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    Feinstaub schwächt das Immunsystem und macht Atemwege anfälliger für Erkrankungen wie Lungenentzündungen. Die Mikropartikel können aber auch Viren wie Covid-19 über weite Strecken übertragen. Italienische Forscher sehen nun einen Zusammenhang zwischen der hohen Feinstaubbelastung in Norditalien und der rasanten Ausbreitung des Virus.

    Ein Zusammenhang zwischen Feinstaub und Lungenleiden ist nicht erst seit dem Aufkommen von Covid-19 bekannt. Die kleinen Partikel dringen nachweislich tief in die Atemwege ein, schwächen das Immunsystem und machen diese anfälliger für Atemwegsinfektionen, Bronchitis und Pneumonie, wovor etwa 2018 die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) in einem Positionspapier ausdrücklich gewarnt hat. Auch das Risiko für Krebserkrankungen der Lunge wird durch die unsichtbaren Teilchen erhöht.

    Transportiert Feinstaub Covid-19?

    Aber Feinstaub ebnet nicht nur Erkrankungen den Weg, er steht auch im Verdacht, ein Transportvehikel für Krankheitserreger zu sein. So hat in der Vergangenheit ein internationales Forscherteam bereits den Transport von Viren und Bakterien auf Trägern wie Staubpartikeln bei Sandstürmen oder aufsteigendem Meeresdunst untersucht und war bereits im Jahr 2018 zu dem Ergebnis gekommen, dass Erreger auf solchem Wege über große Strecken hinweg reisen können.

    Nun haben Forscher aus Italien in einer Studie auch eine Korrelation zwischen hohen Konzentrationen von Feinstaubpartikeln im Norden des Landes und der hohen Ansteckungsrate in den betroffenen Gebieten aufgezeigt. Während sich das Virus in Süditalien nach dem typischen Muster einer Epidemie ausbreite, sehe man in Norditalien in der Po-Ebene eine „anomale Beschleunigung“, betonen die Forscher. In der Verantwortung für die Beschleunigung sehen sie die zusätzlichen Übertragungwege, die die Partikel eröffnen.

    Norditalien: Schlechte Luftqualität, hohe Ansteckungsrate

    Denn die höchste Menge an nachgewiesenen Fällen entfällt auf Regionen, die im Februar bis zum dritten März teilweise mehr als sechsmal über dem europäischen Tagesgrenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft lagen. Dass die dortige Bevölkerung einer solchen Luftverschmutzung nicht erst seit gestern ausgesetzt ist, zeigt ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 2012, das sich auf die Jahre 2006 und 2007 bezieht, in denen Italien gegen die Grenzwerte verstoßen hatte. Dass sich die Lage im Land nicht geändert hat, verdeutlicht eine „letzte Warnung“ aus Brüssel aus dem Jahre 2017.

    Die Überschreitung der Grenzwerte vor allem in Norditalien hat eine lange Tradition, weshalb der Infektionsforscher Sucharit Bhakdi das Land in einem Beitrag zur Corona-Pandemie auch als „China Europas“ bezeichnet. Auf Covid-19 übertragen kann das zweierlei bedeuten: Zum einen trifft das Virus auf eine Bevölkerung mit geschwächten Atemwegen, die empfänglicher für Lungenleiden sind. Zum andern findet es günstige Bedingungen für höhere Infektionsraten vor, indem es sich an Feinstaubpartikel anlagern und flächiger ausbreiten kann als bei Direktkontakten.

    Aber Vorsicht: Eine Kausalität ist damit noch nicht nachgewiesen, hier bräuchte es eine Studie mit unabhängigen Stichproben aus verschiedenen EU-Ländern und einer differenzierten Methodik, heißt es von der DGP gegenüber Sputnik.

    Wird die deutsche Sterberate niedrig bleiben?

    Sollte es eine bislang nicht nachgewiesene Kausalität zwischen Feinstaub und Mortalität bei Covid-19 geben – was würde das für Deutschland bedeuten? Zahlen des Umweltbundesamts zeigen einen kontinuierlichen Rückgang der gemessenen Partikel PM10 und PM2,5 in Deutschland innerhalb der letzten 20 Jahre. Nur in verkehrsnahen städtischen Gebieten sind Anwohner Konzentrationen ausgesetzt gewesen, die über dem Grenzwert liegen und selbst das hat sich 2014 eingestellt. Allerdings heißt es vom Umweltbundesamt gegenüber Sputnik, dass Grenzwerte immer einen Kompromiss darstellen und der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geforderte Wert von 20 Mikrogramm je Kubikmeter Luft in Deutschland immer noch in vielen Teilen nicht erfüllt wird.

    Fest steht aber, dass Covid-19 auf eine Bevölkerung trifft, die schon seit längerem einer deutlich geringeren Feinstaubbelastung ausgesetzt ist, und auf ein Land, in dem weniger Feinstaubpartikel durch die Luft schwirren und als Virusvehikel dienen können. Entsprechend wäre eine geringere Ansteckungs- und Sterberate zu erwarten, wenn die Korrelation in Norditalien nicht nur eine Korrelation sein soll.

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    Feinstaub, Coronavirus