07:02 30 November 2020
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    Die Mischung macht die Klimawende. Zumindest wenn man Shells neuer Flüssigerdgas-Kampagne vertraut. Denn die verspricht CO2-neutrales LNG, durch die richtige Mischung von Bio-LNG aus Biomasse und gängigem „grauen LNG“. Klingt gut, aber ist das Versprechen haltbar? Unser Autor hat Zweifel. Warum, erfahren Sie hier.

    Die Klimawende in Deutschland wird derzeit vom Stromsektor auf den Wärme- und Verkehrssektor ausgeweitet. Verschiedene Unternehmen arbeiten an Innovationen, um den Verkehr der Zukunft nicht nur auf eine emissionsarme, sondern auch stabile Grundlage zu stellen. Im Bereich PKW herrscht gegenwärtig ein Wettstreit zwischen Batterie- und Wasserstofffahrzeugen, bei dem das Batteriefahrzeug zu dominieren scheint. Bei schwereren Transportmitteln wie LKW, Schiffen und Flugzeugen liegen die Dinge dagegen nicht so leicht. Gegenwärtige Batterie-Technologien können nicht die Lösung sein, da sie ungeheure Massen bedeuten, die Ladekapazitäten verringern, und außerdem längere Ladevorgänge bedeuten, die in der Logistik unerwünscht sind. Bei Flugzeugen lassen sie bislang zudem die Reichweite so stark zusammenschrumpfen, dass an Langstreckenflüge und größere Maschinen nicht  zu denken ist.

    In solchen Fällen ist man also weiterhin auf die Verbrennung von Kohlenwasserstoffen angewiesen – und da ist es eigentlich recht klar, was von den fossilen Brennstoffen am besten verbrannt werden sollte: Am wenigsten CO2 fällt nämlich mit 56 Kilogramm pro Gigajoule bei Erdgas an, im Fall vom kompakteren Flüssigerdgas (LNG) sind es 65 Kilogramm je Gigajoule.

    Aber wenn das klimapolitische Ziel lautet: Null-Emissionen, dann ist auch der Erdgas-Wert zu viel. Deswegen planen diverse Riesen aus der Erdöl- und Erdgasförderung neue Herangehensweise an ihre Produkte, um die europäische Klimawende zu bedienen. Während Gazprom und Wintershall Dea die Idee verfolgen, das Kohlenstoffatom aus dem Erdgas zu entfernen und die europäischen Partner künftig mit reinem Wasserstoff zu beliefern, verfolgt Shell mit seinem „Bio-LNG“ einen anderen Ansatz, bei dem die richtige Mischung die Null ergeben soll.

    Bio-LNG: Aus Biomasse wird Bio-Flüssigerdgas

    Im Gegensatz zu LNG (Liquefied Natural Gas), das lediglich verflüssigtes Erdgas darstellt, soll „Bio-LNG“ aus nachwachsenden Rohstoffen, sogenannter Biomasse, gewonnen werden. Potentielle Quellen für Bio-LNG sind: Tiermist, Klärschlamm, Grünabfälle, aber auch Rohstoffe wie Mais und Getreide, Stroh sowie Rückstände aus der Milchverarbeitung und aus der Papier- und Zellstoffproduktion. Diese Biomasse wird durch methanbildende Bakterien unter Luftausschluss vergärt und das Methan aus dem entstehenden Gasgemisch herausgefiltert. Fertig ist das Bio-LNG.

    Die Infrastruktur und Biogasproduktion, die es hierfür braucht, gibt es bereits in Deutschland. „Rund 8500 Biogasanlagen produzieren Biogas zur gekoppelten Strom- und Wärmeerzeugung. In rund 200 Anlagen wird Biogas zu Biomethan verarbeitet und anschließend ins Gasnetz eingespeist“, teilt Raoul König, Shell Business Opportunity Manager BioLNG gegenüber Sputnik mit. Und: „Für die Erzeugung von Biogas werden hauptsächlich nachwachsende Rohstoffe wie Mais und Getreide und in geringerem Maße Gülle, landwirtschaftliche Rückstände, kommunale und industrielle Bioabfälle verwendet.“

    Potenzial besteht laut der Deutschen Energieagentur (Dena) ebenfalls. Diese hatte 2018 zum Thema eine Studie durchgeführt. Das Ergebnis: Die Dena geht davon aus, „dass LNG-Lkw und LNG-Antriebe in der Schifffahrt deutlich zunehmen werden und folglich die LNG-Nachfrage auf 35 bis 117 Petajoule im Jahr 2030 steigen könnte“, teilt Dena Sputnik gegenüber mit. (Zum Verständnis: ein Petajoule sind 10 hoch 15 Joule). „Diese Nachfrage kann vollständig durch Bio-LNG gedeckt werden, da das erschließbare Biogaspotenzial zwischen 424 und 697 Petajoule in Deutschland beträgt. Davon sind 20 bis 30 Prozent noch unerschlossene Abfall- und Reststoffe“, rechnet die Dena vor. So weit so gut.

    Schöngerechnet? LNG soll CO2-neutral werden durch Gülle & Co.

    Wenn bestimmte Abfälle eine energetische Verwertung durchlaufen, ist das nur zu begrüßen. Besonders gut ist es, wenn sie, wie im Fall von Gülle, nicht auf die Felder verteilt werden, wo sie Methan absondern, das ein 25 Mal stärkeres Treibhausgas ist als CO2. Andere Mittel für die Felder und ein anderer Einsatzbereich für Gülle wirken plausibel. Aber das Ziel, das Shell mit Bio-LNG erreichen will, formuliert der Konzern nicht so bescheiden:

    „Shell strebt eine vollständige CO2-Neutralität in seinem erweiterten Netz von LNG-Stationen an, was eine Lieferkette bedeutet, die grünes und graues LNG so kombiniert, dass wir CO2-Neutralität in unserem Netzwerk erreichen“, erklärt König.

    Graues LNG kennt man, das wird aus unterirdischen Gasreservoirs oder durch Fracking gewonnen, komprimiert und mit Schiffen über die halbe Welt verschickt. Da entsteht ohne Frage Kohlenstoffdioxid. Aber warum soll eigentlich Bio-LNG grün sein und vor allem die CO2-Bilanz von konventionellem LNG ausgleichen können? Wird durch die Gülle etwa mehr CO2 gebunden, als später verbrannt wird? Denn Biomasse selbst ist CO2-neutral, sie bindet zuvor in ihrem Wachstum die Menge an Kohlenstoff, die bei ihrer Verbrennung freigesetzt wird. Damit hätte Bio-LNG einen Wert von Null und würde die Emissionen von LNG in einem Mischverhältnis mindern, könnte sie aber nicht aufheben.

    CO2-neutral ist nur das Bio-LNG – nicht die Mischung!

    Die Rechnung ist laut König einfach: Flüssigerdgas produziere 74 Kilogramm CO2 je Gigajoule Energie, Gülle dagegen soll mit -89 Kilogramm je Gigajoule Energie „kohlenstoffnegativ“ sein. Wie kommt ein solcher Wert zustande?

    „Wenn man verhindert, dass Methanemissionen in die Atmosphäre abgegeben werden, werden natürlich höhere Einsparungen bei den CO2-Äquivalenten erzielt“, erklärt die Dena auf weitere Anfrage gegenüber Sputnik.

    Will im Klartext heißen: Die negativen Zahlen ergeben sich im Vergleich zur Gülle, die frei auf dem Feld liegt und Methan abgibt. Relativ dazu ist der Einsatz von Bio-LNG natürlich deutlich weniger klimaschädlich.

    Aber es ist keineswegs so, dass Bio-LNG und LNG einander in ihren CO2-Emissionen aufheben. Im Fall einer 50/50-Mischung von LNG und Bio-LNG gilt: Die reale CO2-Bilanz des Gemisches ist keineswegs: (74-85)/2 = -7,5 kg/GJ, sondern: (74+0)/2 = 37 kg/GJ. Sollte eines Tages die Verwendung von Gülle als Düngemittel flächendeckend verboten werden, zeigt sich noch deutlicher, wie irreführend Shells Rechenmuster sind. Denn dann verliert das System seinen Bezugspunkt und die Zahl -89 des Bio-LNG wird durch einen anderen, weit weniger passenden Wert ersetzt und mit der „CO2-Neutralität“ ist es vorbei. Vor diesem Hintergrund könnte man das, was die Shell-Kampagne da betreibt als „Greenwashing“ betrachten. Denn es wird vielerorts durchaus an Lösungen gearbeitet, die eine wirkliche CO2-Neutralität bringen sollen und nicht eine künstlich konstruierte.

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    Tags:
    CO2-Emissionen, Royal Dutch Shell, LNG