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    Der menschliche Organismus entwickelt sehr schnell verschiedene Antikörper bei einer Infektion mit dem Coronavirus. Diese Antikörper bleiben nach der Genesung teilweise im Blut – und „erinnern sich“ an den Krankheitserreger.

    Wie und ob dieser Schutz bei einem erneuten Angriff der Infektion funktioniert, erklärt dieser Artikel.

    Schutz mit vielen Unbekannten

    Menschen, die das Covid-19-Virus überstanden haben, könnten die Rettung für die Länder werden, welche die Quarantäne aufheben. Solche Menschen sind immun gegen die Infektion und riskieren also nichts, indem sie mit Kranken und auch mit Menschen Kontakt haben, deren Status unbekannt ist. Forscher vom US-amerikanischen Georgia Institute of Technology haben am Beispiel eines mathematischen Modells gezeigt, wie die Infektionsverbreitung samt der Totenzahl dank Menschen mit Antikörpern gebremst werden könnte.

    Das wäre aber möglich, wenn man mindestens ein Jahr lang immun gegen das Coronavirus bleibt – die realen Fristen sind vorerst unbekannt. Es könnte auch sein, dass Menschen, die nach der Corona-Erkrankung wieder gesund wurden, nur eine relativ kurze Zeit gegen das Virus immun sind.  Experten von der Columbia University haben Muster analysiert, die bei etwa 200 Einwohnern von New York zwischen dem Winter 2016 und dem Frühjahr 2018 jede Woche genommen wurden. Und bei zwölf von ihnen wurde im Laufe dieser anderthalb Jahre ein und dasselbe saisonbedingte Coronavirus mehrmals entdeckt.

    Die Forscher, die sich mit den Viren SARS-CoV und MERS-CoV befassten, die die Epidemien 2002 und 2013 ausgelöst hatten, entdeckten bei Patienten zwei oder sogar drei Jahre später Immunmarker. Am längsten bleiben im Organismus so genannte „Gedächtniszellen“. Experten aus Singapur fanden sie sogar elf Jahre später im Blut von Menschen, die die Krankheit überstanden hatten.

    Inwieweit dieser Schutz effizient ist, ist schwer zu sagen, denn die Menschen hatten einfach keine Gelegenheit, wieder mit diesen Infektionen konfrontiert zu werden. Die SARS- und MERS-Ausbrüche konnten schnell unterdrückt werden – und kehrten nicht mehr zurück.

    Die Gefahr einer erneuten Infizierung

    Die Unklarheit hinsichtlich der Immunität gegen das SARS-CoV-2-Virus ruft verschiedene Ängste hervor. Die Menschen haben Angst, wieder zu erkranken, und sind unsicher, ob man nach der überstandenen Krankheit resistent gegen diese Infektion bleibt.

    „Die Frage, wie lange der Schutz besteht, bleibt offen. Es ist mehr Zeit nötig, um sie zu beantworten. Die Informationen über erneute Erkrankungsfälle werden vorerst nicht bestätigt und sind eher mit einer fehlerhaften Diagnostizierung verbunden“, sagte der amtierende Direktor des russischen Instituts für biomedizinische Systeme und Biotechnologien bei der St. Petersburger polytechnischen Universität „Pjotr Weliki“, Andrej Wassin. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der nach der Krankheit gesund wurde, wieder erkrankt, ist äußerst gering. Da das Virus permanent mutiert, ist eine erneute Erkrankung möglich – sagen wir, ein Jahr später, was wir bei saisonbedingten Atemwegserkrankungen beobachten. Aber im Vergleich zu Grippe ist die Geschwindigkeit der Veränderungen im Genom langsamer.“

    „Eine wiederholte Infizierung wäre bei einer kleineren Gruppe von Menschen möglich, deren Organismen keine Immunität entwickeln – das könnte aber auch die Folge einer fehlerhaften Diagnostizierung oder falscher negativer Tests sein“, präzisierte seinerseits Oleg Batischtschew vom Moskauer Institut für Physik und Technologie, stellvertretender Direktor für Forschungsarbeit des Instituts für physische und Elektrochemie bei der Russischen Akademie der Wissenschaften.

    In manchen Fällen werden RNA-Tests des Virus erst mehrere Wochen nach dem Verschwinden der Krankheitssymptome positiv gewertet, und das ruft etliche Fragen hervor. „Bei den absolut meisten Kranken werden zehn bis 14 Tage später keine Virenkörper produziert, aber es gab Berichte, dass das Virus sogar 60 Tage später entdeckt wurde“, präzisierte David Naimsada vom zuständigen Labor des Instituts für Physik und Technologie und vom Labor für Experimentalchirurgie und Onkologie bei der Medizinischen Universität zu Kursk.

    „Wenn bei einem Patienten eine vollwertige Immunität entsteht, und es wurde bestätigt, dass es in seinem Organismus kein Virus mehr gibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass er Infektionsträger bleiben wird, enorm gering. Aber wir wissen vorerst nicht genau, wie das Bild der Immunantwort ist – und können deshalb nicht zu 100 Prozent sicher sein“, betonte Experte Wassin.

    Multifunktionaler Schutz

    Eine infizierte Zelle sendet vor ihrem Absterben quasi ein SOS-Signal: Lymphknoten reagieren darauf und stoßen ins Blut zwei Lymphozyten-Gruppen aus: T-Zellen und B-Zellen. Unter den T-Zellen gibt es solche, die den Feind erkennen und im „Gedächtnis“ behalten (T-Helfer), und solche, die ihn töten (T-Killer).

    B-Zellen verwandeln sich ihrerseits in Substanzen, die Antikörper synthetisieren – Proteinmoleküle, in denen kodierte Informationen enthalten sind, die es künftig ermöglichen, das Virus richtig zu erkennen und entsprechende „Killer“ sozusagen loszuschicken. Eben sie werden gemeint, wenn von der gewonnenen Immunität die Rede ist. Wenn der Antikörperspiegel im Blutplasma des gesund gewordenen Menschen hoch genug ist, kann man sein Plasma Covid-19-Patienten übertragen – in der Hoffnung, ihr Immunsystem zu stärken.

    Allerdings sind die Forscher noch nicht ganz sicher, ob die Antikörper bei allen Patienten gleichermaßen entstehen.

    „Es gibt Informationen, dass bei ziemlich vielen Kranken die spezifische Immunität kaum ausgeprägt ist. Zehn bis 30 Prozent der Corona-Kranken (es kommt unter anderem auf das Alter der jeweiligen Person an) hatten keine spezifischen Antikörper im Blut“, führte Naimsada an.

    „Von Antikörpern wird viel geredet, aber man sollte nicht vergessen, dass dies nur eine der Facetten der Anti-Viren-Immunität ist. Neben der adaptiven B-Zellen-Antwort, die für die Entwicklung von Antikörpern zuständig ist, gibt es noch die T-Zellen-Antwort, wie auch die nicht spezifische angeborene Immunantwort“, ergänzte Wassin. „Laut vorhandenen Angaben hat das SARS-CoV-2-Virus Mechanismen, um sie zu umgehen, aber die B- und die T-Zellen-Antwort funktioniert im Allgemeinen effizient.“

    Zur Immunantwort aus T-Zellen gibt es vorerst nur wenige Informationen, aber die Forscher sehen in diesem Bereich große Perspektiven. Denn es gibt unter solchen Zellen langlebige Zellen, die Informationen über Kontakte mit dem Virus enthalten. Und sie wurden im Blut von Patienten entdeckt, die SARS und MERS überstanden hatten.

    Was die angeborene Immunität angeht, die gegen das Coronavirus untauglich ist, so könnte sie durch Impfstoffe gegen Tuberkulose und Poliomyelitis angespornt werden. Entsprechende Experimente werden bereits in Australien durchgeführt. Auch in Russland (im Gebiet Kirow) wurde ein entsprechendes Forschungsprogramm gestartet.

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    Tags:
    Covid-19, Immunität, Antikörper, Coronavirus