03:59 11 August 2020
SNA Radio
    Wissen
    Zum Kurzlink
    Von
    4589
    Abonnieren

    Das Klimavorzeigeland Schweden ist auf Atomkraft aufgebaut – zumindest, wenn man sich den Stromsektor anschaut. Daran ändern auch die ambitionierten Zukunftspläne des Landes nichts.

    Analytiker schließen daraus, dass auch Entwicklungsländer den Weg über die Kernenergie gehen sollten, wenn sie auf fossile Brennstoffe verzichten sollen. Haben sie recht?

    Die Empörung von Umweltaktivisten war Mitte März letzten Jahres groß, als ein merkwürdiger Beitrag auf Facebook von Greta Thunberg erschien, in dem die junge Schwedin bemerkte, dass die Kernenergie auch eine gewisse Rolle beim Kampf gegen den Klimawandel spielen könnte. Ein Sturm der Entrüstung fegte über die Schülerin hinweg und sie entschied sich wohl, ihre Anhänger nicht zu verärgern – und änderte den Beitrag ab. Nun ging es in ihren Ausführungen nur noch um Szenarien des Weltklimarats (IPCC), die auch den Einsatz von Kernenergie vorsahen, die Aktivistin Thunberg aber war „persönlich dagegen“.

    Was zunächst wie ein kleiner Verschreiber aussieht, nimmt sich als Dilemma aus, wenn man den schwedischen Strommix (Netto-Stromerzeugung) betrachtet:

    © Foto : Swedish Energy Agency

    Denn ab 1972 wurde die schwedische Stromversorgung zunehmend durch Kernenergie ergänzt, die fossile Brennstoffe in diesem Bereich zurückdrängte und einen festen Anteil von etwa 40 Prozent an der schwedischen Stromerzeugung einnahm. In der Zwischenzeit formulierte das skandinavische Land zwar auch Pläne, einen Teil seiner Reaktoren abzuschalten und das Schicksal der anderen dem Markt zu überlassen, aber Pläne sind das eine und die Wirklichkeit das andere. So produziert das Land so viel Strom, dass es auch bei schlechten Windbedingungen noch Energie exportiert; und Atombefürworter in Wirtschaft und Politik machen sich stark für weitere staatliche Förderungen von Reaktoren. Egal, wie die Zukunft Schweden aussehen wird, die Vergangenheit und die Gegenwart haben einen hohen Anteil an Kernenergie.

    Genau in diese Bresche schlagen nun Agneta Rising, Geschäftsführerin der World Nuclear Association, und der Nuklearforscher John Lindberg in einem Meinungsartikel für die World Nuclear News. Sie betonen, dass die Kernenergie in Schweden für große Senkungen der Treibhausgas-Emissionen gesorgt und eine stabile und kostengünstige Energieversorgung gewährleistet hat. In einem möglichen Ausstieg Schwedens und im Rückbau funktionstüchtiger Kraftwerke sehen sie dagegen eine Gefahr für die Netzstabilität.

    Umfrage

    Sollten Entwicklungsländer Ihrer Meinung nach den Weg über Kernenergie gehen?
    • Ja, mit erneuerbaren Energien allein erreicht man keine Versorgungsstabilität.
      44.9% (234)
    • Ja, aber nur als kurze Überbrückungsphase.
      3.8% (20)
    • Nein, heute gibt es andere Optionen als damals in Schweden.
      12.3% (64)
    • Nein, lieber Versorgungsengpässe als ein zweites Tschernobyl!
      8.1% (42)
    • Die sollen ihre Energiewirtschaft gestaltet, wie es ihnen passt.
      30.9% (161)
    abgestimmt: 521

    Während man sich darüber streiten kann, inwieweit Schweden sich mit seinen Zukunftsplänen selbst gefährdet, scheint ein Argument der beiden Autoren nicht von der Hand zu weisen zu sein. Dieses Argument blickt auf die Vergangenheit zurück, in der der steigende Stromverbrauch des skandinavischen Landes durch Kernkraft aufgefangen wurde.

    Während Schweden sich von dieser Vergangenheit nun möglicherweise und sicherlich langsam verabschiedet, sind die schwedischen 70er- und 80er-Jahre für viele Entwicklungsländer noch Zukunft. Der Stromverbrauch legt dort rasant zu und die Frage stellt sich, wie dieser aufgefangen werden soll. Für die WNA-Autoren sollten auch diese Länder dieselbe erfolgreiche Entwicklung durchlaufen und zunächst eine stabile Versorgung unter Zuhilfenahme von Kernenergie aufbauen. Im Gegensatz zur Verbrennung von fossilen Brennstoffen würden diese rasch wachsenden Länder so nicht weiter zum Klimawandel beitragen. Als finanziell tragbar scheinen die Analytiker Solar- und Windanlagen dabei nicht einzustufen.

    Wenn man dieser Argumenation folgt, könnte Greta vor folgendem Dilemma gestanden haben, als sie den Beitrag editierte: Ihr eigenes Land hatte eine jahrzehntelange Entwicklung mit Kernenergie hinter sich, die, zusammen mit der Wasserkraft, den Strommix so CO2-arm dastehen lässt. Die Entwicklungsländer dagegen müssen eine stabile Energieversorgung überhaupt erst aufbauen und hier scheiden sich die Geister, welcher Strom der günstigste ist, aber in einem sind sie sich relativ einig: dass es besser keine Kohle sein sollte. Und schließlich sieht der Weltklimarat (IPCC) Kernenergie als Teil der Strategie gegen den Klimawandel und die Internationale Energieagentur (IEA) bezeichnet sogar Kernenergie und Wasserkraft als „Rückgrat einer CO2-armen Energieerzeugung“. Für Thunberg ist der Weltklimarat sicherlich eine Instanz. Aber auf der anderen Seite wollen die Umweltaktivisten nichts von Atomkraft wissen. Da blieb der jungen Schwedin vermutlich nicht viel anderes übrig, als die „persönliche Meinung“ zu ändern.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    „Weiter so!“ – Oskar Lafontaine platzt bei Olaf Scholz als SPD-Kanzlerkandidat der Kragen
    Hoher Sicherheitsberater: „USA wollen Europa die Luft abschnüren“
    „So wird der Zusammenbruch der USA ablaufen“: US-russischer Autor exklusiv
    Rückkehr zur „alten Währungs-Union Europas“?: Goldgedecktes Geld – Nicht nur gut für Rentner
    Tags:
    Greta Thunberg, Schweden, AKW, Atomkraft