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    Am 14. Mai veröffentlichten UN-Gesundheitsexperten einen Bericht, dem zufolge in absehbarer Zeit eine weltumspannende Krise psychischer Erkrankungen eintreten könnte, die unmittelbar auf die Corona-Pandemie zurückführen sei.

    „Isolation, fehlende Zuversicht, Wirtschaftsprobleme – all diese Faktoren führen bei den Menschen zu riesigen psychischen Spannungen“, stellte die Leiterin der Abteilung für psychische Gesundheit bei der Weltgesundheitsorganisation, Devora Kestel, fest. Nach ihren Worten ergaben die jüngsten Studien, dass 35 Prozent der Menschen in China, 45 Prozent in den USA und 60 Prozent im Iran Dysstress (Stress mit negativen Folgen – Anm. d. Red.) empfinden.

    Angesichts dessen rufen UN-Experten die Regierungen aller Länder auf, der psychischen Gesundheit der Bevölkerung mehr Aufmerksamkeit zu schenken, spezielle Hotlines einzurichten usw.

    Sumo-Verein aus Tokio beim Training (Archivbild)
    © Sputnik / Natalia Seliwerstowa (SYMBOLFOTO)
    Sputnik wandte sich an den Leiter des Lehrstuhls für Psychiatrie und medizinische Psychologie der Russischen medizinischen Universität „Nikolai Pirogow“, Andrej Schmilowitsch, mit einer diesbezüglichen Frage. „Wir haben es mit ernsthaften psychischen Störungen zu tun – mit reaktiven, paranoiden Psychosen, mit Panik wegen einer extremen Lebenssituation. Wir nennen das ‚Corona-Psychose‘. Diese Probleme entstehen manchmal selbst bei völlig gesunden Menschen“, sagte der Experte. „Enorm ist der Anteil der Männer gestiegen, die sich an Hotlines wenden: Inzwischen rufen mehr Männer als Frauen dort an. Vor allem beklagen sie sich darüber, es mit der Familie bzw. ihrer Partnerin nicht mehr auszuhalten, ihre Emotionen schwer kontrollieren zu können und über finanzielle Probleme oder die Angst vor Arbeitslosigkeit. Wenn nichts dagegen unternommen wird, ist in absehbarer Zeit eine Zunahme von Selbstmorden unter Erwachsenen zu erwarten. Zudem greifen inzwischen immer mehr Menschen zu Alkohol, was sie unter Umständen zu äußersten Schritten provozieren könnte. Unruhe und Hypochondrie empfinden sogar Kinder und Teenager, die öfter zu Protestaktionen neigen, wie beispielsweise zu demonstrativen Treffen mit Freunden oder zur Flucht aus dem Elternhaus. Auch Mediziner selbst wenden sich an Psychologen, weil sie einen enormen Stress empfinden.“

    Laut der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo ist auch im Land der aufgehenden Sonne die Zahl solcher Anrufe von beunruhigten Menschen gestiegen. Die Hotline Inochi no Denwa in Saitama berichtete von einem Anstieg der Anrufe um 20 Prozent seit Anfang April.

    Dabei seien 70 bis 80 Prozent aller Anrufe auf die eine oder andere Weise mit dem Thema Corona verbunden. Die meisten Anrufenden seien 40 bis 50 Jahre alt: Sie fürchteten einen Arbeitsverlust während der wirtschaftlichen Talfahrt und hätten Angst vor Covid-19. Studenten machten sich Sorgen über ihre weiteren Perspektiven wegen der Absagen des Unterrichts. Auch ihre Eltern bräuchten häufig Rat, weil sie so viel Zeit zu Hause zusammen mit ihren Kindern verbringen müssen.

    Wie ein „Guardian“-Korrespondent in Japan berichtete, ist in Japan die Selbstmordrate im April um 20 Prozent im Jahresvergleich gesunken. Der Zeitung zufolge ist das der größte Rückgang seit fünf Jahren.

    Die Dozentin von der Waseda-Universität Michiko Ueda vertritt die Auffassung, dass dies nur eine vorübergehende Erscheinung ist: „Was die Selbstmordrate in Japan seit Februar dieses Jahres angeht, so denke ich, dass dies ein provisorischer Rückgang ist. In Kriegsjahren und während Naturkatastrophen geht die Selbstmordrate bekanntlich zurück. Ich denke, dasselbe wird auch während der Corona-Krise der Fall sein. Die Pandemie lenkt die Menschen von Selbstmordgedanken ab. (Die Zahl der Selbstmorde ging gleich nach dem schrecklichen Erdbeben im Osten Japans im März und April 2011 tatsächlich zurück, doch schon im Mai ließ sich ein erneuter Anstieg beobachten.) Wegen der Ausnahmesituation mussten viele Unternehmen ihre Arbeit unterbrechen, und das hatte negative Folgen für die japanische Wirtschaft. Zudem haben viele Menschen ihren Job verloren oder mussten wesentliche Lohneinbußen hinnehmen. Angesichts dessen kann man erwarten, dass die Selbstmordrate nach der Beruhigung der Situation um die Corona-Infektion rasant steigen wird. Wir haben gemeinsam mit meinen Kollegen Mitte April eine Umfrage durchgeführt und herausgefunden, dass der psychische Gesundheitszustand der arbeitsfähigen Menschen schlechter als der der älteren Menschen ist.“

    Sputnik: Aber warum begehen viele Japaner Selbstmord, wenn eine Ausnahmesituation bereits vorbei ist? Hat das etwas mit dem für Japaner typischen Pflichtgefühl zu tun, mit ihrer Verantwortung für ihre Nächsten in Zeiten, die für ihr Land schwer sind?

    Michiko Ueda: „Ich denke, die Relevanz dieser Ereignisse ist in Ausnahmesituationen dermaßen groß, dass man die ganze Aufmerksamkeit diesen Ereignissen schenkt – für andere Erlebnisse bleibt einfach kein Platz mehr. Aber wenn sich die Situation wieder beruhigt, kehrt man zu seinem alltäglichen Leben zurück und sieht sich wieder mit seinen alten Problemen konfrontiert. Und dann denkt man unter Umständen wieder an Selbstmord. Sie erwähnten den ‚Geist der gegenseitigen Fürsorge‘, der für die Japaner typisch ist. Unsere Studien ergaben tatsächlich, dass dieser ‚Geist der gegenseitigen Fürsorge‘ während und gleich nach Naturkatastrophen wesentlich zunahm. Aber die aktuelle Krise hat einen anderen Charakter als eine Naturkatastrophe. Sie beeinflusst das Leben jedes einzelnen Menschen unmittelbar und nicht einer ganzen Region, wo dieser Mensch lebt. Deshalb denke ich, dass auch die Reaktion darauf eine andere sein wird.“

    Es wird angenommen, dass die wegen der Corona-Krise eingeführten Beschränkungen vor allem für Menschen schlimm sind, die im normalen Leben eine hohe Arbeitsbelastung haben, sich viel bewegen und viele Kontakte pflegen. Wer daran gewöhnt ist, viel Zeit zu Hause zu verbringen, ohne viele Kontakte zu haben, nimmt die aktuelle Situation eher gelassen. Allerdings warnen Experten, dass die Pandemie den psychischen Zustand der meisten Menschen beeinflusst. Deshalb erklärte WHO-Chef Tedros Adhanom: „Es ist inzwischen völlig klar, dass die Aufgaben zum Schutz der psychischen Gesundheit das zentrale Element der Maßnahmen zur Bekämpfung bzw. Überwindung der Covid-19-Pandemie bilden sollten.“

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    Tags:
    psychische Störung, Psyche, Coronavirus, Japan