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    Corona-Pandemie breitet sich weiter aus – alle Entwicklungen (529)
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    Jede Seuche hat ihre „Antihelden“ – sogenannte Superspreader, die enorm viele Menschen anstecken, ohne zu wissen, dass sie selbst krank sind. Die wohl bekannteste Superverbreiterin war Mary Mallon, die als „Typhoid Mary“ in die Geschichte eingegangen ist.

    Sie hat Anfang des 20. Jahrhunderts in New York gleich zwei Typhus-Wellen ausgelöst. Und während der „atypischen Pneumonie“ 2003 trug der Arzt Liu Jianglun erheblich dazu bei, dass sich das SARS-CoV-Virus gleich auf vier Länder ausbreitete. Bei dem aktuellen Covid-19-Ausbruch gibt es ähnliche Beispiele.

    Die 20/80-Regel

    Vor der Pandemie des SARS-Syndroms (besser bekannt als „atypische Pneumonie“), die 2003 und 2004 ausbrach, hatten sich Epidemiologen nach der 20/80-Regel gerichtet. Demnach kommt es wegen 20 Prozent der Virusträger in jeder Population zu 80 Prozent aller Ansteckungen.

    Entsprechende Studien ergaben, dass die Schlüsselrolle bei der SARS-Verbreitung einzelne Menschen gespielt hatten, ohne die es möglicherweise keine Seuche gegeben hätte. Solche Menschen werden als Superspreader – also Superverbreiter – bezeichnet, und die massenhafte Infektionsverbreitung als Superspreading. Besonders gefährlich ist die Situation, wenn diese Menschen selbst nicht krank werden, nicht in Quarantäne gehen und keine Schutzmaßnahmen ergreifen.

    „Typhoid Mary“

    Die New Yorker Köchin Mary Mallon hat Anfang des 20. Jahrhunderts zufällig etliche Amerikaner mit Typhus angesteckt, die das von ihr zubereitete Essen einnahmen. Dabei wies Mary selbst keine Symptome der Krankheit auf. Wie Ärzte später herausfanden, verbreiteten sich „Salmonella typhi“-Bakterien in ihrer Gallenblase. Dabei ahnte niemand, dass ein rein äußerlich gesunder Mensch die Infektion verbreiten konnte.

    Mary Mellon (vorne links) im Krankenhaus
    Mary Mellon (vorne links) im Krankenhaus

    Am Ende fand man schließlich heraus, dass ausgerechnet Mary die Seuche verbreitet hatte. Sie wurde zwangsläufig in ein Krankenhaus eingeliefert, wo sie drei Jahre verbringen musste. Die Frau glaubte, gesund zu sein, sodass es ihrer Meinung nach völlig überflüssig war, sie unter Quarantäne zu halten. Irgendwie gelang es ihr, die Ärzte zu überreden, sie freizulassen, wobei sie versprach, sehr vorsichtig zu sein. Aber nach der Freilassung wechselte Mary den Namen und wurde wieder Köchin. Fünf Jahre später, als New York von einer neuen Typhus-Seuche erfasst wurde, wurde sie wieder festgenommen und in Quarantäne gesteckt – diesmal aber lebenslänglich.

    Zimmer 911: „Die Chroniken eines Serienmörders“

    Im Februar 2003 kam der 64-jährige Arzt Liu Jianlun von der Universität Zhongshan in Guangzhou als Hochzeitsgast nach Hongkong und stieg im Zimmer 911 des Hotels „Metropole“ ab. Zuvor hatte er Patienten mit Virusinfektionssymptomen behandelt. Obwohl er sich unwohl fühlte (später stellte sich heraus, dass er SARS-krank war) spazierte er mit seinem Schwiegersohn fünf Tage lang durch Hongkong und besuchte etliche Orte, an denen sich viele Menschen aufhielten.

    Etwas später wurde bekannt, dass 16 andere Hotelgäste mit SARS angesteckt wurden. Sie verließen Hongkong, und so gelangte das SARS-CoV-Virus nach Kanada, Vietnam, Singapur und auf Taiwan. Eine 78-jährige kanadische Touristin steckte nach ihrer Rückkehr in Toronto ihren Sohn an, der in einem Krankenhaus behandelt wurde. Das hatte mehr als 100 weitere Erkrankungsfälle zur Folge. Und in Singapur wurden 94 SARS-Fälle registriert.

    Die Weltgesundheitsorganisation erkannte Liu Jianlun, der zu dem Zeitpunkt wegen der „atypischen Pneumonie“ in einem Hongkonger Krankenhaus gestorben war, als „Patienten Null“ an, der für die meisten SARS-Erkrankungen in 29 Ländern außerhalb Chinas verantwortlich war. Auf der WHO-Website heißt diese Geschichte „Die Chroniken eines Serienmörders“.

    Superspreading im Krankenhaus

    Ziemlich oft stecken sich Menschen in Krankenhäusern an. So war das während der SARS-Pandemie 2003 und 2004 und auch während des MERS-Ausbruchs in Südkorea 2015 der Fall. Dort steckte ein MERS-CoV-infizierter Patient gleich 82 Menschen an: Dabei handelte es sich um andere Patienten, Besucher und um Mitarbeiter des Krankenhauses. Dabei war das kein Einzelfall. In einem anderen Krankenhaus infizierte ein Mann 44 Menschen – insgesamt wurden fünf Massenerkrankungen an dem MERS-CoV-Virus in medizinischen Einrichtungen registriert. In solchen Fällen ist die Unterbringung in der Nähe des jeweiligen Superspreaders einer der größten Risikofaktoren.

    Ebola-Erfahrung

    Wissenschaftlern zufolge ist die Super-Ausbreitung nicht für alle Infektions-Epidemien typisch. Episoden der massenhaften Infizierung von einem Träger sind bei Tuberkulose, Masern und vielen anderen Erkrankungen typisch. Bei der verheerenden Ebola-Epidemie in den Jahren 2014 und 2015 in Westafrika waren rund drei Prozent der Infizierten für die Ansteckung bei 61 Prozent aller Patienten verantwortlich. Dabei handelte es sich vorwiegend um junge, kommunikationsfreudige Krankenpfleger.

    Die Ebola-Erkrankung zeigte, dass bei der Ausbreitung der Infektion das soziale Verhalten eine wichtige Rolle spielt. 2014 kamen in Guinea Hunderte Menschen zur Beerdigung einer berühmten Schamanin, die an der Infektion gestorben war und angeblich Ebola „heilen“ konnte. Etliche Menschen steckten sich infolge an. Nach einigen Tagen wurden mehr als 300 Infizierungen in Guinea und im benachbarten Sierra Leone festgestellt.

    Covid-19

    Die WHO verwendet bislang den Begriff Super-Spreading nicht im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie. Auf der WHO-Webseite steht geschrieben:

    „Angenommen wird, dass die Reproduktionszahl des neuen Coronavirus – sekundärer Infektionen, die durch einen Infizierten ausgelöst werden –, bei 2-2,5 liegt. Doch in einigen Fällen ist diese Kennzahl höher“.

    Solche Fälle sind bekannt: So ist ein 50-jähriger Brite mit dem neuen Coronavirus bei einer Konferenz in Singapur infiziert worden. Er ging nicht in Quarantäne und reiste am 22. Januar aus Singapur direkt in ein Ski-Resort in Frankreich, wo er elf Menschen infizierte – fünf Briten, fünf Franzosen und einen Spanier. Die gesamte Kette ist in einem WHO-Bericht festgehalten. Im Januar hieß es in den Meldungen aus Wuhan, dass ein Arzt und 13 Krankenschwestern von einem Patienten infiziert worden seien.

    Eine besondere Geschichte ereignete sich in Südkorea.

    Patient 31

    Zunächst entwickelte sich die Covid-19-Epidemie in Südkorea ziemlich langsam: Bis Mitte Februar gab es nur 30 Infizierte. Es änderte sich alles nach dem 31. Patienten – dem 61-jährigen Mitglied der Shincheonji Church of Jesus in Daegu. Es ist nicht bekannt, wo die Frau infiziert wurde, doch innerhalb von nur drei Tagen – nach dem Besuch von zwei Krankenhäusern, zwei Versammlungen in der Kirche mit jeweils mehr als 500 Teilnehmern und bei einem Buffet im Hotel – infizierte sie Hunderte Menschen. Von den 4400 untersuchten Mitgliedern der Shincheonji Church of Jesus wurde die Corona-Diagnose bei 544 Menschen bestätigt.

    9000 Menschen wurden daraufhin in Quarantäne geschickt. Wie Reuters unter Berufung auf das Koreanische Zentrum für Vorbeugung und Kontrolle von Erkrankungen meldete, hat Patient 31 mehrere Tausend Menschen angesteckt.

    Woher kommen Super-Spreader?

    Neben dem sozialen Verhalten ist auch die Biologie wichtig. Offensichtlich ist, dass einige Menschen das Virus viel stärker verbreiten. Das hängt von der Virulenz der Infektion im Körper sowie der Empfindlichkeit und den Besonderheiten des Immunsystems ab. Laut einer Version kommt es bei solchen Menschen zur Mutation bzw. Änderung des Virus-Genoms, wobei seine Fähigkeit zur Replikation steigt. Manchmal werden zu Super-Verbreitern jene, die gegenüber dem Krankheitserreger äußerst tolerant sind und lange Zeit keine Symptome aufweisen. Und im umgekehrten Fall trifft es manchmal Menschen mit einem schwächeren Immunsystem, bei denen das Virus besonders schnell repliziert wird. Wissenschaftler können das bislang nicht genau nachvollziehen.

    Symptome wie Husten bzw. Niesen beschleunigen ebenfalls die Infizierung. Zur Vorbeugung einer Massen-Infizierung durch einen Menschen sollten die Superverbreiter schnellstmöglich festgestellt und die Menschen identifiziert werden, mit denen er Kontakt hatte. Auf diese Weise ging man bereits im 19. Jahrhundert vor. Diese Strategie verfolgte die WHO auch während des Ausbruchs der atypischen Pneumonie in den Jahren 2003 und 2004.

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    Masern, Tuberkulose, Pandemie, Virus, Grippe, Ebola, Coronavirus