07:23 24 Januar 2020
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    Eine App könnte künftig passende Partner nach Genen aussuchen. Zur Bekämpfung von vererbbaren Krankheiten gedacht, hat diese Entwicklung in den USA einen Streit entfacht. Kritiker werfen dem Erfinder der App vor, eine neue Form der Eugenik ins Leben zu rufen. Wiederholt sich hier schreckliche Geschichte oder reicht es, kritisch zu bleiben?

    Vererbbare Krankheiten waren früher ein Schicksal. Bei zwei gesunden Menschen kam plötzlich ein Kind mit schweren Defekten zur Welt und in religiösen Zeiten war man geneigt, sich solche Dinge mit dem Willen Gottes oder einem Fluch zu erklären. Die heutige Genetik hat diese Erklärungen überflüssig und solche Krankheiten berechenbar gemacht. Tragen zwei Menschen ein rezessives Gen für eine Erbkrankheit in ihrem Erbgut, dann gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass das Gen bei einem Nachkommen dominant wird und die Krankheit ausbricht. Ob man Träger solcher Gene ist, kann man mit einem Gentest prüfen und sich dann für ein Risiko oder gegen Nachkommen entscheiden.

    Das heißt aber nicht, dass man sich automatisch auch gegen den Partner entscheidet und es heißt auch nicht, dass die Krankheit beim Kind wirklich eintreten muss. Es könnte immer noch ein gesundes Kind zur Welt kommen und im Falle der Krankheit, diese frühdiagnostisch erkannt und das Kind – je nach Entscheidung der Eltern – vor dem dritten Schwangerschaftsmonat abgetrieben werden.

    Auf der Suche nach den richtigen Genen

    Solche Fragen könnten sich die Paare der Zukunft sparen, solche Entscheidungen gar nicht erst treffen müssen, sollte eine App, die sich derzeit in der Entwicklung befindet, die Partnersuche prägen. Denn „digi D8“ will nur diejenigen Partner einander vorschlagen, die genetisch zueinander passen. Heißt im Klartext: Solche „kranken“ Fälle fliegen raus.

    Kaum war die erste Meldung über die geplante App heraus, hagelte es auch schon Kritik. Der Vorwurf der Gegner lautet, dass hier – in modernem Gewand – die Praxis der Eugenik wieder ein Einfallstor in die Gesellschaft erhält und die App aus ethischer Sicht zu verwerfen sei. Den Mahnern ist Recht zu geben, wenn sie am Anfang einer Entwicklung, die nicht zwangsläufig fatal enden muss, ihre Sorgen anmelden. Parallelen zur Eugenik kann man ziehen und wer ihre geschichtliche Entwicklung kennt, wird auch einen Grund zur Sorge erkennen.

    Darwins Theorie statt Amors Pfeil?

    Eugenik war eine Konsequenz aus der Anwendung der Darwin’schen Theorie der natürlichen Auslese auf die menschliche Gesellschaft, die Handlungsanleitung der Eugenik belief sich darauf, dass die Menschheit ihre eigene Selektion in die Hand nehmen sollte. Heißt im Klartext: Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen, vererbbaren Krankheiten und besonders niedriger Intelligenz von der Fortpflanzung abhalten. Von Anfang an war dieses Konzept unter englischen Konservativen beliebt, die den Begriff Sozialdarwinismus prägten und sich im Panzer der Wissenschaft für eine Aufrechterhaltung der Klassentrennung aussprachen, sich gegen die Behandlung aller Menschen mit den Mitteln moderner Medizin einsetzten und im Elend der Slums einen wirksamen Selektionsmechanismus sahen, der die schwächsten Glieder der Gesellschaft abtötet.

    Diese Idee wurde dann von den deutschen Nationalsozialisten weiter zugespitzt, gepaart mit einer pseudowissenschaftlichen und nach der politischen Ausrichtung der Nazis konstruierten Rassenlehre – und aus der Verhinderung von Fortpflanzung wurde schnell Vernichtung.

    Gut gemeint im Namen der Wissenschaft?

    Einer der Entwickler der App, der Molekularbiologe George Church von der Harvard University, weist den Eugenik-Vorwurf vehement von sich: Zum einen betont er, dass sie ja gar nicht verbindlich sei, sondern nur die „Nutzerpräferenzen“ entscheiden. Dieses neumodische Wort will sagen: Wenn jemand diese Gewissheit haben will, dann setzt er eben auch die App ein, wenn er es nicht will, lässt er es eben. Er betont außerdem, dass ethische Fragen im Zusammenhang mit Gentechnik einen wichtigen Bestandteil seiner wissenschaftlichen Arbeit bilden, dass aber auch die Verminderung von vermeidbarem Leiden eine ethische Angelegenheit sei und man hier abwägen müsse. Und er spricht sich gegen Missbrauch seines Programms ausdrücklich aus. Fall erledigt? Nicht ganz.

    Umfrage

    Geht die Entwicklung der Medizin mit „digi D8“ in die richtige Richtung?
    • Ja. Ich bin für eine Gesellschaft, die sich optimiert.
      19.6% (20)
    • Ja. Aber nur im Falle von Kindern, die sonst ihr Leben lang leiden.
      25.5% (26)
    • Nein. Gentest gehen auch ohne App.
      14.7% (15)
    • Nein. Und manche Sachen sollte man einfach nicht wissen.
      40.2% (41)
    abgestimmt: 96

    Auch wenn eine solche Entwicklung wie bei der historischen Eugenik im Fall von „digi D8“ höchst unwahrscheinlich scheint, so kann eine solche App die Gesellschaft doch spalten – und zwar nicht nur in der Debatte vor ihrem Erscheinen, sondern auch in ihrem Zusammenhalt danach. Sollte das Programm mit der richtigen Medienkampagne eine kritische Masse aus Nutzern erreichen und ein flächenmäßiger Gebrauch der App diese so salonfähig machen wie die Freundschaftsverwaltung und -abfertigung auf Facebook & Co., dann könnten schnell Menschen mit an sich harmlosen Genen ins gesellschaftliche Abseits befördert werden. Würde dieses „Opfer“ hingenommen, dann würde sich ein neuer Vorreiter die Frage stellen, ob man nicht noch einen Schritt weiter gehen soll, und auch die Option „vererbbare Intelligenz“ oder „körperliche Konstitution“ oder was die Fantasie sonst an Wünschen zutage fördern mag, einführen. Und schon befindet sich die Gesellschaft in einem Optimierungswettlauf und hat den Blick dafür verloren, was es heißt ein Individuum zu sein und dass es nie als Mittel, sondern immer nur als Zweck betrachtet werden muss, wie schon der Aufklärer Immanuel Kant betonte, an die Generation Tinder sich aber wahrscheinlich nicht erinnert.

    Freiwilligkeit ist nicht immer ein Geschenk an die Gesellschaft

    Auch wenn also die App „digi D8“ in ihrer aktuellen Form und Zielsetzung noch keine Eugenik bedeuten muss, so kann sie doch einen Prozess anstoßen, der die Gesellschaftsentwicklung in eine Richtung lenkt, die diese bei eingehender Betrachtung sich gar nicht wünschen mag. So eine App darf daher nicht unabhängig von einer kritischen Beurteilung auf die Welt losgelassen werden, auch wenn ihr Gebrauch auf freiwilliger Basis erfolgen soll. Denn schließlich gibt es immer noch Gentests und eine App, die menschliche Bekanntschaften im Vorfeld verhindert, die möglicherweise für das Leben der beiden Individuen auch dann noch einen Wert haben, wenn es zu keinem Kind kommt, ist eine fragwürdige Zusatzleistung aus der IT-Branche. Dating und Partnerschaft können nicht einfach auf die Suche nach erfolgreicher Fortpflanzung reduziert werden, deren Wahrscheinlichkeiten ein Computer für jemanden ausrechnet und denen man sich dann fügen muss.

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    Tags:
    Genetik, Gene, App