07:21 12 August 2020
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    Corona-Pandemie breitet sich weiter aus – alle Entwicklungen (529)
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    "Chloroquin“ wurde gegen Malaria entwickelt, zeigt sich aber im Reagenzglas und klinischen Einsatz in betroffenen Ländern auch wirksam gegen Covid-19. Nun wollen Tübinger Forscher im Eilverfahren eine klinische Studie durchführen. Falls sich die Hoffnungen bestätigen, könnte das in einem bis drei Monaten ein Medikament für Corona-Kranke bedeuten.

    Neben den vielen gesellschaftlichen Einschränkungen und wirtschaftlichen Folgen, die das neue Coronavirus mit sich bringt, hat es auch geradezu ein Forschungsfieber rund um die Entwicklung eines Impfstoffs und von Medikamenten zur Behandlung ausgelöst. Vielversprechend zeigt sich nun in der Behandlung ein über 80 Jahre altes Malariamedikament namens Chloroquin, das von Bayer hergestellt wird. So vielversprechend, dass sich die Bundesregierung bereits im Vorfeld größere Mengen des Medikaments gesichert hat.

    Nach ersten positiven Ergebnissen wollen nun Forscher des Tübinger Instituts für Tropenmedizin das Mittel in einer Studie mit Placebovergleich an Covid-19-Patienten durchführen. Sputnik hat sich über das Mittel, seine Funktionsweise und das weitere Vorgehen der Tübinger Wissenschaftler bei Peter Kremsner, dem Direktor des Instituts, informiert.

    - Herr Kremsner, derzeit setzt man viele Hoffnungen bei der Coronavirus-Behandlung auf das Medikament Chloroquin. Was ist das für ein Medikament? Woraus setzt es sich zusammen und wie wirkt es?

    Chloroquin ist ein Antimalariamittel, das vor 80 Jahren schon entwickelt wurde zur Bekämpfung, Therapie und Prophylaxe der Malaria. Deswegen kennen wir es auch sehr gut und deswegen haben wir es nach den ersten Daten, die es jetzt im Reagenzglas gibt – wo gezeigt wurde, dass es gegen diese Viren wirkt – auch ausgesucht und werden es jetzt in einer klinischen Studie testen.

    - Es ist in erster Linie ein Malaria-Medikament, manchmal kommt es auch gegen Rheuma und andere Leiden zum Einsatz. Wie kam die Idee auf, dass es auch gegen Sars-CoV-2 wirksam sein könnte und auf was beruht sie?

    Malaria ist die Hauptindikation für das Chloroquin, aber danach hat man gesehen, dass es auch bei einigen Autoimmunerkrankungen wirkt. Das gibt man jetzt auch bei vielen Patienten mittlerweile. Es wirkt auch gegen einige andere Mikroben, vor allem Viren, in vitro sehr gut. Leider haben medizinische Studien bei Dengue und anderen Erkrankungen bisher nichts gebracht. Bei diesem Sars-Coronavirus-2 funktioniert es aber anscheinend sehr gut. In vitro zeigt es sehr gute Ergebnisse und solange wir nichts Besseres haben, versuchen wir das. Die Aussicht ist gut, dass es jetzt auch beim Menschen etwas bringen kann – bei den Covid-19-Patienten.

    - Wie funktioniert das genau? Kann man den Wirkmechanismus unter dem Mikroskop nachvollziehen?

    Es gibt eine Reihe von Hypothesen, wie es wirken könnte, aber man weiß es letztlich nicht wirklich.

    - Was hat man denn im Reagenzglas beobachten können?

    Man hat sehen können, dass virusinfizierte Zellen damit abzutöten sind, die Viren in diesen Zellen sind nicht mehr replikationsfähig (Anm.d.Red.: können sich nicht mehr vermehren). Das hat man eindeutig mit dem Chloroquin zeigen können. Und das auch bei Dosierungen im Reagenzglas, wie man sie auch beim Einsatz im Menschen erzielen kann. Also hoffen wir darauf, dass es auch wirksam ist. Sicher können wir nicht sein. Reagenzglas oder Tierversuch sind immer anders als es dann beim Menschen in der klinischen Prüfung ist.

    - Trifft eine solche Behandlung nur vireninfizierte Zellen oder zieht es auch gesunde in Mitleidenschaft?

    Jedes Medikament hat Wirkungen und Nebenwirkungen. So ist es auch beim Chloroquin. Da wird eine ganze Reihe von Zellen betroffen und das führt zu einer Serie von Veränderungen im Körper, wie praktisch bei jedem Medikament. Es gibt kein Medikament, das nur auf irgendeine ganz besondere Funktion oder ein Enzym oder ein Molekül wirkt. Und so ist es auch beim Chloroquin. Der Vorteil beim Chloroquin ist, dass es schon sehr lange bekannt ist, sehr lange im klinischen Einsatz ist und wir es deswegen sehr gut kennen und auch beruhigt einsetzen können. Das ist anders bei neuen Stoffen, die jetzt im Internet auftauchen und da angepriesen werden und noch in der Entwicklung sind. Da müssen wir noch vorsichtiger sein.

    - Es sollen ja auch bereits Therapien an Patienten im Ausland durchgeführt worden sein. Könnten Sie die Ergebnisse dort skizzieren?

    Da sind einige Fallserien gemacht worden, Beobachtungsstudien im Wesentlichen. Patienten mit dieser Covid-19-Erkrankung sind in China, Italien und Frankreich mit Chloroquin behandelt worden. Aber bisher ist alles im Sinne von Heilversuchen passiert und nicht im Rahmen einer Studie oder gar einer placebokontrollierten Studie – wie wir es vorhaben. Wir brauchen im Moment – und das ist sehr wichtig – sehr schnelle, gut durchgeführte Studien, um zu zeigen, ob das eine oder das andere oder Kombinationen gegen Covid-19 wirken. Bisher können wir nicht mit Sicherheit sagen, dass irgendein Mittel gegen Covid-19 wirkt.Das müssen wir jetzt untersuchen. Chloroquin ist eins von solchen Mitteln, es gibt 20-30 andere. Wir werden sehen, was sich herauskristallisiert. Es wäre eine Gefahr, wenn man das jetzt mit guten Absichten in jeden Covid-19-Patienten einfach „reinschüttet“.

    - In welchen Fällen würde man Chloroquin denn überhaupt einsetzen? Bei einer akuten Erkrankung, bei stark ausgeprägten Symptomen oder auch als vorbeugende Maßnahme?

    Wahrscheinlich ist es gut, wenn man es einsetzt, wenn die Symptome beginnen. Aber all das müssen wir jetzt untersuchen in der allerersten wirklich gut kontrollierten Studie.

    - Sie sollen gestern auch einen Antrag bei der Ethikkommission in Tübingen dazu eingereicht haben. Gab es da schon eine Rückmeldung? Und wie würde die Studie aussehen und vor allem auf welche Wartezeit hat man sich da einzustellen?

    Wir werden den Antrag heute einreichen, aber die Wartezeit wird extrem kurz sein, was sehr ungewöhnlich ist. Großartig, wie die Arbeit jetzt funktioniert – in nur 24 Stunden.

    - Aber die Studie selbst wird wahrscheinlich schon eine gute Weile in Anspruch nehmen, mit den verschiedenen Phasen, die zu durchlaufen sind, oder?

    Ich denke, das wird sehr schnell gehen. Wir haben jetzt auch ausreichend Patienten – leider. Wir können, gemeinsam mit einem Studienzentrum in Hamburg, sehr schnell die 220 vorgesehenen Patienten rekrutieren. Danach kann man dann sagen: Geht es gut? Geht es nicht? Oder schadet es eher? Wenn letzteres der Fall ist, brechen wir die Studie rasch ab. Wir hoffen natürlich und aus den bisherigen Ergebnissen zeigt sich auch eher, dass es wirken wird. Aber das müssen wir erst sehen. Und dann kann es schnell gehen. In zwei, drei Monaten, vielleicht sogar schon in einem Monat könnten wir Ergebnisse haben und sagen: Das sollen jetzt alle Patienten mit Covid-19 kriegen.

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    Tags:
    Medikamente, Forschung, Coronavirus