01:57 22 Februar 2020
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    Gemälde wie die von Leonardo da Vinci sind längst Geldanlagen. Es geht um Millionen – und die Frage, ob die Bilder echt sind. Die Antwort darauf können Gutachter nun mit einer Schweizer Software finden. Carina Popovici hat sie miterfunden. Experten, Sammler, ein Auktionshaus zählen zu den Kunden, so die Unternehmerin gegenüber Sputnik.

    Spätestens seit der Versteigerung des "Salvator Mundi", der für eine Rekordsumme von 400 Millionen US-Dollar versteigert wurde, verfolgt die Öffentlichkeit Kunstauktionen geradezu mit angehaltenem Atem. Dabei bezweifeln Experten, ob das Bild tatsächlich von Leonardo da Vinci stammt. Ein Echtheitszertifikat gilt als Garant, auch zur Wertbestimmung. Die Krux: Der Mensch ist fehlbar, vorsichtig ausgedrückt. 

    Tummelplatz für Betrüger

    Der Kunstmarkt gilt als von Fälschungen überschwemmt. Einmal entdeckt, zerrinnt nicht nur der Traum vom großen Geld. Auch kunsthistorisch stellt es ein Desaster dar, vom monetären Schaden für Museen beispielsweise einmal abgesehen. Erst in dieser Woche gab das Nationalmuseum in Oslo nach 40 Jahre währenden Zweifeln an der Echtheit eines Portraits von Vincent van Gogh Entwarnung: Das Selbstbildnis sei ein Original. Vorangegangen waren aufwendige Untersuchungen zu Stil, Technik, Material und Herkunft.

    Auffällig betroffen war in den vergangenen Jahren auch Kunst der russischen Moderne: Werke von Alexandra Exter und Natalia Gontscharowa entpuppten sich als Plagiat, auch Bilder von Kasimir Malewitsch, dem teuersten Künstler der Avantgardegruppe Russlands. Eine wesentliche Rolle bei den Gutachten spielte, dass es nicht unwahrscheinlich erschien, dass Werke der Künstler während der russischen Revolution oder in der Stalin-Zeit verschwanden und später wieder auftauchten.

    Als Indizien für Echtheit gelten Erwähnung in Fachblättern, die Ausstellungshistorie und eine nachprüfbare Marktvergangenheit. Doch was ist, wenn es die nicht gibt? 

    Abhilfe mit Algorithmen

    Abhilfe wollen die Teilchenphysikerin Carina Popovici und die Wirtschaftsmathematikerin Christiane Hoppe-Oehl schaffen. Mit den in ihrer bisherigen Arbeit als Analystinnen bei Großbanken gemachten Erfahrungen zu selbstlernenden Algorithmen nehmen sie nun Kunstwerke mit einer speziellen Technologie ihrer Firma "Art Recognition" unter die Lupe: Ihr Algorithmus „lernt“ die charakteristischen Merkmale des jeweiligen Künstlers. Und zwar aus einer Reihe von fotografischen Reproduktionen von Gemälden. 

    Das Programm soll bereits mehr als 300 Künstler und über 100.000 Bilder kennen und könne eigenständig testen, welche Merkmale für einen Maler typisch sind. Das wären etwa Maltechniken wie beispielsweise der Pinselstrich - sie sind wie ein Muster.

    Mit Gemälden von Impressionisten und Expressionisten soll das Programm dabei besser klarkommen, als mit abstrakter Kunst. Das läge daran, dass die Gemälde mehr vergleichbare Details und Strukturen enthielten.

    Auch die Einordnung in künstlerische Schaffensphasen sei für den Algorithmus kein Problem. Das wäre etwa die Unterscheidung, ob ein Werk von Pablo Picasso aus dessen "blauer Periode" oder der späteren kubistischen Schaffenszeit stammt, so ein Bericht der NZZ.

    Künstliche Intelligenz: Vom wissbegierigen Kunststudenten zum Kunstkritiker

    Das Programm nutze ein "neuronales Netzwerk": Es probiert, besagte Muster zu erkennen. Und wenn es mit einem Muster keinen Erfolg hat, verwirft es dieses wieder. Bestätigt sich ein Leitbild hingegen immer wieder, wende es das Muster immer konsequenter an, um nützliche Charakteristika des Künstlers zu lernen. Das „Lernen“ der künstlichen Intelligenz funktioniere ähnlich der Synapsen im menschlichen Gehirn, wo bestimmte Nervenzellen immer enger verknüpft werden, wenn das Vorgehen erfolgreich war.

    Den Algorithmus „füttern“ die Unternehmerinnen jeweils mit 80 Prozent der bekannten Werke eines Künstlers. Sobald „Art Recognition“ nach ein paar Tagen ausgelernt hat, werden der Software echte Bilder mit guten Fälschungen vermischt zur Begutachtung vorgelegt. Die Erfolgsquote soll bei über 90 Prozent liegen. Insofern vergleichbar einem "wissbegierigen Kunststudenten, der zum Kunstkritiker wird".

    "Garantiert echt" 

    Da die Echtheit eines Kunstwerks durch Analyse einer Foto-Reproduktion beurteilt wird, stelle die größte Herausforderung dar, die dafür nötige Bilddatenbank mit hochauflösenden Aufnahmen aller Kunstwerke aufzubauen. Mit ins Boot müssen dazu Museen wie private Sammler geholt werden. Hilfreich sei, dass ein langjähriger Mitarbeiter eines renommierten Kunstauktionshauses zum Beraterteam gehört.

    Für das „Training“ braucht die Software allerdings möglichst viele „garantiert echte“ Bilder, denn wenn dessen Lehrmittel Fehler enthält, kann das System nicht funktionieren.

    Schwierigkeiten gebe es bei Künstlern, die zuweilen Werke ihrer Schüler signierten, also selbst Bilderfälscher waren. Oder bei einem „Modigliani“: Der Maler Amedeo Modigliani (1884-1920) hat nur wenige Werke datiert und signiert. Manche hinterließ der verarmt gestorbene Künstler seinerzeit als „Zahlung“, wenn er in Paris, gleich einem Mietnomaden, aus einer Wohnung floh, weil er nicht zahlen konnte. Als die Kunstwelt ihn „entdeckte“ und die Preise stiegen, sollen einige echte, aber unsignierte Werke im Nachhinein mit seiner Signatur versehen worden sein. Und es sollen einige Fälschungen hinzugekommen sein. 

    Mit 500 Schweizer Franken ist man dabei

    Unternehmerin Popovici berichtet Sputnik, dass mittlerweile einige Dutzend Anfragen vorliegen, von Experten, Sammlern und einem Auktionshaus. "Für einen Experten haben wir schon hunderte Analysen gemacht. Doch die meisten Kunden wollen, dass wir einzelne Bilder für sie analysieren."

    Um den Prozess zu starten, muss lediglich ein Foto des Gemäldes und der Name des Künstlers per E-Mail zur "Foto-Bewertung" zugesandt werden. 

    "Normalerweise prüfen wir jeden einzelnen Fall und machen jedem Kunden ein individuelles Angebot" erläutert Popovici. Die Preisspanne variiere dabei zwischen 500 Schweizer Franken (rund 465 Euro) für einen ‘quick check’ (Schnelltest) und mehrere tausend für eine volle Analyse inklusive Bericht." Der heißt "Heatmap".

    "Die Preisgestaltung hängt einerseits davon ab, wieviel Erfahrung wir schon mit der Analyse eines bestimmten Künstlers haben, aber auch, wie aufwändig es ist, genügend Bildmaterial zu bekommen, oder ob es in Experten-Kreisen große Uneinigkeit gibt, welche Gemälde als echt anzusehen sind, wie bei "Modiglianis". Letztlich ist es auch ausschlaggebend, wie häufig ein Künstler seinen Stil geändert hat, ob es viele Restaurierungen gab, oder ob ein Künstler viel mit seinen Studenten zusammen gearbeitet hat, was insbesondere bei Altmeistern vorkam."

    Skepsis und Zukunftsmusik

    „Wir arbeiten sehr sorgfältig, aber eine 100-prozentige Garantie gibt es nie“, so Unternehmerin Popovic. Daher gibt es einen Haftungsausschluss. Indem sie das Programm der Kunstwelt anbieten, möchten die Unternehmerinnen „zur Integrität und Transparenz des Kunstmarktes beitragen“. Bislang stünden „US-amerikanische Experten“ ihrer Technologie aufgeschlossen gegenüber, wohingegen sie in der Schweiz auf Skepsis stießen. Zukunftsmusik ist, dass „Art Recognition“ sich als Gütesiegel etabliert und auch für andere wertvolle Gegenstände taugt, deren Echtheit überprüft werden soll, wie Münzen, Briefmarken oder Skulpturen. 

    Ein "sehr berühmter Fall" 

    Die Software soll Sachverständige allerdings nicht ersetzen. Vielmehr soll ihnen mit „Art Recognition“, was soviel wie ´Kunst (an)erkennen` heißt, ein zusätzliches Werkzeug in die Hand gegeben werden. 
    "Derzeit arbeiten wir an einem sehr, sehr berühmten Fall mit" - welches Gemälde dies ist, dürfe Popovici nicht verraten, sagt sie, aber noch in diesem Jahr wird das Ergebnis der Expertengruppe erwartet.

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