08:46 03 Dezember 2020
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    Sind die Dieselverbote unbegründet? Diese Frage stellte sich im April, als der Corona-Lockdown den Verkehr reduzierte, aber die Stickstoffdioxid-Werte trotzdem aufwärts gingen. Aber wo waren sie überhaupt überhöht? Und gehören Diesel-Fahrzeuge deswegen automatisch freigesprochen? Sputnik hat nachgehakt.

    Wenn weniger Autos fahren, dann gibt es auch weniger Abgase und Reifenabrieb. So sinkt die Konzentration von Schadstoffen wie Stickstoffdioxid und Feinstaub in der Luft. Nach dieser Logik mussten Messstationen in Zeiten des Corona-Lockdowns verringerte Messwerte anzeigen – was sie zu weiten Teilen auch tun.

    Spitzenwerte trotz Verkehrsrückgangs: Dieselverbote unbegründet?

    Doch im April kam dann eine unerwartete Nachricht: Trotz verringertem Verkehrsaufkommen wurden an verschiedenen Messstellen erhöhte Werte gemessen. Allen voran wurde hier das prominente Beispiel der Messstation am Stuttgarter Neckartor genannt. Spitzenwerte von fast 100 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft wurden hier an manchem Tag gemessen, obwohl die Verkehrsstärke an Werktagen um bis zu 40 Prozent zurückgegangen war.

    Interessenverbände ließen nicht lange auf sich warten. Schnell veröffentlichte der Automobilclub von Deutschland (AvD) eine Pressemitteilung, in der er diese Werte als eine „Widerlegung“ der These einstufte, dass Dieselautos Hauptverursacher von Stickstoffdioxid seien. Auf dieser Grundlage forderte der Club die Aufhebung von Fahrverboten. Dabei wurden neben Stuttgart auch die Städte Kiel, Würzburg, Mainz und Wiesbaden angeführt, in denen die Werte sich anomal verhalten hätten.

    Eine Sputnik-Nachfrage bei mehreren Stadtverwaltungen hat ergeben, dass dieser Eindruck von den Städten nicht grundsätzlich geteilt wird. Von der Stadt Würzburg hieß es, man wisse nicht, woher der AvD seine Werte beziehe, denn hier seien diese im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gefallen. Auch aus Mainz meldete man gesunkene Werte. In Kiel sei der Wert zwar nicht proportional gefallen, aber ein Rückgang konnte auch da verzeichnet werden. Und auch in Stuttgart sprach man von einem Rückgang der Stickstoffdioxid-Belastungen um 10 bis 40 Prozent.

    Ostwind, Saharastaub und fehlender Luftaustausch

    Dass die Entwicklungen teils nicht in allen Fällen den Erwartungen entsprachen, erklärte man sich mit den speziellen Witterungsbedingungen im März und April. Durch stabile Hochdruckwetterlagen seien die Austauschbedingungen der Luftschichten gestört gewesen. Das heißt, dass sich die Stoffe, besonders etwa im Stuttgarter Talkessel, über Tage hinweg in der bodennahen Luftschicht anreicherten, ohne von Wind verteilt zu werden – und so für höhere Werte sorgten.

    Zudem kam im März Saharastaub nach Deutschland, was vielerorts für verfälschte Feinstaubwerte sorgte. Neben dieser Feinstaubquelle dürfte auch der Ostwind im April zur Feinstaubbelastung beigetragen haben:

    „Wenn wir Ostwind haben, sind wir in der Abwindfahne der polnischen Kohleindustrie, -kraftwerke und -feuerungen in den Haushalten. Deshalb hatten wir jetzt durchweg relativ hohe Feinstaubwerte, weil wir im Abwind von Polen gelegen haben. Tatsächlich hatte sich an der akuten Luftsituation gar nicht so viel geändert bei uns“, erläuterte Umweltmedizinerin Barbara Hoffmann diesen Aspekt im Sputnik-Gespräch.

    Stickstoffanstieg? Berlin meldet deutliche Besserung

    Am Sonntag gab es dann auch vom Berliner Senat eine positive Meldung. Um bis zu einem Viertel weniger Stickstoffdioxid wurde an den Berliner Messstellen gemessen, die an den Hauptverkehrsstraßen aufgestellt sind. Anders sieht es beim Thema Feinstaub aus. Berechnungen, die die Wettereinflüsse mit berücksichtigen stehen noch aus, allerdings ist das Verkehrsaufkommen nachweislich um bis zu 30 Prozent gesunken.

    Globaler Blick auf „Corona-Effekt“: Von Satellitendaten und Computermodellen

    Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) wollten die Auswirkungen der Corona-Situation mit Blick auf die Stickstoffdioxid-Belastung genauer wissen und haben sie mithilfe von Daten des europäischen Sentinel-5P-Satelliten betrachtet. Dabei haben sie nicht einfach die gemessenen Stoffkonzentrationen genommen, sondern in einem Computermodell auch die Wettereinflüsse mit berücksichtigt. Denn das Wetter kann die Zahlen nicht nur nach oben schießen lassen, sondern auch umgekehrt reduzieren, wie im Fall der Polarluft, die durch weite Teile Europas gezogen ist.

    ​Untersucht wurden dabei vor allem der asiatische Raum, Noramerika, Europa, aber auch speziell die italienische Region Lombardei. In allen Fällen konnte ein großflächiger Rückgang von Stickstoffdioxiden nachgewiesen werden.

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    Tags:
    Fahrverbot, Coronavirus, Diesel, Luftverschmutzung, Stickstoff