14:22 10 August 2020
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    In dem sogenannten „Corona Big Book“ legen die US-Republikaner auffallend viel Wert auf einzelne Hinweise darauf, dass das neuartige Coronavirus doch aus einem Wuhan-Labor stammen könnte. Der russische Top-Biologe Alexander Pantschin lehnt diese Version entschieden ab. Er erklärte gegenüber Sputnik warum.

    So stützen sich die US-Republikaner unter dem Stichwort „Schlüsselfakten“ eben auf einen „merkwürdigerweise zurückgezogenen“ kurzen Artikel von gewissen Botao Xiao und Lei Xiao aus Guangzhou. „Zusätzlich zu den Ursprüngen der natürlichen Rekombination <..> stammt das Killer-Coronavirus wahrscheinlich aus einem Labor in Wuhan“, kommen die Autoren zum Schluss. Der auf ResearchGate einmal erschienene Text hat sich tatsächlich wie in Luft aufgelöst.

    Auch umstrittene Berichte von US-Medien wie etwa von Fox News, dem Liebling Trumps, werden in dem „Großbuch“ ins Leben gerufen. „[Coronavirus] stammt vermutlich aus einem Labor“, heißt es, - und zwar nicht als „Biowaffe“, sondern als „Teil der Bemühungen Chinas“, bei der Entdeckung und Bekämpfung von Viren den USA gleichzukommen oder das Land sogar zu übertreffen. Unter Verweis auf den eklatanten Artikel aus dem Jahre 2015 zur Entwicklung eines künstlichen Hybrid-Coronavirus, im Fachmagazin Nature Medicine veröffentlicht, wird resümiert, die Chinesen hätten „eine lange Erfolgsgeschichte mit Hybrid-Fledermaus-Sars“. Weggelassen wird dabei, dass nicht nur die Wuhan-Leute, also die Chinesen, sondern auch die von der US-Universität von North Carolina sowie die vom Zürcher Institut für Mikrobiologie schwer an einem künstlichen Virus 2015 mitentwickelten. Das Ergebnis konnte dann schon die menschlichen Zellen infizieren. 

    Was wäre denn, vermuteten sofort Anhänger der Verschwörungstheorien, wenn das gemeinte Virus in der Tat Sars-CoV-2, also das neuartige Coronavirus, ist und aus einem chinesischen Labor „nur“gesickert ist? Es wären ja „überraschenderweise“ die Chinesen gewesen, die  auch Sars-CoV-2 entdeckten.

    Der russische Biologe und Wissenschaftsblogger Alexander Pantschin ist einer, der nachweisbare Argumente gegen Theorien dieser Art liefert. Der 33-Jährige ist leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Moskauer A. A. Kharkevich-Institut für Informationsübertragungsprobleme der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAW) und Mitglied des RAW-Ausschusses für den Kampf gegen Pseudowissenschaft. In einem Sputnik-Gespräch hat er bereits erklärt, warum die Behauptungen des französischen Wissenschaftlers Luc Montagnier, dem neuartigen Coronavirus seien durch Molekularbiologen HIV-Teilchen zugegeben worden, aus seiner Sicht nicht stimmen.

    So schreibt Pantschin weiter, auch die Theorie von dem künstlichen Virus lasse sich leicht überprüfen, wenn man das veröffentlichte Genom des künstlichen Virus mit dem von Sars-CoV-2 vergleicht. In dem Artikel aus dem Jahre 2015 wird übrigens beschrieben, dass das künstliche Virus, Deckname SHC014-MA15, auf der Grundlage der Coronaviren der Typen Sars-C MA15 und RsSHC014-CoV entwickelt wurde. Die Forscher hatten damals am Genom des an Mäuse angepassten SHC014-MA15 ein für das sogenannte kronenartige Spike-Protein zuständige Gen durch ein derartiges Gen von RsSHC014-CoV ersetzt. Das Spike-Protein ist es auch, das den Coronaviren ermöglicht, in die Zellen des Infizierten einzudringen.

    Pantschin führte nach eigenen Angaben mithilfe des Bioinformatikprogramms BLAST die Analysen sowohl des sogenannten Polyproteins 1ab als auch des Spike-Proteins in allen drei Viren inklusive Sars-CoV-2 durch. Die Polyproteine 1ab von Sars-CoV-2 sollen den Ergebnissen zufolge eine Ähnlichkeit von 99,82 bis 100 Prozent aufweisen. Beim Vergleich der Sars-CoV-2-Proteine mit denen von SARS-C MA15 soll die Ähnlichkeit lediglich bei 86,03 Prozent liegen. Das Fledermaus-Coronavirus RaTG13 soll dabei im Protein-Vergleich dem Sars-CoV-2 am nächsten liegen. Allerdings warRaTG13 nicht bei der „Züchtung“ des künstlichen Coronavirus mit dabei.

    Beim Vergleich der Spike-Proteine steht laut Pantschin ebenso fest: innerhalb von Sars-CoV-2 ähneln sie sich zu 97,80 bis 100 Prozent. Beim Vergleich Sars-CoV-2/SARS-C MA15 sind es nur 75,88 Prozent. Beim Vergleich Sars-CoV-2/RsSHC014 auch nur 77,31 Prozent. Das Fledermaus-Coronavirus RaTG13 soll dagegen auch hier dem Sars-CoV-2 am nächsten liegen (97,41 Prozent Übereinstimmung).

    Das Coronavirus RaTG13 wurde 2013 in China beschrieben. Für die Menschen ist es aber harmlos. Deshalb gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass es sich bei dem neuartigen Coronavirus um eine mutierte Modifikation von RaTG13 handelt. Auch in dem bei Nature Medicine neulich erschienenen Artikel „The proximal origin of Sars-CoV-2“ (Deutsch: Der proximale Ursprung von Sars-CoV-2) wird die Theorie vom künstlichen Ursprung des neuartigen Coronavirus abgelehnt.

    Warum schließt Pantschin aus, dass das „gezüchtete“ Virus SHC014-MA15 bis zum neuartigen Coronavirus mutiert sein mag?

    „Wenn Sie sich ein Szenario vorstellen, in dem ein neues Virus auf der Grundlage von zwei anderen erzeugt wird, müsste es am Ende irgendwie einen gemeinsamen Vorfahren des neuen sowie des Fledermaus-Coronavirus RaTG13 geben“, sagt der Wissenschaftler gegenüber Sputnik. Inhaltlich seien aber SHC014-MA15 und Sars-CoV-2 so unterschiedlich, als wären sie durch mehrere Jahre der Evolution voneinander getrennt. Weniger als fünf Jahre wären dann für solch eine signifikante Mutation nicht ausreichend.

    „So schnell hätten wir nie zwei Viren bekommen, von denen das eine in Fledermäusen lebt und den Menschen nicht infiziert, und das andere den Menschen doch infiziert. Denn auch RaTG13 und Sars-CoV-2 werden durch einige Jahrzehnte der Evolution voneinander getrennt. Das neuartige Coronavirus hat dabei Merkmale einer ständigen Adoptierung“, so Pantschin.

    Wozu dann überhaupt Viren züchten? Die Antwort scheint leicht zu sein: um auf derartige Gefahren vorbereitet zu sein und sich womöglich schon im Voraus um ein Medikament bzw. um einen Impfstoff zu kümmern. Auch hätten sich die Menschen auf eine andere Weise durch das neuartige Coronavirus infiziert als 2015 prognostiziert wurde, weist Pantschin weiter hin. „Das wahrscheinlichste Szenario ist es, dass RaTG13 von Fledermäusen zu jemandem übergesprungen war, sich dann in diesem ‘Reservoir’ entwickelt hat und anschließend auf Menschen übertragen wurde. Nach einer der Versionen waren es Schuppentiere, in denen man eben verwandte Coronaviren fand. Aber diese Coronaviren sind evolutionell gesehen noch weiter von Sars-CoV-2 als RaTG13 entfernt. Ein Artikel ging davon aus, dass es Hunde hätten sein können, aber sie werden doch nicht infiziert. Katzen dagegen schon, aber wir haben leider keine wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu.“

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    Tags:
    USA, China, Fledermaus, Herkunft, Wuhan, Coronavirus