 Tote im Jahr in den USA und mehr im weltweiten Schnitt zu beklagen. Die beiden Energiearten kommen nach Wangs Berechnung auf 52 Tote bei Öl und 20 bei Erdgas je Terawattstunde.

    Der Forbes-Journalist James Conca hat eine ähnliche Berechnung Anfang 2018 veröffentlicht. Seine Zahlen fallen geringer aus, aber spiegeln Wangs Ergebnisse wider. Auch hier liegt die Kohle bei 100 Toten pro Terawattstunde auf einer führenden Stelle. Öl bewegt sich bei 36, Erdgas bei vier Toten. Am sichersten sind weiterhin Sonnenergie (0,44), Windenergie (0,15) und Kernkraft (0,09).

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    Tags:
    Herzerkrankungen, Herzprobleme, erneuerbare Energien, Wasserkraftwerk, Erdgas, Erdöl, Atomenergie, Kernenergieantrieb, Windenergie, Feinstaubbelastung, Feinstaub