SNA Radio
    Wissen
    Zum Kurzlink
    Von
    1318327
    Abonnieren

    Schweden hat seine Nachbarländer bei der Zahl der Corona-Toten überholt, lehnt jedoch weiterhin eine Quarantäne für das Land ab. Die schwedische Regierung will eine offene Gesellschaft, selbst wenn die Pandemie noch lange anhalten wird.

    Welche Risiken dieser Sonderweg in sich birgt – das erfahren Sie in diesem Artikel.

    „Ältere opfern“

    Die Schweden gehen eigene Wege bei der Covid-19-Bekämpfung: Sie bewegen sich frei auf den Straßen, bringen Kinder in Kindergärten und Schulen, treiben Sport nicht nur im Freien, sondern auch in den Fitnessstudios, gehen in Cafés und Restaurants. Die Grenzen des Königreichs sind weiterhin geöffnet.

    Das Hauptargument lautet: Weniger drastische Beschränkungen werden die Wirtschaft nicht in eine Krise stürzen und allmählich wird in der Bevölkerung eine Herdenimmunität erreicht. Die Behörden vertrauen dem Verantwortungsgefühl der Schweden, die ohne Zwang Abstand voneinander halten und sich vorwiegend zu Hause aufhalten sollen. Mit diesem eigenverantwortlichen Handeln soll das schwedische Gesundheitssystem vor Überlastung geschützt werden.

    Stadtzentrum von Stockholm am 20. April 2020
    © REUTERS / TT News Agency / Anders Wiklund
    Laut offiziellen Daten der Weltgesundheitsbehörde (WHO) wurden in Schweden mit zehn Mio. Einwohnern 28.000 Corona-Fälle und 5000 Genesene gezählt. Die Zahl der Toten liegt bei 3460 – das ist wesentlich mehr als in den Nachbarländern. In Norwegen starben 229 Menschen an der Lungenkrankheit Covid-19, in Finnland waren es 284 Menschen. Beide Länder haben mehr als fünf Mio. Einwohner.

    Fast ein Drittel der Corona-Opfer in Schweden sind ältere Menschen. Am stärksten betroffen waren die Bewohner von Seniorenheimen, obwohl das schwedische Sozialwesen als eines der besten in Europa gilt. In der Presse mehrt sich die Kritik.

    „Schweden opfert seine Älteren. Unter den nördlichen Ländern haben wir das am schlechtesten gemeistert. Wir retten die Wirtschaft mit einer tödlich riskanten Methode“, schrieb die Zeitung „Aftonbladet“.

    Stark betroffen sind auch die Migranten. In Schweden gibt es eine große Diaspora aus dem Nahen Osten und aus Nordafrika. Viele sind der schwedischen Sprache nicht mächtig und folgen den Empfehlungen der Ärzte und Epidemiologen nicht. Jeder fünfte Covid-Tote ist ein Migrant. Dennoch hält die Regierung an ihrem Kurs fest und diktiert keine Verhaltensregeln. „Die schwedische Gesellschaft bleibt offen. Die Pandemie kann sich noch sehr in die Länge ziehen. Menschen mehrere Monate in Selbstisolation zu halten ist ebenso gefährlich wie plötzlich alle auf einmal loszulassen, wodurch eine neue Viruswelle ausgelöst wird“, so der Chefepidemiologe des Landes, Anders Tegnell.

    Das Beispiel Schweden ist ansteckend, aber auch fragwürdig

    Zunächst wollte Großbritannien dem Beispiel Schwedens folgen. Boris Johnson fand Gefallen an der Idee einer Herdenimmunität, doch sowohl die Epidemieforscher des Imperial College London als auch seine eigene Corona-Erkrankung brachten ihn davon ab. Britischen Experten zufolge ist ungewiss, wie hoch der Teil der Covid-19-Genesenen sein muss, damit das Land eine Herdenimmunität erreicht.

    Auch US-Präsident Donald Trump hält von dieser Idee nichts. Wären die USA diesen Weg gegangen, wäre die Opferzahl bei zwei Millionen, so Trump. „Schweden unterscheidet sich von uns. Die Schweden sind diszipliniert. Doch das Land zahlt einen hohen Preis für den Beschluss, keinen Lockdown einzuführen“, twitterte Trump.

    Auch in Schweden unterstützen nicht alle den Kurs der Behörden. Viele meinen, dass die Wirtschaft ohnehin in eine Krise schlittern wird. Kleine und mittlere Unternehmen schlagen bereits Alarm. Cafés und Restaurants sind zwar geöffnet, doch der Umsatz ist stark eingebrochen. Auch die Touristikbranche beklagt enorme Verluste, Firmen gehen pleite. Die schwedischen Behörden versprechen zinslose Kredite, was aber nur begrenzt helfen würde.

    Kultur-Code

    „Das Fehlen eines allgemeinen Lockdowns bedeutet nicht, dass keine Maßnahmen gegen Covid-19 unternommen werden“, so ein Mitarbeiter der schwedischen Botschaft in Russland.

    „Älteren Menschen wurde von der Gesundheitsbehörde empfohlen, weniger hinauszugehen. Besuche in den Seniorenheimen sind verboten. Schüler der Oberklassen und Studenten lernen jetzt von zuhause aus. Die Gesellschaft hat nach wie vor ein großes Vertrauen in die Behörden. Die Regierung geht davon aus, dass jeder Staatsbürger sich eigenverantwortlich verhält “, hieß es.

    Jedenfalls ist es noch zu früh, Schlussfolgerungen über den Erfolg eines Modells der Corona-Bekämpfung zu ziehen, ergänzte der Mitarbeiter der schwedischen Botschaft. Auch die von RIA Novosti befragten Einwohner von Stockholm sind damit einverstanden.

    „Man sollte nicht denken, dass sich unser Leben nicht verändert hat. Ja, hier vertreibt niemand Passanten und kontrolliert nicht die Bewegungen. Doch alles herum erinnert an eine Epidemie“, sagt die Studentin der Universität Stockholm Julia Ustinowa. „In jedem Bus sind Plakate angebracht – Danke, dass Sie Respekt zeigen und Abstand halten“. In Einkaufszentren sind Plakate mit Aufrufen zur Vorsicht in allen Sprachen zu finden. Statt eines Spielplans gibt es neben den Kinos folgende Mitteilung: „Das Kino ist so lange geschlossen,  bis das Leben nicht mehr an Filme erinnert“. Cafés stehen leer.

    Als Erfolg könne schon bezeichnet werden, dass ein italienisches Szenario vermieden worden sei, so der Historiker und wissenschaftliche Mitarbeiter am Stockholm International Peace Research Institute SIPRI, Pjotr Topytschkanow. „Schweden ist weit weg von solch schrecklichen Zahlen. Das heißt nicht, dass alles klappt. Die Behörden räumen auch Fehler ein. Sie sagen ehrlich, dass die Epidemie eine lange Angelegenheit ist, und ein Fazit erst in einigen Jahren gezogen werden kann“, so Topytschkanow.

    Ihm zufolge liegen bei niemandem die Nerven blank. „Ich spreche mit Nachbarn, Eltern von Kindern in der Schule, im Kindergarten; in meinem Umfeld ist alles ruhig. Das Vertrauen in die Behörden ist weiterhin sehr hoch. Dabei prahlen die Schweden nicht damit, dass sie Corona besser als die Nachbarn meistern. Sie sind nicht arrogant, im Gegenteil, sie respektieren alle Herangehensweisen“.

    Die Menschen haben derweil gelernt, in der neuen Realität zurechtzukommen. Wie in allen anderen Ländern gibt es auch in Schweden Beschränkungen: keine Kontakte mit Verwandten und Freunden, keine Pläne für den Sommer -  man versteht, dass das Schwierigste noch bevorstehen kann. Zugleich betonen die Schweden aber, dass sie selbst und nicht aus Zwang Verantwortung für ihr Leben übernehmen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    „Postillon“ „kidnappt“ „Bild“-Chef Reichelt
    „Unprofessionelles“ Manöver: USA melden Abfangen von Aufklärungsjet durch russische Su-35 – Video
    Gezerre um das Rohr: Wann geht Nord Stream 2 endlich ans Netz?
    Tags:
    Einschränkungen, Immunität, Coronavirus, Schweden