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    Coronavirus auf dem Vormarsch: Chronologie der Ausbreitung (113)
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    In Bayern ist der erste Coronavirus-Fall in Deutschland bestätigt worden. Ein Verdachtsfall in Berlin wurde nicht bestätigt, auch aus Wien kam Entwarnung. In Russland werden Sicherheitsmaßnahmen getroffen: Die russisch-chinesische Landesgrenze ist gesperrt. Doch das Virus ist weniger gefährlich als die Grippe oder das Sars-Virus, sagen Experten.

    Beim ersten bestätigten Coronavirus-Fall in Deutschland handelt es sich um einen Mann aus dem Landkreis Starnberg (Bayern). Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, sieht im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus derzeit keine großen Gesundheitsgefahren in Deutschland. „Die Gefahr für die deutsche Bevölkerung ist sehr gering“, sagte Wieler am Montag im ZDF-„Morgenmagazin“.

    In der EU waren zuvor drei Infektionen mit dem neuartigen Virus aus China nachgewiesen worden. Alle drei Patienten leben in Frankreich, sie waren zuvor in China gewesen. In Wien wurden drei 2019-CoV-Verdachtsfälle gemeldet. In allen Fällen wurde nun Entwarnung gegeben. Dass das Virus auch die Schweiz erreichen könnte, schließen Experten nicht aus. „Wir müssen mit weiteren Fällen in Europa rechnen“, sagte Jonas Montani vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). Aus anderen Ländern wurden auch einzelne Fälle gemeldet, darunter aus Japan, Südkorea, Vietnam, Thailand, Taiwan, Australien, den USA und Kanada.

    Das neue Virus 2019-nCoV stammt vermutlich von einem Markt für Fisch, Meeresfrüchte und Wildtiere in der chinesischen Millionenmetropole Wuhan. Inzwischen sind (Stand  28.Januar) mehr als 4600 Infektionen bestätigt. Die Zahl der Toten in China stieg auf 106. Die Zahl der Erkrankungen hat sich weltweit binnen einer Woche mehr als verzehnfacht. Von hier aus hat sich der Erreger nicht nur praktisch in alle Landesteile, sondern auch auf andere Kontinente verbreitet.

    Die Übertragungsfähigkeit des Erregers nehme etwas zu, die Erkenntnisse der Behörden über das neuartige Virus seien aber noch begrenzt, erklärte Chinas Nationale Gesundheitskommission. Der russische Virologe, Doktor der Biowissenschaften, Leiter des Internationalen Zentrums für Biosicherheit im Fernen Osten, Michail Tschelkanow, kommentiert im Sputnik-Interview:

    „Seit der Entdeckung des Stammes wurde in China ein Impfstoff entwickelt. Dieser Prozess ist gut etabliert, die Impfstoffentwicklung ist innerhalb von ein bis zwei Monaten möglich. Als nächstes stellt sich die Frage nach der Zertifizierung und der Notwendigkeit einer groß angelegten Anwendung. In China haben die Virologen sehr gute Arbeit geleistet: Sie identifizierten den Erreger schnell und präsentierten die Daten der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft. Die chinesischen Behörden sind jedoch ständig einen halben Schritt hinter der Verbreitung des Virus zurück. Die Einschränkung der Verkehrsverbindungen zwischen den Millionenstädten Zentralchinas kam eindeutig zu spät, die Verbindung hätte früher unterbrochen werden müssen.“

    Gegenmaßnahmen in verschiedenen Ländern

    Mittlerweile wurde die russisch-chinesische Landgrenze im Fernen Osten gesperrt. Dort ist der Zustrom von Chinesen am höchsten. Russische Tourismus-Unternehmen bieten wegen des Coronavirus keine Reisen nach China mehr an. Dies geschehe aus Sicherheitsgründen, teilt der russische Branchenverband mit. Rund 7000 russische Touristen sind laut dessen Angaben derzeit in China, etwa 6000 davon auf der Insel Hainan, der Rest auf dem Festland. Die Reiseveranstalter bemühen sich darum, die Urlauber nach Hause zu bringen.

    Und dennoch reist eine große Anzahl chinesischer Touristen ausgiebig um die Welt, viele davon in Moskau und St. Petersburg. Reichen die Kontrollmaßnahmen der Behörden bei der Einreise aus?

    „Selbst die härtesten Maßnahmen an der Grenze schließen das Eindringen eines Virus in ein bestimmtes Land nicht aus. Ein klassisches Beispiel: Ein Mensch, der nicht weiß, dass er mit einem Virus infiziert ist, überschreitet die Grenze und wird nach Ablauf der Inkubationszeit in einem anderen Gebiet krank. Grenzkontrollen sind notwendig, aber nicht ausreichend. Eine ausreichende Maßnahme kann nur die von höchster Instanz verfügte Einführung des staatlichen biologischen Sicherheitssystems sein. Es ist notwendig, den Zustrom chinesischer Touristen scharf zu begrenzen “, betonte der russische Virologe Michail Schtschelkanow gegenüber Sputnik.

    Eine infizierte Person könne bis zu drei weitere Menschen anstecken, meint Neil Ferguson, Experte für öffentliche Gesundheit am Imperial College London. Dem britischen „Guardian“ sagte er, dass 100.000 Menschen zurzeit infiziert sein könnten. Ferguson modelliert laut „Guardian“ für die WHO, wie sich der Virus ausbreitet. Es könnten aber auch zwischen 30.000 und 200.000 Infizierte sein. „Mit ziemlicher Sicherheit sind aber Zehntausende infiziert“, sagte Ferguson.

    China hatte landesweit Maßnahmen angeordnet: Weitere Städte wurden abgesperrt – es sind nun 18 Städte mit einer Gesamtbevölkerung von  56 Millionen. Sputnik wandte sich an einen Einwohner von Peking, Waleri Woronin, um sich über die Stimmung in der chinesischen Hauptstadt zu informieren. Dieser erklärte:

    „In Peking gibt es keine Panik, es werden Vorkehrungen getroffen. Die Behörden empfehlen, zu Hause zu bleiben, und falls notwendig ohne Maske nicht hinaus zu gehen. Natürlich sind die Masken schwer zu kriegen, die Preise sind gestiegen, da die Nachfrage hoch ist. Aber man kann sich bei Apotheken grundsätzlich erkundigen, sie stehen jedem zur Verfügung. Heute habe ich sogar einen Hund mit der Maske gesehen. Viele Massenveranstaltungen fallen aus, Museen sind geschlossen. Ich hatte eine Eintrittskarte für das Theater, die Vorstellung wurde abgesagt und das Geld zurückgegeben. Deshalb feiert jetzt jeder mit Familie und Freunden das neue Jahr zu Hause.“

    Parallelen zum Sars-Virus von 2003

    Indes sei das Sars-Virus gefährlicher gewesen, wie Chinas Zentrum für Seuchenkontrolle sagt. Vom Sars-Virus im Jahr 2003 seien 15 bis 20 Prozent der Infizierten gestorben. Wie bekannt, war das Sars-Virus wie auch das Coronavirus 2019 in den menschlichen Körper eingedrungen. Sollte man das Essen wilder Tiere lassen? Vielleicht sollte man aufhören, wilde Tiere zu essen, weil das gefährlich für die Gesundheit und das Leben ist? Der Leiter des Zentrums für Wirtschafts- und Sozialforschung Chinas, der stellvertretende Direktor des Fernostinstituts, Andrej Ostrowski, kommentiert gegenüber Sputnik:

    „In China ist man gewohnt, alles zu essen, was krabbelt, fliegt oder schwimmt. Wuhan ist keine Ausnahme. Jetzt wird in China das Neue Jahr traditionell gefeiert, auf dem Tisch stehen viele verschiedene Gerichte. Sicherlich wurden die Produkte auf den Märkten gekauft, auf denen wilde Tiere verkauft wurden. Und so gibt es auf dem festlichen Tisch gar nicht das, was gegessen werden soll. Jetzt zittert die ganze Welt, wie geht es weiter? China hat viel Erfahrung im Kampf gegen solche Krankheiten. In den Jahren 2002-2003 verbreitete sich das Sars-Virus fast auf dem ganzen Territorium Chinas, doch nach einigen Monaten war die Krankheit besiegt. Ich denke, diesmal werden auch verstärkte Maßnahmen ergriffen, und von April bis Mai wird sich alles beruhigen.“

    Auch Beda M. Stadler, Biologe sowie emeritierter Professor und ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie der Uni Bern, sieht die Lage optimistisch. Er bewertet die Situation weniger gefährlich als bei der saisonalen Grippe: Daran sterben in der Schweiz jährlich mehrere hundert Personen. Am Coronavirus sind bisher weltweit mehr als 100 Personen gestorben. Wenn es ein wirklich gefährlicher Virus wäre, würden sich die Fallzahlen täglich verdoppeln.

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    Deutschland, Österreich, China, Coronavirus