12:37 03 Juni 2020
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    Im vergangenen Jahr hat Australien offiziell den ersten Fall des Aussterbens einer Tierart wegen des Klimawandels zugegeben. Es handelt sich um die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte, die wegen der Erderwärmung ihre gewöhnlichen Lebensbedingungen verlor.

    Nun sind auch Schnabeltiere, Schildkröten, der pazifische Schwertwal sowie rund eine Million weitere Pflanzen- und Tierarten an der Reihe, warnen Mitglieder der zwischenstaatlichen Plattform für Biodiversität und Ökosystemleistungen (IPBES). Laut Prognosen dänischer und schwedischer Forscher werden zum Ende dieses Jahrhunderts fast alle vom Aussterben bedrohten Tierarten verschwunden sein. Das bedeutet, dass die Erde bereits in die Epoche eines neuen großen Artensterbens eingetreten ist.

    Selbst Insekten verschwinden

    Nach Einschätzungen der IPBES-Experten sollen in den nächsten Jahrzehnten zehn Prozent aller derzeit existierenden Pflanzen- und Tierarten verschwinden. Bedroht sind  mehr als 40 Prozent der Amphibien, 33 Prozent der Felsen-Korallen und mehr als ein Drittel der Meeres-Säugetiere.

    Darüber hinaus registrierten Wissenschaftler einen rasanten Rückgang der Zahl der Insekten. Nach neuesten Angaben sinkt ihre gesamte Biomasse um 2,5 Prozent pro Jahr. Zu den am stärksten betroffenen Regionen gehören die tropischen Gebiete von Puerto Rico, wo die Insekten in den letzten 36 Jahren 78 bis 98 Prozent weniger geworden sind. Nach Angaben von Forschern führte dies bereits zum Aussterben  von Vögeln, Fröschen und Echsen.

    „Angesichts der Geschwindigkeit des Verschwindens von Arten und des Tempos des Rückganges der Zahl anderer Vertreter der Pflanzen- und Tierwelt, leben wir in einer Epoche des Massenaussterbens, allerdings wohl in der ersten Etappe. Die stärksten und unumkehrbaren Folgen stehen noch bevor“, sagte der Direktor des russischen Zentrums für Wildnaturschutz, Alexej Simenko.

    Mensch kommt wie Mörder

    Die Autoren der meisten Studien machen für die aktuelle katastrophale Entwicklung den Menschen verantwortlich. Nach IPBES-Angaben veränderte der Mensch die Gestalt von 75 Prozent des Festlandes und beeinflusste 40 Prozent des Gewässers der Weltozeane. Mehr als ein Drittel der Erdoberfläche wird heute für Bedürfnisse der Landwirtschaft, vor allem Anbau von Pflanzen und Weidegang genutzt. Rund ein Drittel der industriell gefangenen Fische werden unnütz gefangen. Insgesamt gewinnen die Menschen bis zu 60 Mrd. Tonnen erneuerbare und nichterneuerbare Ressourcen im Jahr. Das ist doppelt so viel wie noch vor einem halben Jahrhundert.

    Laut einer Studie amerikanischer und chinesischer Wissenschaftler gingen die Populationen der aussterbenden Schädeltiere bereits Ende des 19. Jh. stark zurück, als in den meisten Ländern der Welt die Industrialisierung begann. Experten analysierten mehr als 10.000 Studien über die genetische Vielfalt von 2764 Arten. Das Fazit ist nicht tröstend: Die Population der vom Aussterben bedrohten Tiere geht jede zehn Jahre um 25 Prozent zurück. Dabei beläuft sich die heutige durchschnittliche Population der aussterbenden Arten auf nur noch fünf Prozent von ihrer Zahl Ende des 19. Jh.

    „Ich würde nicht die Geschwindigkeit des Aussterbens beurteilen, dazu gibt es Angaben renommierter Forschungsgruppen, darunter internationaler. Doch sie ist eindeutig sehr hoch und überaus gefährlich. Diese Kennzahlen sind nicht typisch für stabile Perioden der Entwicklung der Biosphäre und entsprechen eher den katastrophalen Epochen in der Geschichte der Erde. In der Zukunft werden am stärksten Pflanzen und Tiere betroffen, die einen engen Lebensraum bewohnen, in Landschaften, die vom Menschen am stärksten verletzt wurden (Steppen) bzw. von Klimawandel bedroht sind (trockene subtropische Gebiete, Arktis). Zudem gehören zur Risikogruppe bei der Ernährung hochspezialisierte Arten und Raubtiere der höchsten Ordnung. Die Letzteren sind bedroht, weil sich in ihren Nahrungsobjekten zu viele Schmutzstoffe anhäufen“, so Simenko.

    Ihm zufolge können von der aktuellen Situation Tiere profitieren, die beim Fressen nicht anspruchsvoll sind und sich einem Leben unter jeden Bedingungen leicht anpassen.

    „Weniger betroffen sind die allgemein bekannte graue Ratte, die Nebelkrähe und ähnliche Arten mit sehr hoher Anpassungsfähigkeit an die äußeren Bedingungen. Doch es gibt sehr wenig solche Arten. Und sie sind nicht imstande, ein normales Funktionieren der Ökosysteme zu gewährleisten“, so der Experte.

    Reich der Nagetiere

    Nach Einschätzung dänischer und schwedischer Biologen werden innerhalb dieses Jahrhunderts 99,9 Prozent der vom Aussterben bedrohten Tiere und 67 Prozent der anfälligen Arten verschwinden. In erster Linie werden Vertreter der Megafauna sterben – Elefanten und Nashörner, während die Populationen der Kleintiere wie Ratten hingegen zunehmen werden. Dabei würden für die Wiederherstellung der Biodiversität zumindest bis zum jetzigen Niveau drei bis fünf Mio. Jahre erforderlich sein. Weitere zwei Millionen Jahre werden erforderlich sein, um zum Niveau vor dem Beginn der aktiven Tätigkeit des Homo sapiens zurückzukehren.

    Laut den Verfassern der Studie könnte sich die Welt in der Zukunft in ein Reich der Nagetiere verwandeln – es gibt viele von ihnen und sie passen sich leicht neuen Lebensbedingungen an. Deshalb können sie ein weiteres Massenaussterben überleben. Das Verschwinden der Elefanten – der indischen und der afrikanischen Elefanten – würde noch einen Zweig am Evolutionsbaum abbrechen. Wissenschaftler schlagen deshalb vor, gerade solche Tiere zu retten. Zu den vorrangigen Arten gehören das schwarze Nashorn, der rote Panda und Indri.

    „Die bedrohten Arten werden aussterben, wenn sich die Politik und die Praxis der Landnutzung nicht bedeutend ändern, wenn sie nicht weniger zerstörerisch für Ökosysteme werden. Wenn alles wie jetzt gelassen wird, erwartet uns der Verlust bzw. ein starker Rückgang der Ökosystem-Funktionen, ohne die das menschliche Leben unmöglich ist. Im besten Fall würde das Massenaussterben zu einer vollständigen Erneuerung der Biosphäre führen – Bildung neuer Natursysteme, Landschaften, anderer Flora und Fauna. Das wird mehrere Millionen Jahre in Anspruch nehmen. Im Ergebnis würde die Natur wahrscheinlich beibehalten, doch sie wird völlig anders sein. Ich bin mir nicht sicher, dass der Mensch einen Platz in der neuen Biosphäre finden wird“, so der Experte.

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    Tags:
    Pflanzen, Tiere, Massenaussterben, Aussterben