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    Die Knochen des modernen Homo Sapiens sind in den vergangenen Tausenden Jahren weniger dicht geworden, wobei der Unterkiefer geschrumpft ist, damit kompliziertere Laute ausgesprochen werden könnten. Dafür bekam das menschliche Skelett vor relativ kurzer Zeit aber einen neuen Knochen – heute haben viele Menschen deshalb 208 statt 207 Knochen.

    Vor Millionen Jahren verschwand aus dem Knie der Frühmenschen ein kleiner Knochen – der Fabella. In der letzten Zeit kommt dieser Knochen aber wieder im menschlichen Körper vor.

    Die Fabella ist ein Sesambein in einer Sehne. Bei Tieren bildete er sich vor rund 200 Mio. Jahren, um die Gelenke stabiler zu machen und die Sehnen bei starken Belastungen zu schützen. Es gilt allgemein, dass dieser Knochen bei Menschen den mechanischen Widerstand der Wadenmuskel erhöht. Doch wozu ist das nötig? Wissenschaftler des Imperial College London analysierten 66 wissenschaftliche Studien seit 1875 über Fabella. Es stellte sich heraus, dass sie bei 36,8 Prozent der Fälle öfter bei Asiaten, Einwohnern von Ozeanien und Südamerika und vorwiegend bei Männern anzutreffen ist. 2018 ist dieser Knochen in der menschlichen Population 3,5 Mal öfter als vor einem Jahrhundert - 1918 - zu finden.

    Das Wachstum der Fabella ist genetisch zu erklären, doch ihre Verknöcherung erfolgt bei allen in verschiedenem Alter und hängt möglicherweise von mechanischen Gründen ab. Am meisten ist sie bei Menschen älter als 70 Jahre zu finden, doch sie kann auch bei 12-Jährigen auftreten.

    Gewöhnlich bildet sich die Fabella in beiden Knien und ist der Grund für Komplikationen nach Gelenkersatz-OPs. Im Implantat wird ihre Präsenz nicht berücksichtigt, was Schmerzen beim Gehen auslöst. Schlussendlich muss der überflüssige Knochen entfernt werden.

    Zudem wurde festgestellt, dass bei Menschen mit Fabella oft einige neuropathische Erkrankungen vorkommen, und das Risiko von Osteoarthritis um das Zweifache steigt. Allerdings ist bislang nicht klar, was die Ursache und was die Folge ist.

    Das Skelett des modernen Menschen ist leichter als das der Vorfahren. Das wurde von Wissenschaftlern aus Großbritannien, den USA, Deutschland und Südafrika festgestellt. Dazu gibt es einen speziellen Begriff „Grazialisierung“. Damit ist der Rückgang der Stärke und des Gewichts von Knochen gegenüber dem Körpergewicht gemeint. Dass die heutigen Menschen graziler als frühe Hominiden sind, ist seit langem bekannt. Anthropologen bezeichneten das als ein Ergebnis der Veränderung des Lebensstils, wobei die Automatisierung der Arbeit deutlich weniger physische Aktivität erforderte. Doch wie stark haben unsere Knochen tatsächlich an Gewicht verloren?

    Wissenschaftler analysierten das Schwammgewebe der Knochen der oberen und unteren Extremitäten der ausgestorbenen Hominiden beginnend mit dem Australopithecus, dem Schimpansen und modernen Menschen. Es wurde ein Anstieg von Grazilität bei späteren Vertretern der Gattung festgestellt, der allerdings nicht fließend verlief. So waren die Knochen von Neandertalern fast ebenso dicht wie beim frühen Homo Sapiens.

    Bei den heutigen Menschen sind die Knochen weniger dicht, selbst im Vergleich zu den direkten Vorfahren, die bis zur letzten Vereisung vor 20.000 Jahren lebten. Die Knochen der unteren Extremitäten waren stärker „grazialisiert“. Das bestätigt die Hypothese der Verfasser der Studie, dass der Grund der anatomischen Änderungen die Standorttreue war. Der Preis der Grazie - Osteoporose.

    Kiefer schwindet

    Früher galt, dass die Vielfalt der menschlichen Sprachen mit der Anatomie nicht verbunden sei. Doch eine internationale Forschergruppe bewies das Gegenteil. Ihnen zufolge entstanden die labiodentalen Laute „f“ und „w“ nach der neolithischen Revolution, vor etwa 6000 Jahren, weil der Unterkiefer kleiner wurde.

    Der Entstehung der menschlichen Rede gingen eine lange Evolution von Skelett und Körper, mehrere Nachbesserungen wie die tiefliegende Kehle voraus. Das ließ Menschen Tausende Laute erfinden, die in Tausenden entsprechenden Sprachen mündeten. Doch wie der US-Linguist Charles Hockett mutmaßte, gab es damals keine Laute „f“ und „w“. Menschen, die dank Jagd und Sammeln überlebten und rohes Essen kauen mussten, konnten diese Laute wegen eines zu massiven Unterkiefers nicht aussprechen.

    Laut Berechnungen erfordern labiodentale Laute 30 Prozent weniger Muskelanstrengungen, falls das Gebiss so geformt ist, dass die Oberlippe die unteren Zähne berühren kann. Wissenschaftler entwickelten ein Modell und stellten fest, dass labiodentale Laute vor 6000-8000 Jahren bei drei Prozent unter primitiven indoeuropäischen Sprachen und unter modernen bei 76 Prozent anzutreffen waren.

    Laut den Autoren der Studie verbreitete sich das „innovative“ Gebiss in Gesellschaften, wo Essen gekocht wurde.

    Brüchigkeit des Skeletts

    Die Anthropologin Christiane Scheffler vom Institut für Biochemie und Biologie der Universität Potsdam machte in ihrem Artikel 2010 darauf aufmerksam, dass das Skelett der modernen Kinder weniger fest wird. Genetische Änderungen sowie Lebensmittelmangel wurden dabei als Gründe abgelehnt. Es bleibt nur eine Erklärung – die niedrige physische Aktivität.

    Nach einigen Jahren wiederholte die Forscherin ihre Studie und nahm Angaben über große Schülergruppen aus Deutschland und Russland im Alter von sechs bis zehn Jahren im Zeitraum von 2000 bis 2010. Wissenschaftler analysierten das Wachstum, den Körpergewichtsindex und berechneten die Festigkeit des Skeletts ausgehend vom Verhältnis zwischen der Breite von Armknochen und dem Wachstum.

    Der Körpergewichtsindex bei deutschen Schülern steigt seit den vergangenen zwei Jahrzehnten, während die Festigkeit des Skeletts hingegen sinkt. Bei russischen Schülern, die sich mehr bewegen, öfter zu Fuß gehen, sind diese Kennzahlen etwas besser. Allerdings hat die Festigkeit der Knochen bei Jungen eine negative Tendenz.

    Wissenschaftlern zufolge handelt es sich bei der Brüchigkeit des Skeletts und beim Rückgang der Schulterknochen um eine Anpassung an die sitzende Lebensweise und um einen Anstieg von Fettgewebe im Körper.

    Weit entfernt von Stress

    Ein weiterer interessanter Fakt über das Skelett: Es spielt eine große Rolle bei Stress. Falls Gefahr aufkommt, lässt das Gehirn darauf reagieren – weglaufen bzw. sich verteidigen. Dabei steigt die Körpertemperatur an, der Energieverbrauch wird größer, das Herz schlägt schneller. Das alles erfolgt dank verschiedenen Hormonen.

    Wie Wissenschaftler aus den USA und Indien feststellten, beteiligt sich daran auch das Peptidhormon Osteocalcin, das im Knochen durch die Osteoblasten  gebildet wird. Experten führten Experimente an Mäusen durch, wobei bei ihnen akuter Stress durch Einsperrung und Stromschläge ausgelöst wurde und dabei der Hormonspiegel gemessen wurde. Durchschnittlich stieg die Kennzahl um 50 bzw. 150 Prozent. Die Verfasser der Studie brachte dies auf die Idee, dass sich auf Grundlage dieses Hormons ein Medikament gegen Alterung entwickeln lasse.

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    Tags:
    Skelett, Evolution