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    Die ausreichende Anzahl an diesen Geräten in Kliniken gilt als notwendige Voraussetzung für die erfolgreiche COVID-19-Behandlung. Es mag aber durchaus sein, dass die Bedeutung dieses Faktors überschätzt wird. Nach Angabe des britischen Nationalen Gesundheitsdienstes sterben zwei Drittel der Kranken, die an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden.

    Die Ursache der hohen Mortalität unter solchen Patienten ist, dass sich jeder von ihnen zum Zeitpunkt des Anschlusses in einem sehr schweren Zustand befindet, erläuterte im Sputnik-Interview der Leiter der Moskauer Familienklinik, Pawel Brand. „Der Intensivrespirator wird im Notfall eingesetzt, wenn der Mensch nicht mehr selbst atmen kann und die Wahrscheinlichkeit seines Todes sehr hoch ist, wenn er nicht anders gerettet werden kann. Je jünger man jedoch dabei ist, desto höher ist die Chance mithilfe des Beatmungsgeräts zu überleben. Also schadet das Intensivbeatmungsgerät an sich nicht, sondern gibt nur den Senioren nicht viele Möglichkeiten am Leben zu bleiben.“

    Dem stimmt auch der Chef-Pneumologe Russlands, Sergei Awdejew, zu. „Wir verfolgen diese traurige Statistik unserer Kollegen im Ausland. Eine Pneumonie ist an sich schon eine höchst schwere Infektionskrankheit. Ihr Verlauf ist ernsthaft, und die Pathologie betrifft viele funktionierende Alveolen, die für den Gasaustausch sorgen. Die Indikationen für den Anschluss von Patienten an ein Intensivbeatmungsgerät sind in den Anweisungen für die Ärzte genau festgehalten. Ich kann es deshalb nicht dem Beatmungsgerät zuschreiben, dass Patienten sterben. Ich glaube, keiner von meinen Kollegen tut das.“

    Ist der Anschluss an ein Intensivbeatmungsgerät ein verzweifelter Schritt?

    „Wenn die eigenen Lungen das Virus nicht bewältigen können“, so der Arzt, „muss zur Aufrechterhaltung des Gasaustausches die Lungenfunktion ersetzt werden. Es ist im Grunde genommen ein verzweifelter Schritt. Ohne ihn haben aber leider diese Patienten gar keine Rettungschancen. Allerdings lässt sich das Verfahren der künstlichen Lungenventilation wiederum nicht als absolut unschädlich einstufen. Uns stehen längst Daten zu den sogenannten beatmungsinduzierten Lungenschäden zur Verfügung. Heutzutage wählen unsere Kollegen, Ärzte und Anästhesisten, in erster Linie schonende Beatmungsparameter, kleinere Tidalvolumen und sind bemüht, den Inspirationsdruck in den Atemwegen nicht ruckartig zu erhöhen.“

    Wera Litkowa, Pulmologin an einer Moskauer Privatklinik, fügte hinzu, die Ärzte würden bis zuletzt versuchen, den Anschluss eines Patienten ans Intensivbeatmungsgerät zu vermeiden. Wenn es doch geschehe, dann sei es eben der einzige Ausweg. „Was die langfristigen Komplikationen betrifft, die nach dem Einsatz des Intensivrespirators aufkommen können, variieren sie je nachdem, wie lange der Patient an das Gerät angeschlossen war. Menschen mit Coronavirus werden in der Regel ein bis zwei Wochen beatmet, während bei Patienten mit bakterieller Pneumonie ein bis zwei Tage künstliche Lungenventilation hinreichen. Natürlich unterscheidet sich dementsprechend auch der Umfang der Einwirkung auf die Lungen stark. Auch muss man den ursprünglichen Zustand des Patienten und die Begleiterkrankungen berücksichtigen.“

    Früher hatte auch der Chefarzt der zentralen Infektionsklinik von Moskau, Denis Prozenko, zugegeben, Ärzte würden die Intensivbeatmung nur anwenden, wenn keine anderen Mittel helfen würden. „Dies geschieht auch nicht wegen des Mangels an Geräten, sondern aus medizinischen Gründen: in Moskauer Krankenhäusern verfügen wir über 5.000 Intensivbeatmungsgeräte.“

    Der Mediziner erklärte ferner den Vorgang im Organismus, der die künstliche Beatmung notwendig macht. „Beim Patienten sinkt die Sauerstoffkonzentration im Arterienblut. Dazu kommt es wegen der sehr ausgedehnten Läsion des Lungengewebes, welches dann aufhört, seine Hauptfunktion zu erfüllen, nämlich den Sauerstoff von außen her ins Blut zu transportieren. Das mündet in kompensatorische Kurzatmigkeit, weil dieser Sauerstoff dem Patienten nicht reicht, und er häufiger Atem holt, um den Umfang der Sauerstoffübertragung zu vergrößern.“

    Komplikationen lassen sich laut Prozenko bei Patienten am einfachsten vermeiden, „indem man sie auf den Bauch statt auf den Rücken legt. Dann werden die Lungen von der Flüssigkeit, die sich in ihnen ansammelt, nicht zusammengepresst. Sie beeinflusst nicht den Gasaustausch, sodass man die kritische Situation bewältigen kann.“

    „Die Geräte können der Gesundheit des Patienten schaden, wenn er längere Zeit an sie angeschlossen bleibt, weil der Sauerstoff in die Lungen unter Druck gelangt“, sagte Brand abschließend. „Dies hat nichts mit dem Intensivrespirator zu tun, sondern mit dem Zustand, der seinen Einsatz erfordert hat. Bei einer korrekt durchgeführten künstlichen Intensivbeatmung nimmt die Krankheit einen leichteren Verlauf an. Folglich bestehen hohe Genesungschancen.“

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    Tags:
    Coronavirus, Beatmungsgerät