03:05 29 Oktober 2020
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    Placebos wirken bei chronisch Rückenkranken – und zwar auch dann, wenn die Patienten wissen, dass sie ein Placebo einnehmen. Allerdings hellt sich nur das subjektive Schmerzempfinden, die Wirbelsäulenbeweglichkeit verbessert sich nicht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Essener Studie. Sputnik hat mit dem Erstautor der Studie gesprochen.

    Der Placeboeffekt ist ein sonderbares Phänomen, das eine Wirkung beschreibt, wo keine zu erwarten wäre. Placebo bezeichnet ein Scheinmedikament, das trotz fehlenden Wirkstoffs immer wieder gewisse Wirkungen in Patienten hervorruft. Und weil es diese Wirkungen gibt, muss sich ein Wirkstoff in klinischen Studien vor seiner Zulassung immer gegen einen Placebo durchsetzen, das heißt, diesen signifikant in der erwünschten Wirkung übertreffen.

    Für gewöhnlich werden die beiden Patientengruppen nur darüber informiert, dass ein Teil der Teilnehmer an der Studie den Wirkstoff erhält und ein anderer Teil das Placebo – und dann werden die Auswirkungen von Placebo und Wirkstoff untersucht.

    Rückenschmerzen nehmen nach Placebogabe ab

    Anders ist es am Universitätsklinikum Essen im Rahmen einer neuen Studie gelaufen. Dort erhielt ein Teil der Patienten mit chronischen Rückenschmerzen sogenannte „offene Placebos“ zusätzlich zu ihrer bestehenden Therapie. Mit „offenen Placebos“ ist gemeint, dass die Probanden ausdrücklich informiert wurden, dass es sich bei den Kapseln um Placebos handelt, die sie in den nächsten drei Wochen einnehmen sollten. Die Kontrollgruppe dagegen erhielt in denselben drei Wochen keinerlei Mittel zusätzlich zu bestehenden Therapien verabreicht. Gegenstand der Erforschung der Essener Studie war also der Placeboeffekt selbst.

    „Wir haben zeigen können, dass die Schmerzintensität, die ein Patient oder eine Patientengruppe berichtet hat, durch diese Placebogabe tatsächlich signifikant gesenkt war.“

    Das berichtet Julian Kleine-Borgmann, Assistenzarzt der Klinik für Neurologie Universitätsklinikum Essen, Erstautor der Studie und Experte der Deutschen Gesellschaft für Neurologie im Gespräch mit Sputnik. Auch das Gefühl der funktionalen Einschränkung sei unter Placeboeingabe geringer geworden und auch psychische Faktoren wie Depressivität hätten sich gebessert.

    Objektive Verbesserung wurde nicht nachgewiesen

    Neben der Selbsteinschätzung der Patienten, die in Fragebögen dokumentiert wurde, kamen bei der Studie aber auch objektive Messungen zum Einsatz. Im Fall von Rückenleiden bot sich eine Untersuchung der Beweglichkeit der Wirbelsäulen der Probanden vor Beginn und nach Abschluss der Placebogabe an.

    „Bei der Untersuchung der Wirbelsäulenbeweglichkeit haben wir keinen Einfluss gefunden“, betont Kleine-Borgmann ebenfalls.

    Dieses Ergebnis sei nicht überraschend, denn aus Studien mit verdeckten Placebos sei bekannt, dass die Effekte häufig eher subjektiver Natur sind und sich weniger an Labor- oder immunologischen Parametern ablesen lassen.

    Gute Nachrichten für Globuli & Co.?

    Was heißt das übertragen auf die alternative Medizin, und was heißt das vor allem übertragen auf gewisse Produkte, wie die allseits berühmten Globuli, denen Wirksamkeiten nachgesagt werden, die nicht nachgewiesen wurden? „Komplementär- und Alternativmedizin nutzen viele Komponenten einer Placeboantwort und von Placeboeffekten. Der Unterschied zu den offenen Placebogaben ist natürlich die systematische Untersuchung“, so Kleine-Borgmann. Der DNG-Experte würde sich genau diese Untersuchungen auch für diese Medizinzweige im Rahmen großer Studien wünschen.

    Heißt im Klartext: Ohne diese Studien könnten die behaupteten Wirkungen mancher alternativer Produkte Placebowirkung sein, und wenn sie auf der Placebowirkung beruhen, gibt es keinen Grund, viel Geld für sie auszugeben, weil im Grunde jede unschädliche Substanz als Placebo verwendet werden kann.

    Gefährlich sind solche Placebos jedenfalls auch nicht. „Wir haben auch in der Studie zeigen können, dass bei diesen Patienten die Nebenwirkungsrate nicht signifikant höher war als bei der Kontrollgruppe“, bemerkt der DGN-Experte.

    Nächster Schritt: Längere Studien, mehr Probanden

    Gegenüber Vorarbeiten auf dem Feld aus den USA und Portugal hat die Essener Studie mit 217 Probanden bereits mehr Teilnehmer mobilisiert. Aber Kleine-Borgmann wünscht sich für die weitere Forschung in diesem spannenden Feld eine Studie mit mehr Teilnehmern und vor allem längerer Untersuchungsdauer, die im nächsten Schritt auf drei Monate erhöht werden sollte. Damit ließe sich auch die Frage klären, ob sich bei längerer Placebogabe nicht eventuell doch noch objektive Auswirkungen auf die Wirbelsäule einstellen. Denn in einem Zeitraum von wenigen Wochen kann sich die Beweglichkeit nicht verbessern, so Kleine-Borgmann.

    Auf dem Weg zur Placebotherapie?

    Durch die weitere Erforschung der Placebomechanismen könnten die Resultate der Studie auch Eingang in bestehende Therapien finden. Dazu wäre aber zu erfahren, „wie das Ganze funktioniert und bei wem es funktioniert“, erklärt der Neurologe. Eine spannende Frage ist etwa, welche psychologischen Faktoren oder Krankheitsfaktoren eine Empfänglichkeit für Placebos begünstigen, denn dass der Placeboeffekt bei jedem eintritt, ist mit der Studie nicht gesagt.

    „Was man bis jetzt nutzen kann, ist, Placeboeffekte mit in die Therapie einzubinden“, so Kleine-Borgmann. „Das bedeutet: Patienten aufklären und eine positive Erwartungshaltung an Therapiemechanismen knüpfen.“

    Das Interview mit Julian Kleine-Borgmann zum Nachhören:

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