13:04 02 Juli 2020
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    Mit keinem anderen Land hat Deutschland laut Wolf-Dieter Lukas, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, eine solch tiefe wissenschaftliche Kooperation wie mit Russland. Er beteiligte sich an den Wintergesprächen der Helmholtz-Gemeinschaft in Moskau zum Klimawandel und zu Nachhaltigkeit.

    Das Allerwichtigste sei, so BMBF-Staatssekretär, dass man die Gemeinsamkeiten in der Problembeschreibung und die verschiedenen Interessenlagen schnell kenne.

    „Nicht jede Politik auf dieser Welt macht eine wissensbasierte Politik. Russland ist ein rohstoffreiches Land, mit großen Mengen an fossiler Energie, Deutschland das Gegenteil. Wir sind im Handel eng gerade bei Energie miteinander vernetzt. Und wir müssen gemeinsam sehen, wie könnte die russische und die deutsche Zukunft aussehen.“ Lukas ist sich sicher, dass „wir es schaffen, weil wir das gemeinsame Vertrauen ineinander und tolle Wissenschaftler sowohl in Russland als auch in Deutschland haben, ganz an der Spitze.“

    Während der Diskussion konnte man hören, dass bei allen Treffen zwischen Wladimir Putin und Angela Merkel immer mindestens einige Minuten der wissenschaftlichen und pädagogischen Agenda gewidmet werden.

    Der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Otmar Wiestler, betonte, der Klimawandel sei ein besonders eindrückliches Beispiel für eine langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern. „Und das war nicht nur die MOSAiC-Mission, bei der ein deutscher und ein russischer Eisbrecher Seite an Seite Anfang November in den weißen Weiten der Arktis neue Erkenntnisse über das arktische Eis und das Klima am nördlichen Ende der Welt sammelten. Es gibt auch Hunderte von bilateralen Kooperationen in der Klimaforschung, gemeinsame Labors, einen regen Austausch von Nachwuchswissenschaftlern. Schließlich sind sie es, die mit kreativen Köpfen gemeinsam die Forschung und damit die Menschheit voranbringen würden.“

    Waleri Falkow, Minister für Wissenschaft und höhere Bildung Russlands,meinte auch: „Viele Probleme des Klimawandels lassen sich nicht von einem Wissenschaftler und einem Forschungslabor, sondern nur durch die Konzentration der Kräfte großer Staaten und starker Forschungsschulen lösen.“ Der Minister begrüßte die Einrichtung solcher Plattformen wie die Helmholtz-Gemeinschaft zur Bündelung der Bemühungen von Forschern unserer Länder in dieser „vertrauensvollen Zusammenarbeit“ und riet, „auf russische Regionen ein Augenmerk zu richten, in denen zahlreiche Hochschulen erfolgreich funktionieren“.

    In einer emotionalen Ansprache stellte der deutsche Botschafter Géza Andreas von Geyr fest, dass die Wissenschaftszusammenarbeit in der Breite der deutsch-russischen Beziehungen eine ganz besondere Rolle habe. „Sie ist gut etabliert und steht auf festen Füßen. Wenn es politisch auch manchmal etwas schwieriger ist, werden hier die Linien durchgezogen, und die Zusammenarbeit funktioniert. Sie ist tragfähig und trägt in die Zukunft hinein. Das ist ein ganz starkes Stück deutsch-russischer Kooperation, und das soll auch so bleiben.“

    Der deutsche Botschafter Géza Andreas von Geyr
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Der deutsche Botschafter Géza Andreas von Geyr

    Das funktioniere auch deshalb gut, so der Botschafter, „weil Wissenschaftler eine Sprache sprechen. Das, was man tut und forscht, muss Klarheit haben, und es muss überprüfbar sein. Das ist etwas, was die wissenschaftliche Forschung und wissenschaftliche Kooperation auszeichnet. Dieser Austausch muss eben in die Zukunft schauen und ganz besonders die jungen Leute ansprechen.“

    Herausforderung für Russland: Permafrost-Böden schmelzen aufgrund des Klimawandels

    Sergej Guljew vom Moskauer Schirschow-Institut für Ozeanologie machte darauf aufmerksam, dass sich der Klimawandel und insbesondere die Erwärmung der Ozeane auf Russland stark auswirken. Vor allem die Permafrost-Regionen im russischen Norden seien betroffen, so der Klimaforscher.

    „Mit der Erwärmung steigt auch die Klima-Nervosität. Eine weitere Folge dieser Erscheinung ist im globalen Maßstab die Tatsache, dass 86 Prozent der gesamten Erde-Energie aus der Erwärmung des Ozeans bis zu einer Tiefe von 2.000 Metern entstehen.“

    Dies bewirke einen kritischen Meeresspiegelanstieg durch Gletscherschmelze und thermische Ausdehnung des Wassers, so der Wissenschaftler. „Während diese Herausforderung für Russland keineswegs die stärkste ist, ist sie wohl für eine Vielzahl von Territorien, darunter auch für Europa, wo es Deiche gibt, kritisch. Die wichtigste Auswirkung des Klimawandels stellen maßgebliche Veränderungen der Kryosphäre dar – des See- und Inlandeises, der Gletscher, des Firns und des Dauerfrostbodens.“

    Sergej Guljew vom Moskauer Schirschow-Institut für Ozeanologie
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Sergej Guljew vom Moskauer Schirschow-Institut für Ozeanologie

    Seit 30 Jahren sei die Gesamtfläche des Meereises, vor allem in den Sommermonaten, um knapp 30 Prozent geschrumpft, stellt Guljew fest. „Dies dürfte für die Geschäftswelt gut sein, da in der Arktis die Nordostpassage zugänglich werden kann, der kürzeste Weg, der Europa mit Asien verbindet. Doch ergibt sich für uns bei der unregelmäßigen Auflösung des Dauerfrostbodens, der gut 50 Prozent des russischen Territoriums einnimmt, ein Riesenproblem. Die Infrastruktur, die auf dem dauerhaft gefrorenen Untergrund gebaut worden ist, darunter Straßen, Eisenbahnschienen, Landebahnen, Gebäude und Öl- und Gas-Pipelines werden gefährlich für die Benutzer.“

    Wissenschaft zeigt der Politik Optionen auf

    Staatssekretär Lukas merkte an: „Wissenschaft zeigt der Politik Optionen auf und sagt, da gibt es Wege. Dann muss Politik diese Wege auch entschlossen unterstützen.“ Er findet es in Deutschland toll, dass man eine Regierung hat, die etwas tut. „Unser Parlament hat uns immer wieder über viele Jahre mehr Aufwüchse für Wissenschaft gegeben, weil Abgeordnete gesagt haben, das ist gut investiert, weil wir eine wissenschaftsbasierte Politik machen wollen. Nachdem die Wissenschaft Optionen aufgezeigt hat, muss die Politik Führung übernehmen und sagen, wo es hingeht.“

    Wolf-Dieter Lukas, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Wolf-Dieter Lukas, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung

    Unsere Gesellschaft brauche Mut und nicht Panik, fuhr Lukas fort. „Wir werden viel mutiger, wenn ein anderer uns zur Seite steht und den gleichen Weg geht. Die Menschen gucken, was in anderer Politik passiert, was andere Länder machen. Und wenn sie merken, sie gehen den Weg auch, dann kommt Vertrauen auf. Dieses Gegeneinander wird nichts bringen. Ohne Wissenschaft wird es aber auch nicht gehen.“

    Seit 15 Jahren betreibt die Helmholtz-Gemeinschaft ein Büro in Moskau. Und jedes Jahr finden im Februar in der russischen Hauptstadt Wintergespräche statt, die eine strategische Plattform sind, die den Meinungsaustausch zwischen deutschen und russischen Vertretern aus Wissenschaft, Bildung, Politik und Wirtschaft fördert.

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    Tags:
    GEOMAR Helmholtz-Zentrum, Gletscher, Klimawandel