20:16 05 August 2020
SNA Radio
    Wissen
    Zum Kurzlink
    Von
    12406
    Abonnieren

    Während Pharmaunternehmen an der Entwicklung eines Impfstoffs arbeiten, suchen russische Ärzte nach Möglichkeiten zur Erleichterung des Krankheitsverlaufs bei denen, die Pech gehabt haben. In Moskauer Krankenhäusern wird eine neue Therapie für Patienten mit schwerer Erkrankungsform unter Anwendung von Bluttransfusionen getestet.

    Die Kranken bekommen Blutplasma von Menschen, die bereits genesen sind. Man geht davon aus, dass das Serum reich an Antikörpern der ehemaligen Patienten ist, die das Coronavirus bewältigen helfen, wenn sie in den Organismus eines anderen Patienten gelangen. Mit dem Verfahren der Entnahme des Plasmas — einer gelblichen flüssigen Substanz — ist jeder vertraut, der auch nur einmal Blut gespendet hat.

    Bei Patienten, die nach der COVID-19-Erkrankung geheilt sind, sieht das Verfahren kaum anders aus, nur dass sie mehr Tests über sich ergehen lassen müssen, um allerlei Infektionen, etwa Hepatitis C, im Probematerial auszuschließen und das Vorhandensein der geeigneten Antikörper nachzuweisen. Der Vorgang dauert etwa 40 Minuten. In diesem Zeitraum werden dem Organismus ca. 600 ml Plasma entnommen. Dies soll für maximal drei Patienten mit schwerer COVID-19-Erkrankung ausreichen.

    Für die Erholung des Spenders sind zwei Wochen geplant. Dann kann ihm theoretisch wieder Plasma entnommen werden. Jedoch kann nicht jeder der von der COVID-19-Erkrankung Geheilte Spender werden, sagt der wissenschaftliche Leiter des Moskauer Metschnikow-Forschungsinstituts für Impfstoffe und Seren, Witali Swerew: „Man entnimmt Blut und ermittelt den Gehalt dieser Antikörper im Serum. Gute Titer haben gewöhnlich diejenigen, bei denen die Krankheit schwer verlaufen ist. Wer eine leichte Form hatte, bei dem kann der Titer ungenügend ausfallen. Häufig bilden sich Antikörper gegen das Virus, die es nicht neutralisieren können. Die Antikörper entstehen durch die Krankheit in ihrer zweiten Woche, gegen das Ende steigt der Titer und bleibt nachher im Serum bestehen“.

    Die Transfusion von Plasma mit Antikörpern ist eigentlich kein neues Verfahren. Sie ist beim Ausbruch der Masern in den 30er Jahren und von Ebolafieber 2014 erfolgreich eingesetzt worden. Allerdings hat sie sich im Falle der Grippe nicht bewährt. Wie lange die COVID-19-Antikörper im menschlichen Blut erhalten bleiben, wissen die Ärzte vorläufig nicht.

    Auch fällt es ihnen schwer, passende Spender zu finden, da der Antikörpertest in Russland im Moment nur experimentell ist, sagt Pawel Trachtman, Chef der Transfusionsabteilung am Rogatschow-Zentrum für Kinderhämatologie, -onkologie und -immunologie. Ihm zufolge dürfte es in anderthalb bis zwei Wochen gelingen, das erste absatz- und anwendungsreife Muster zu erstellen. „Dann wird man dieses Verfahren breit anwenden können. Erst dann werden wir einschätzen können, ob es auch wirklich funktioniert.“

    Ist Plasmatherapie ein Allheilmittel?

    Obwohl die Behandlung mit Plasma wirksam sein kann, sind sich viele Mediziner darin einig, dass sie nicht als Allheilmittel gegen das Coronavirus einzustufen ist. Um besser zu verstehen, wie sie im Falle von COVID-19 funktioniert, braucht man mehr Versuche. In Moskau ist man bemüht herauszufinden, in welcher Krankheitsphase diese Therapie den Infizierten Nutzen bringen kann, welche Dosis optimal wäre und welche Arzneien parallel dazu einzunehmen sind.

    Laut dem Allgemeinmediziner Alexej Wodowosow ist zu berücksichtigen, dass es sich dabei um eine passive Immunität handelt.

    „Sie ist von einer anderen Person entwickelt worden. Damit man dennoch eine eigene erwirbt, muss man in der einen oder anderen Form die Krankheit durchmachen. Löschen wir diese Infektion in einem frühen Stadium aus, während sie sozusagen aufstrebt, ist nicht auszuschließen, dass der Patient keine eigene Immunität erwirbt und nach wie vor für diese Infektion anfällig bleibt.“

    Alles geschieht fast wie in der Kriegszeit. Gewöhnlich braucht man in Russland für die Zulassung beliebiger medizinischer Systeme rund ein Jahr, manchmal sogar drei Jahre. Verglichen mit einigen anderen Ländern ist das wenig: Anderswo dehnt sich die Prozedur auf fünf Jahre aus. Aber jetzt, im Hinblick auf die Pandemie, wird alles in wenigen Tagen oder Wochen erledigt.

    Die Plasmatherapie wird bereits in vielen Ländern getestet, insbesondere in den USA und in Deutschland. Zunächst hat man diese Methode in China angewendet und Erfolge erzielt. In einem Experiment haben zehn Menschen Probematerial bekommen. Alle befanden sich entweder auf der Intensivstation oder in der Intensivüberwachungspflege. Am dritten Tag trat eine Besserung ein. Schließlich genasen sie alle.

    Allerdings haben die chinesischen Ärzte laut Medienberichten keine klinischen Studien durchgeführt. Folglich lässt sich die Rolle des Plasmas bei der Bekämpfung des Coronavirus immer noch schwer einschätzen.

    „Zurzeit liegt uns viel daran zu ermitteln, ob man die Herdenimmunität erworben hat“, sagt Trachtman weiter. „Man muss sich ein reales Bild davon machen, wie viele Menschen die Krankheit durchgemacht haben. Sie kann nämlich symptomlos oder mit einem Minimum an Symptomen verlaufen, ohne dass man sich an eine Klinik wendet.“

    Anna Popowa, Chefin der föderalen Verbraucherschutzbehörde, teilte mit, wir würden uns „in einer Phase der Epidemie befinden, in der ein Großteil der Bevölkerung dieses Virus bereits überstanden hat. Darum sollten wir Antikörpertests durchführen. So ließe sich feststellen, ob die Herdenimmunität sich eingestellt hat, weil alle sich dessen bewusst sind, dass das Virus längst da war, dass viele diese Krankheit schon in einer leichten Form durchgemacht haben. Daraus ergäben sich ein völlig anderes Bild, andere Schlussfolgerungen, eine andere Zeit und Strenge der Quarantäne“.

    Wie funktioniert das?

    Einer der führenden Epidemiologen Russlands, Wadim Pokrowski, weist darauf hin, dass das Plasmatransfusionsverfahren längst für die Behandlung von Diphtherie und Tetanus angewendet wird. „Offenbar wird man mit der Zeit auch beim Coronavirus ein Hyperimmunserum anhand von Antikörpern erzeugen. Der einfachste Weg ist aber die passive Immunisierung, wenn wir Antikörper eines bereits genesenen Menschen auf einen kranken übertragen, der noch keine Antikörper hat, weil sie gegen Ende der ersten Woche zu entstehen beginnen. Unterdessen übertragen wir auf ihn die Immunität eines anderen.“

    Russland verfügt über die Infrastruktur für den Einsatz dieser Therapie, und das medizinische Personal ist für die Gewinnung des Serums geschult. Entscheidend ist hierzulande eben der verlässliche Nachweis der Antikörper im Blut der gesundeten Corona-Patienten. Ein weiteres Problem, das auch die ganze Welt betrifft, ist, dass wir ohne weiteres sagen könnten, ob jemand die Krankheit überstanden hat, ob er aber dabei auch die Immunität erworben hat, sodass sich aus seinem Blut das Serum gewinnen lässt.

    Dies kann man vorläufig kaum feststellen. Trachtman kommentiert:

    „Gibt es keine Antikörper im Spenderserum, was manchmal vorkommt, dann hat die Transfusion keinen Sinn. Deswegen ist es so wichtig, vor dem Höhepunkt der Epidemie ein zuverlässiges Testverfahren zu schaffen. Es ist also jetzt ein wahres Rennen gegen den Uhrzeigersinn, mitgemacht von vielen Forschern weltweit“.

    Es werden auch andere Methodiken zur Behandlung der Erkrankten entwickelt, mit dem Zweck, die Zahl der Fälle zu reduzieren, wenn diese Krankheit, die meist wie eine gewöhnliche Grippe verläuft, eine schwere, lebensgefährliche Form annimmt. Beispielsweise mit dem längst bekannten BCG-Impfstoff. Kann sein, dass gerade mit dem Fehlen dieser Impfung die hohe Mortalität in Italien und einigen anderen Ländern bzw. die niedrige Mortalität da, wo sie obligatorisch ist, zu erklären ist.

    So weist Spaniens Anrainerstaat Portugal, in dem für die Tuberkuloseimpfung ein ähnlicher Stamm wie in der ehemaligen Sowjetunion verwendet wurde, bei vergleichbarer Morbidität pro Tausend der Bevölkerung eine zehnmal niedrigere Mortalität auf. In Deutschland, wo im westlichen Teil und in der Ex-DDR vor der Wiedervereinigung unterschiedliche Impfstoffstämme eingesetzt wurden, liegt die Krankheitsrate im Westen deutlich über der im Osten. Also wird man sich bald möglicherweise bei den Immunologen der einstigen Sowjetunion bedanken müssen.

    In den letzten 24 Stunden wurden in Russland 4774 neue nachgewiesene Fälle der COVID-19-Erkrankung verzeichnet. Weniger als die Hälfte davon in Moskau, wobei Menschen unter 45 Jahren knapp die Hälfte der neuen Corona-Kranken in der russischen Hauptstadt ausmachen. Insgesamt wurden in allen Regionen Russlands fast 63.000 COVID-19-Fälle festgestellt. Der tägliche Anstieg seit mehreren Tagen liegt konstant bei rund zehn Prozent. Mehr als 40 Prozent der Neuinfektionen haben keine klinischen Krankheitserscheinungen. Im gesamten Zeitraum hat es 555 Todesfälle gegeben. Genesen sind 4891 Menschen. Die Sterblichkeitsrate liegt laut coronavirus-monitor.ru bei 0,89 Prozent, in Deutschland bei 3,53 Prozent, in den USA 5,62 Prozent, in China 5,52, in Großbritannien 13,56 und in Italien 13,4 Prozent.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Verlieren Regierung und Medien ihre Glaubwürdigkeit? Unionsfraktions-Vize über Doppelmoral bei Demos
    Ein „Zehner-Club“ gegen China: Kann das gut sein für Europa?
    Stadt in Trümmern: Schreckliche Bilder nach Mega-Explosion in Beirut
    Simulation mit „Nukemap“: Verheerende Atomangriffs-Szenarien für deutsche Städte
    Tags:
    Plasma, Behandlung, Russland, Coronavirus