00:19 12 Juli 2020
SNA Radio
    Wissen
    Zum Kurzlink
    Von
    2840
    Abonnieren

    Zwei Studien – ein Ergebnis: Erhöhte Feinstaub- wie Stickoxidkonzentrationen gehen mit gehäuften schweren Formen von Covid-19 einher. Das sind die Ergebnisse aus Harvard und Halle. Aber für voreilige Schlüsse ist es noch zu früh, dafür müssten noch mehr Faktoren untersucht werden, erklärt Umweltmediziner Barbara Hoffmann im Sputnik-Interview.

    Gleich zwei Studien sind in jüngster Vergangenheit zu einem möglichen Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und schweren Covid-19-Verläufen erschienen. Die Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) konzentrierte sich auf Stickstoffdioxid und wertete hierzu Daten des ESA-Satelliten Sentinel 5P aus. Dabei stellten die Studienautoren fest: In Regionen, in denen die Konzentration des Gases dauerhaft erhöht war, traten auch mehr schwere Verlaufsformen der Krankheit auf.

    Die andere Studie der US-Universität Harvard fokussierte sich auf die Konzentrationen von Feinstaubpartikeln in 3000 Landkreisen in den Vereinigten Staaten und fand auch hier einen Zusammenhang zwischen deren Konzentration und der Zahl der schweren Verläufe. Bei erhöhter Konzentration war die Sterberate von Covid-19 laut den Studienautoren dabei um 15 Prozent erhöht. Wie hängen Luftqualität und Covid-19 zusammen? Und kann man auf dieser Grundlage sagen, dass Luftverschmutzung schwere Verläufe zur Folge hat?

    Luftverschmutzung steigert Risiko für Herz und Lunge

    „Diese Beobachtung kommt nicht überraschend. Wir wissen, dass langfristige Belastungen gegenüber Feinstaub und Stickoxiden mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für Herzkreislauf- und Lungenerkrankungen einhergehen. Wir wissen auch, dass Menschen, die bereits vorbestehende Herzkreislauf- oder Lungenerkrankungen haben, auch für schwere Verläufe einer Covid-19-Erkrankung eine höhere Wahrscheinlichkeit aufweisen“, kommentiert Barbara Hoffmann die beiden Studien im Sputnik-Interview. Hoffmann ist Umweltmedizinerin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und hat wie viele Forscher in der Vergangenheit vor zu hohen Belastungen der Luft mit diesen Stoffen gewarnt.

    Feinstaub und Stickoxide sollen Risiken für Herzkranzgefäßverengung, Schlaganfall, Herzinfarkt, die chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD) bis hin zum Lungenkrebs erhöhen. „Das sind auch die Gruppen von Menschen, die bei einer SARS-Coronavirus-2-Infektion eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, einen schweren Verlauf der Erkrankung zu erleben“, so die Umweltmedizinerin.

    Führt schlechte Luftqualität zu schweren Verlaufsformen?

    Überrascht zeigt sie sich aber von der Größe dieses Effekts, die in der amerikanischen Studie angegeben wird. „Die haben so einen großen Effekt entdeckt, dass man jetzt die Frage stellen muss: Welche anderen Gründe sind noch zusätzlich hinzugekommen, dass dort so ein großer Effekt beobachtet wurde?“, so Hoffmann.

    Denn beide Studien stellen ihre Vergleiche auf Gruppenebene an, das heißt einfach nur ganz abstrakt, wie viele Menschen in einem Zeitraum schwer erkrankt oder daran verstorben sind. Weitere Details zu den einzelnen Menschen, die hinter diesen Zahlen stehen, sind nicht bekannt. Und genau darin sieht Hoffmann die Schwäche der Studien oder zumindest den Grund, weshalb man mit ihrer Hilfe noch nicht von einem nachgewiesenen Zusammenhang zwischen schweren Verläufen und Luftverschmutzung reden kann – so nah dieser auch liegen mag.

    „Es wurden nicht im einzelnen Leute untersucht und geschaut, was sie für Vorbelastungen hatten und wie stark sie dann erkrankt sind“, betont die Umweltmedizinerin. „Zum jetzigen Zeitpunkt, das muss man sagen, wird das Erkrankungsgeschehen und das Sterberisiko noch sehr stark von der Dynamik der Ausbreitung des Coronavirus bestimmt. Das heißt, in den Gegenden, in den Städten, in den Counties, wo die Leute sehr eng zusammenleben, breitet sich natürlich das Coronavirus schneller aus und es werden mehr Leute krank und es versterben auch mehr Leute als in den Counties, wo die Bevölkerungsdichte sehr niedrig ist.“ Deswegen findet Hoffmann: „Der wahrscheinlich wichtigste Grund für den Zusammenhang, dass in stärker belasteten Regionen die Leute auch enger wohnen und die Epidemie sich auch viel schneller ausbreiten kann.“

    Auch Faktoren wie Lebensstil müssen berücksichtigt werden

    Gleichzeitig gibt es in den Counties mit hoher Bevölkerungsdichte auch viel Verkehr und oft Industrie, also auch eine höhere Belastung mit Luftschadstoffen. Um zu klären, welche Rolle sie konkret spielen, müsste laut Hoffmann eine andere Studie aufgesetzt werden: „Das Beste wäre, wenn man von einzelnen Menschen die Informationen hätte, wo sie wohnen und wie stark sie feinstaubbelastet sind, was für einen Lebensstil sie führen und welche anderen Risikofaktoren vorliegen wie Rauchen, Ernährungsgewohnheiten, körperliche Aktivität. Und dann muss man sich anschauen, wie schwer sie am Coronavirus erkranken. Mit so einer Studie mit mehreren Tausend solcher Teilnehmer könnte man tatsächlich untersuchen, ob Menschen, die eine hohe chronische Feinstaubbelastung haben, empfindlicher auf den Virus reagieren.“

    Das Interview mit Barbara Hoffmann zum Nachhören:

    Zum Thema:

    Mysteriöser Tod am Djatlow-Pass: Ermittler nennen nach 60 Jahren Ursache
    „Hat mit Rechtsstaat und Demokratie nichts mehr zu tun“ – Juristen wollen Corona-Krise aufklären
    Video des Raketenstarts von Raketenkreuzer „Pjotr Weliki“ aus in Barentssee veröffentlicht
    Tags:
    Lungenkrankheit, Feinstaub, Covid-19, Coronavirus