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    Inzucht im Adel: An diesen Gendefekten litten die letzten Könige Europas

    Inzucht im Adel: An diesen Gendefekten litten die letzten Könige Europas

    © CC0 / Martin Ludlam / Pixabay
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    Forscher haben bestätigt, dass die Habsburg-Dynastie, die 200 Jahre Spanien regierte, wegen verwandter Ehen ausstarb. Die Geschichte kennt aber viele Beispiele dafür, wie Inzest allmächtige Dynastien zum Zusammenbruch führte.

    An welchen Erkrankungen Herrscher, die in nächstverwandten Ehen zur Welt kamen, litten, erfahren Sie in diesem Artikel.

    Ägyptische Geheimnisse

    Nach neuesten Erkenntnissen von Wissenschaftlern starben die Neandertaler anscheinend wegen Inbreeding (Inzucht) – der Paarung naher Blutsverwandter innerhalb einer kleinen Population - aus. Ein solches Schicksal hätte auch unsere unmittelbaren Vorfahren ereilen können – die Homo sapiens, die zwar wohl ebenfalls Inbreeding praktizierten, es aber stoppen konnten.

    Doch schon im Alten Ägypten griffen Pharaonen, die sich als Kinder des Sonnengottes bezeichneten, wieder zu Inzest und nächstverwandten Ehen. Es hieß, dass Halbgötter ihr Blut nicht mit einfachen Menschen mischen dürften. Im Ergebnis bekamen Könige gesundheitlich schwache Kinder mit eindeutiger äußerer Pathologie. So war die 2014 von Wissenschaftlern wiederhergestellte Gestalt Tutanchamuns gar nicht so wie seine Totenmaske.

    Anscheinend hatte der junge Pharao einen ausgeprägten unteren Kiefer und eine Gaumenspalte. Nach Angaben der Computertomographie litt er an Nekrose der Fußknochen, sein linker Fußknöchel war so stark verzerrt, dass er sich nur mithilfe eines Gehstocks bewegen konnte. Zudem hatte der Pharao sehr enge Schultern und breite Schenkel.

    Gerade das letzte Detail brachte die Forscher vom Imperial College London auf den Gedanken, dass es sich um eine Erberkrankung handeln könne. Ihnen zufolge litt Tutanchamun, der aus einer Ehe eines Bruders und einer Schwester kam, an einer seltenen Form der Epilepsie, bei der Attacken im Schläfenlappen beginnen. Dieser ist mit einem Hirnteil verbunden, der an der Hormonproduktion beteiligt ist. Damit kann die eher weiblich anmutende Figur des Pharaos erklärt werden.

    Doch trotz der vielen genetischen Krankheiten starb Tutanchamun im Alter von 19 Jahren nicht an ihnen, sondern an Malaria.

    Verwandtschaftskoeffizient

    Epilepsie, Probleme mit der Entwicklung der Skelette, riesige Unterlippe und massives Kinn – so sah der letzte Habsburger König Spaniens, Karl II., aus. Er wurde in der Ehe eines Onkels und einer Nichte geboren. Statt 32 Vorfahren in der fünften Generation hatte er nur zehn. Acht von ihnen waren untereinander ebenfalls nahe Verwandte.

    Der so genannte Verwandtschaftskoeffizient belief sich bei Karl auf 25,4. Das ist sogar mehr als bei Kindern, die aus einer Verbindung zwischen Bruder und Schwester zur Welt kamen.

    Karl der II.
    Karl der II.

    Wissenschaftler der Universidade de Santiago de Compostela in Spanien analysierten die Lebensporträts von 15 Vertretern des spanischen Zweiges der Habsburger und den Familienbaum, der mehr als 20 Generationen umfasste, und kamen zum Schluss: Die Gesundheitsprobleme bei Karl II. waren auf Inzucht zurückzuführen. Experten fokussierten sich auf zwei typische Eigenschaften der Gattung – ausgeprägte untere Lippe und massives Kinn, für die ein bestimmtes Gen zuständig war.

    Bei heterozygoten Menschen, also Menschen, die von ihren Eltern verschiedene Varianten derselben DNA-Abschnitte bekamen, können schädliche Mutationen durch gesunde Gens ausgeglichen werden. Doch die spanischen Habsburger, die Ehegatten unter ihren Verwandten wählten, hatten keine solche Möglichkeit. Deswegen wiesen seine Nachfahren, während bei König Maximilian I. die große Lippe und das Kinn nicht so ausgeprägt waren, schon starke Merkmale genetischer Verstöße auf. Es handelt sich vor allem um den König Spaniens und Portugals Philipp IV., um seine Tochter Margarita Theresa von Österreich, um seinen Neffen Karl I., Leopold I. und natürlich Karl II., der eine sehr schwache Gesundheit und keine Nachfahren hatte.

    Leopold I. und Karl II. (Spanien) hatten auch typische Merkmale der Habsburger – einen ausgeprägten Kiefer und ein massives Kinn.

    Königs-Geschenk

    Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts traf Hämophilie gleich mehrere europäische Könige. Der englische Prinz Leopold, Prinz Friedrich von Hessen, zwei spanische Infanten Alfonso und Gonzalo sowie der Thronfolger des Russischen Reichs, Alexej, litten an dieser Krankheit und konnten bei einer kleinsten Verletzung bzw. plötzlichen inneren Blutung sterben. Weitere Dutzend europäische Prinzessinnen hatten eine gefährliche Version des Gens, die die Krankheit bei Männern provoziert.

    Der spanische Kronprinz Alfonso (L) und der russische Thronfolger Alexej
    © Foto : Gemeinfrei
    Der spanische Kronprinz Alfonso (L) und der russische Thronfolger Alexej

    Diese Mutation, die zur Hämophilie führt, entstand wegen der Queen Victoria, die ihren Cousin heiratete und in dieser Ehe neun Kinder zur Welt brachte. Drei Kinder erbten diese Mutation und übergaben sie dann an ihre Kinder. Wie die Queen Victoria diese schädliche Gen-Version bekam, ist unklar. Forschern zufolge hätte sie die von ihrem Vater, Duke of Kent, bekommen können, obwohl keine Hinweise vorliegen, dass er an Hämophilie litt.

    Am längsten unter den Prinzen, die an Hämophilie litten, lebte der Sohn Victorias, Leopold. Er starb im Alter von 31 Jahren, was nach den damaligen Maßstäben ein ziemlich gutes Ergebnis war. Heute werden Menschen mit einer solchen Diagnose  60 bis 70 Jahre alt. Einige Arten dieser Erkrankung können sogar behandelt werden. Im Körper von 13 Patienten, denen eine Kopie eines gesunden Gens implementiert wurde, kam es zu einem normalen Niveau des Faktors der Blutgerinnung VIII. Der Mangel an diesem Eiweiß sorgt für negative Erscheinungen dieser Krankheit.

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    Tags:
    Tutanchamun, England, Spanien, Russland