01:27 05 Dezember 2020
SNA Radio
    Wissen
    Zum Kurzlink
    Von
    2240
    Abonnieren

    Der europäische Marsrover „Rosalind Franklin“ fliegt erst in zwei Jahren zum Roten Planeten. Wegen letzter notwendiger Tests des Fallschirmsystems und Softwaremodifikationen an der Landeplattform haben die russische und die europäische Weltraumagenturen diese Entscheidung am Donnerstag öffentlich mitgeteilt.

    Zwischen Ende Juli und Anfang August dieses Jahres hätte der europäische Marsrover „Rosalind Franklin“ auf einer russischen Trägerrakete starten und mit einem europäischen mehrstufigen Fallschirmsystem in einer Landeplattform sanft auf dem Marsboden im Frühling 2021 landen sollen. Dort hätte er dann in dem Bett eines uralten ausgetrockneten Sees seine Suche nach Leben oder Spuren von Leben, sogenannten Biosignaturen, begonnen.

    Doch daraus wird vorerst nichts, denn der Start der Mission „Exomars 2020" wurde von der europäischen und der russischen Weltraumagentur nach Absprache um zwei Jahre verschoben, auf den Zeitraum August bis Oktober 2022. Denn erst da öffnet sich das nächste Zeitfenster, in dem ein Aufbruch zum Roten Planeten möglich ist.

    Welche Gründe dahinter stecken und welche Schritte jetzt folgen – darüber hat Sputnik mit Jan Wörner, dem Gerneraldirektor der Europäischen Weltraumagentur (ESA) gesprochen.

    Im Vieraugengespräch hätten die Chefs von ESA und Roskosmos diese Entscheidung getroffen und diese später auch gemeinsam mit Experten diskutiert. Der Grund ist einfach: auf Nummer sicher gehen. „Es ist besser, eine Verzögerung in Kauf zu nehmen als ein Misslingen der Mission“, betont Wörner. Weder Roskosmos noch die ESA können es gebrauchen, dass etwas schief geht: „Wir hatten bei Schiaparelli einen Misserfolg und die Russen hatten mit Fobos-Grunt einen Misserfolg. Deshalb sind wir beide der Auffassung: Wir wollen keinen Fehler haben und lieber nehmen wir in Kauf, dass uns die Leute kritisieren, dass wir zu vorsichtig sind, als dass wir jetzt einfach auf die Schnelle starten.“

    Fallschirme rissen bei Tests ein

    Die Verzögerung wurde aber nötig, weil noch nicht alles nach Plan lief. „Es gibt technische Probleme mit vier Elektronikboxen und es fehlt der Nachweis des Fallschirms“, schildert Wörner die bestehenden Probleme. Der erste und der zweite Test des Fallschirms seien problematisch verlaufen. „Die Fallschirme werden herausgezogen aus dem Behälter und dabei berühren sie natürlich auch dessen Kanten. Dabei ist es offensichtlich passiert, dass der Fallschirm zwei Mal eingerissen ist“, erklärt der ESA-Generaldirektor. Mit der Nasa sei der Fallschirm dann weiterentwickelt worden. Die Struktur und der Öffnungsmechismus wurden modifiziert und Bodentests mit den Amerikanern hätten positive Ergebnisse gezeitigt. Ein „Droptest“ aus großer Höhe soll in den nächsten Wochen stattfinden.

    Das mehrstufige Fallschirmsystem
    © Foto : ESA
    Das mehrstufige Fallschirmsystem

    Elektronik des Landemoduls funktioniert nicht einwandfrei

    Die vier Elektronikboxen dagegen gehören zum Landemodul. Auch hier gab es technische Schwierigkeiten, weshalb die Boxen für eine Fehlerbehebung nach Russland zurückgeschickt wurden. Dass die Elektronik einwandfrei funktioniert, ist für den Erfolg der Mission essentiell, denn diese regelt wichtige Funktionen: Sie reguliert den Druck beim Start, ebenso die Temperatur, sie steuert die Antriebstechnik wie auch den Fallschirm. Wenn Fehler im Landemodul auftreten, kann die Mission also auf jeder Etappe der Reise scheitern.

    Das Landemodul, zu dem unter anderem die russische Landeplattform Kazachok gehört
    © Foto : ESA - S. Corvaja
    Das Landemodul, zu dem unter anderem die russische Landeplattform Kazachok gehört

    Der Plan: Exomarssonde in Ruhe fertigstellen und einlagern

    Statt jetzt also eine risikobehaftete Mission ins All zu starten, wollen die Weltraumagenturen auf Nummer sicher gehen. Alle notwendigen Modifikationen und Tests sollen nach Wörner bis Anfang nächsten Jahres gelaufen sein, dann wird die Sonde für anderthalb Jahre eingelagert. Die Randbedingungen habe man geprüft: Die Proton-Trägerrakete wird in zwei Jahren für den Transport bereitstehen und der „Trace Gas Orbiter“, der den Mars umläuft und als Relaisstation bei der Landung genutzt werden soll, wird noch mindestens 25 Jahre verfügbar sein.

    Die zusätzlichen Kosten, die anfallen, sind von der jeweiligen Seite zu tragen, darauf habe man sich verständigt. „Wir haben dafür in unserem Explorationsprogramm Vorsorge getragen, sodass ich davon ausgehe, dass wir nicht zurückgehen müssen zu unseren Mitgliedsländern“, so Wörner. Er geht davon aus, dass dies auch auf russischer Seite der Fall sei.

    Mit Exomars 2020 hängen weitere Missionen zusammen, darunter die „Mars Sample Return“-Mission, die eine Probe vom Marsrover aufnehmen und zurück zur Erde bringen soll. Da aber die Nasa ebenfalls mit wissenschaftlichen Geräten an der Mission beteiligt ist, ist mit ihr bereits alles abgestimmt. „Das wird keinen negativen Einfluss auf Mars Sample Return haben“, betont der ESA-Generaldirektor.

    „Das ist das Jahrzehnt des Marses“ – erfolgreiche Technik und Frage nach Leben

    Exomars 2020 ist im Übrigen eine Folgemission. In einer vorangegangenen Mission etwa wurde die Marssonde „Trace Gas Orbiter“ in die Umlaufbahn des Roten Planeten gebracht, die Spuren von Methan in der Marsatmosphäre aufzeichnet. Daneben bewegen sich die Nasa-Rover „Insight“ und „Curiosity“ auf dem Marsboden und stellen dort Untersuchungen an, darunter auch lokale Methandetektion.

    Der „Trace Gas Orbiter“. Weiter hinten die Schiaparelli-Sonde, die auf dem Mars aufschlug
    © Foto : ESA–D. Ducros
    Der „Trace Gas Orbiter“. Weiter hinten die Schiaparelli-Sonde, die auf dem Mars aufschlug

    „Methan kann unterschiedliche Gründe haben“, bemerkt Wörner und fügt scherzend hinzu: „Auf der Erde stoßen etwa Kühe Methangas aus. Wir erwarten jetzt keine Marskühe. Aber es gibt Methan aufgrund biologischer und aufgrund geologischer Vorgänge. Wenn es geologischen Ursprungs ist, dann müsste es ein konstanter Wert sein. Wenn es biologisch ist, dann könnte es sich an die Jahreszeiten halten. Und tatsächlich stellen wir fest, dass bei dem Methan durch die Untersuchung noch mehr Fragen aufgetreten sind.“

    „Curiosity“ messe auch Methan auf der Marsoberfläche, interessanterweise würden die Daten von „Curiosity“ aber nicht mit den gemessenen Daten des Trace Gas Orbiters zusammenpassen. „Die regionale Situation des Methans ist eine andere als die globale, bezogen auf den ganzen Mars“, so Wörner. Das werfe natürlich Fragen auf und der Antwort kommt hoffentlich „Rosalind Franklin“ ab 2022 ein Stück näher.

    Das Interview mit Jan Wörner zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Enthüllungsplattform gegen CNN im Streit über vertuschte Biden-Affäre
    „Von Sahel über das Mittelmeer bis in den Osten“: Maas stimmt Deutsche auf Kooperation mit USA ein
    Grenzdurchbruch aus Ukraine: Bewaffnete Gruppe will nach Russland eindringen
    Tags:
    ExoMars-2020, Mars, Roskosmos, ESA