23:42 06 Juli 2020
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    Eine Analyse weltweiter Langzeitstudien zeigt, dass die Zahl landlebender Insekten zurückgeht. Sie sank im Schnitt um 0,92 Prozent pro Jahr. Das entspricht einem Rückgang von 24 Prozent über 30 Jahre. Eine Überraschung hielt die Zahl der an Süßwasser gebundenen Insekten bereit: sie stieg um 1,08 Prozent pro Jahr.

    In den letzten Jahren wurden zahlreiche Studien veröffentlicht, die einen dramatischen Insekten-Rückgang zeigen. Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt eine Studie aus Naturschutzgebieten im Raum Krefeld aus dem Jahr 2017. Diese fand einen Rückgang der Biomasse fliegender Insekten von mehr als 75 Prozent über 27 Jahre. Seitdem wurden weitere Studien zur Entwicklung von Insektenbeständen an verschiedenen Orten weltweit veröffentlicht, doch bislang wurden die weltweit verfügbaren Daten nicht zusammengefügt um festzustellen, wie verbreitet und wie stark der Rückgang der Insekten tatsächlich ist. Das wurde nun nachgeholt.

    Rückgang der landlebenden Insekten um fast ein Prozent pro Jahr

    Daten aus 166 Langzeitstudien von 1676 unterschiedlichen Orten aus der ganzen Welt habt ein internationales Team, unter der Leitung von Forschern des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Universität Leipzig (UL) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), zusammengestellt und in einer Studie in dem Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlicht. Erfasst wurden dafür Veränderungen der Insektenzahlen (Individuen, nicht Arten) im Zeitraum zwischen 1925 und 2018. Die komplexe Analyse offenbarte große Unterschiede in den lokalen Trends – selbst zwischen nahen gelegenen Orten. So gab es in Ländern mit vielen Langzeitstudien wie Deutschland, Großbritannien oder den USA sowohl Orte mit Rückgängen als auch Orte mit wenig Veränderungen oder sogar Zunahmen. Im globalen Durchschnitt gingen landlebende Insekten wie Schmetterlinge, Heuschrecken oder Ameisen um 0,92 Prozent pro Jahr zurück.

    24 Prozent weniger Insekten über 30 Jahre

    “0,92 Prozent klingt vielleicht nicht nach viel, aber es bedeutet 24 Prozent weniger Insekten über 30 Jahre und sogar eine Halbierung über 75 Jahre. Der Rückzug der Insekten findet leise statt – in nur einem Jahr bemerken wir das nicht. Es ist wie, wenn man an den Ort zurückkehrt, wo man aufgewachsen ist. Nur wenn man jahrelang nicht dort war, bemerkt man, wie viel sich tatsächlich verändert hat – leider oft zum Schlechteren”,

    sagt Erstautor Roel van Klink, der bei iDiv und der UL forscht.

    Die Insekten-Rückgänge waren in Teilen der USA sowie in Europa, insbesondere in Deutschland, am stärksten. In Europa verstärkten sich die negativen Trends in den letzten Jahren – die größten Rückgänge wurden seit 2005 beobachtet.

    Schwund der Biomasse im Verborgenen

    Beim Thema „Insektensterben“ wird oft angeführt, dass heute weniger tote Insekten an Auto-Windschutzscheiben kleben als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Dazu meinte Letztautor Jonathan Chase, Professor an der iDiv und der MLU:

    „Viele Insekten fliegen – das sind dann die, die von Windschutzscheiben und Kühlergrills erschlagen werden. Wir konnten zeigen, dass fliegende Insekten im Schnitt tatsächlich weniger geworden sind. Aber die meisten Insekten sind nicht augenfällig und leben im Verborgenen – im Boden, in Baumwipfeln oder im Wasser.“

    Für die neue Studie untersuchten die Forscher auch Daten zu vielen dieser verborgenen Lebensräume. Es stellte sich heraus, dass heute weniger Insekten in Bodennähe leben als früher – ähnlich wie in der Luft. Im Gegensatz dazu blieb die Zahl der Insekten, die in Bäumen leben, im Schnitt unverändert.

    Erholung bei Süßwasserinsekten

    Gleichzeitig stieg die Zahl der Insekten, die ihr Leben zeitweise im Wasser verbringen wie Libellen, Wasserläufer und Köcherfliegen, im Durchschnitt um 1,08 Prozent pro Jahr. Das entspricht 38 Prozent über einen Zeitraum von 30 Jahren. Jonathan Chase hält das für ein gutes Zeichen:

    „Die Zahlen zeigen, dass wir die negativen Trends umkehren können. In den letzten 50 Jahren wurde weltweit viel getan, um verschmutze Flüsse und Seen wieder zu säubern. Dadurch haben sich möglicherweise viele Populationen von Süßwasserinsekten erholt. Das stimmt zuversichtlich, dass wir die Trends auch bei Populationen umkehren können, die momentan zurückgehen.“

    Roel van Klink betont aber, dass nicht immer leicht sei, die Ursachen für die Rückgänge und somit die effektivsten Gegenmaßnahmen auszumachen. Diese könnten von Ort zu Ort anders aussehen.

    Schuld am Insektensterben ist wahrscheinlich die Lebensraumzerstörung

    Obwohl die Forscher nicht mit Sicherheit die Ursachen für die verschiedenen Trends – positive wie negative – benennen können, fanden Sie in den Daten doch entsprechende Hinweise. Insbesondere scheint die Zerstörung natürlicher Lebensräume – vor allem durch Verstädterung – landlebende Insekten zurückzudrängen. Andere Berichte, wie das „Globale Assessment“ des Weltbiodiversitätsrates IPBES, weisen ebenfalls darauf hin, dass die veränderte Landnutzung und die Zerstörung von Lebensräumen Hauptursachen sind für weltweite Veränderungen der biologischen Vielfalt.

    Gefährdung ökologischer Funktionen kann auch für Menschen bedrohlich werden

    Im Februar meldeten sich 25 auf ihrem Fachgebiet weltweit führenden Biologen und Insektenforscher aus sechs Kontinenten mit einer „Warnung von Wissenschaftlern an die Menschheit vor dem Aussterben der Insekten“ zu Wort.  Die Kernaussage ihrer im Fachjournal „Biological Conservation“ veröffentlichten Analyse lautet: Das Insektensterben hat ein weitaus größeres Ausmaß als öffentlich wahrgenommen, und die dadurch verursachte Gefährdung grundlegender ökologischer Funktionen auf dem Planeten könne auch für Menschen bedrohlich werden, wenn nicht rasch und entschieden gegengesteuert werde.

    „Es gibt ungezählte unersetzliche Aufgaben, die Insekten für die Ökosysteme und damit auch für uns Menschen übernehmen. Die sicher bekannteste dieser so genannten Ökosystemdienstleistungen ist die der Bestäubung. Wenn die Bestäuber ausfallen, haben wir ein enormes Problem. Der Weltbiodiversitätsrat beziffert den wirtschaftlichen Wert der Bestäubung weltweit auf 200 bis 600 Milliarden Euro pro Jahr. Für Deutschland wird ein volkswirtschaftlicher Gegenwert von 1,6 Milliarden Euro geschätzt. Es gibt zahlreiche weitere dieser Dienstleistungen von Insekten, beispielsweise im medizinischen Bereich“,

    so Koautor Thomas Fartmann gegenüber dem Wissenschaftsmagazin „Spektrum“. Der Ökologe und Biogeograf leitet die Abteilung für Biodiversität und Landschaftsökologie an der Universität Osnabrück.

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    Wissenschaft, Studie, Ökologie, Insektensterben, Bienen, Bienensterben, Insekten