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    Sie sehen aus wie eine geistlose Glibbermasse, aber das Gehirn von Tintenfischen ist fast so komplex wie das eines Hundes. In seinem Aufbau unterscheidet es sich stark vom Gehirn von Wirbeltieren, dennoch ist es zu verblüffenden Leistungen fähig.

    Kraken können sich genetisch weiterentwickeln, sich ungünstigen Lebensbedingungen anpassen – und in der Zukunft dem Menschen Konkurrenz machen.

    Warum sie Chancen haben, sich in hochintelligente Zeitgenossen zu verwandeln – das erfahren Sie in diesem Artikel.

    Meeresbewohner

    Ende der 1990er-Jahre beobachteten kanadische Wissenschaftler acht junge Kraken Enteroctopus dofleini. Jeder bekam vier leere Plastikdosen, die mit Luft gefüllt waren – zwei schwarze und zwei weiße. Die Dosen gingen im Wasser nicht unter, was bei den Tieren Interesse auslöste. Sie berührten die Dosen mal mit den Fangarmen, mal bespritzten sie sie mit Wasser. Nach einer halben Stunde verloren die Kraken ihr Interesse an den Dosen.

    Dieses Verhalten hatte keinen adaptiven Sinn, das heißt, dass es einfach Unterhaltung war, so die Wissenschaftler. So waren Tintenfische die ersten wirbellosen Lebewesen, die Biologen zufolge spielen können. Zuvor war ein solches Verhalten nur bei Säugetieren und Vögeln zu erkennen.

    Später stellte sich heraus, dass der Wunsch zu spielen nicht vom Geschlecht und Alter der Kraken abhängt. Biologen legten Legosteine ins Aquarium – Interesse zeigten unmittelbar sowohl Männchen als auch Weibchen.

    Studien zeigten, dass Tintenfische eine eigene Persönlichkeit haben und Menschen unterscheiden können. Bei Experimenten der kanadischen Wissenschaftler reagierten die Tiere verschieden auf jeden der zwei Freiwilligen – sie änderten die Farbe und Richtung der Fangarme. Zudem können sie schwere Nicht-Standard-Aufgaben lösen, mit denen weder sie selbst noch ihre Vorfahren zu tun hatten. Darüber hinaus unterscheiden sich einige Typen – beispielsweise der Große Pazifische Gestreifte Oktopus  durch ein sehr kompliziertes Ehe-Verhalten. Sie leben in Gruppen aus rund 40 Wesen und jagen nicht gemeinsam. Zudem können Männchen und Weibchen sich während der Paarung mehrere Tage lang nicht voneinander trennen. Sie teilen dabei die Nahrung und „küssen“ sich sogar – indem sie sich mit dem Schnabel und den Saugkörpern an den Fangarmen berühren.

    Acht smarte Fangarme

    Alle diesen Besonderheiten der Kopffüßer bildeten sich unabhängig von der Evolution der Wirbeltiere heraus. Ihr letzter Vorfahr lebte fast vor 800 Mio. Jahren, was nicht nur das Äußere, sondern auch den inneren Aufbau beeinflusste.

    Neben drei Herzen haben diese Tiere ein sehr ungewöhnliches Gehirn. Es enthält fast 500 Mio. Nervenzellen – nicht so viel im Vergleich mit den menschlichen 85 Milliarden, doch vergleichbar mit der Zahl der Neuronen im Gehirn eines Hundes. Doch bei Kraken sind die Zellen größer und auf eine andere Weise im Körper verteilt. Während beim Menschen der größte Teil der Neuronen im Gehirn konzentriert ist, haben Wirbeltiere nur rund zehn Prozent in diesem Organ. Weitere 30 Prozent liegen in den großen Sehnerven. Der Rest in Anhäufungen von Neuronen in den Extremitäten.

    Mit anderen Worten ist jeder Fangarm eine Art Mini-Gehirn, das laut Forschern der Hebräischen Universität Jerusalem selbstständig agieren kann. Das zentrale Organ startet nur die notwendige Verhaltensreaktion. Und wie sie erfüllt werden soll – darüber „entscheiden“ die Extremitäten selbst.

    Dabei sind die Fangarme der Kraken imstande, ziemlich schwere selbstständige Handlungen zu vollziehen – die Farbe ändern, fremde Extremitäten von eigenen unterscheiden. Zudem bewegt sich der Fangarm eine Stunde nach der Amputation noch und reagiert auf Reizfaktoren.

    Darüber hinaus haben Kraken eine sehr gute Sehkraft – ihre Pupille ist vollkommener als beim Menschen, sie hat ein sehr gutes Kurz- und Langzeitgedächtnis.

    Gene redigieren

    Laut einer internationalen Forschergruppe sind die kognitiven Fähigkeiten der Kraken und ihr ziemlich großes Gehirn das Ergebnis der verschärften Konkurrenz mit Fischen und Meeres-Wirbeltieren.

    Vor etwa 100 Mio. Jahren wurde die Vielfalt der Strahlenflosser deutlich größer – es kam zur sogenannten mesozoischen Meeresrevolution. Im Ergebnis mussten die Vorfahren der Kalmare nicht nur um Nahrung und Lebensraum gegen Fische kämpfen, sondern auch lernen, sich vor Raubtieren zu schützen. Daraus ergibt sich der Verlust der Außenschale, reaktive Bewegung, schnelle Farbänderung als Antwort auf Reizfaktoren, Tintensack und die beste Intelligenz unter den Wirbellosen.

    Zudem bekamen Kraken einen weiteren wichtigen Vorteil – sie lernten, ihre eigenen Gene zu redigieren. Das hilft ihnen, sich an die Bedingungen der Umwelt anzupassen, und macht sie klüger.

    Es handelt sich um eine Änderung der Matrizen-RNS. Dieser Zwischen-Informations-Überträger wird in der DNA-Matrix synthetisiert und ist für Ribosome eine Art Anleitung zum Sammeln der Eiweiße. Wenn alles normal läuft, entspricht die Reihenfolge der Aminosäuren im Eiweiß genau der Reihenfolge der Nukleotide im Gen, das es codiert.

    Doch manchmal verwandelt sich bei der Synthese von mRNS Adenosin in Inosin – das erfolgt dank speziellen Fermenten. Eine solche Änderung lässt die Funktionen von Eiweiß genau einstellen, wird aber ziemlich selten genutzt. So gibt es im menschlichen Körper nur maximal drei Prozent solcher Proteine.

    Bei den Kraken sind es Forschern zufolge bis zu 60 Prozent. Unter den Proteinen, die auf Grundlage der veränderten mRNS geschaffen wurden, erwiesen sich auch solche, die für die Vereinigung der Neuronen verantwortlich sind. Anscheinend ermöglichen sie den Tintenfischen, schwierigste Verhaltens-Szenarien zu nutzen. Doch die Reaktion von mRNS bremst die Änderung des Genoms und als Folge die Evolution der Kraken.

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    Tags:
    Tintenfisch, Natur, Evolution, Kraken