13:32 23 Oktober 2020
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    Forschern zufolge könnte als Folge der globalen Klimaerwärmung bis 2050 die Hälfte der alpinen Gletscher verschwinden, an der Küste Grönlands könnte der Schnee wegschmelzen. Dies könnte den Klimawandel noch beschleunigen.

    Allerdings haben diese Prozesse auch einen Vorteil für die Wissenschaft – das schmelzende Eis legt zahlreiche gut erhaltene archäologische Artefakte und rätselhafte Organismen frei.

    Was das Eis verbirgt

    Seit 2006 tauen die Gletscher in den Gebirgen in Jotunheimen und Oppland in Norwegen. Forscher entdeckten dort einige Pfeile aus der Wikingerzeit, einige mit Befiederung. Forscher aus aller Welt begannen mit der Erforschung der Artefakte, die unter der wegschmelzenden Eisdecke an die Oberfläche kommen. Seit dieser Zeit wurden rund 2000 Gegenstände entdeckt, die ältesten davon sind 6000 Jahre alt. Da sie die ganze Zeit in den riesigen „Kühlschränken“ lagen, haben sie beinahe ihre ursprüngliche Gestalt beibehalten. Unter den interessantesten Funden – 1300 Jahre alte Ski mit Lederbindung, Eisen der Saumpferde, Fragmente von Kleidung und Schuhen.

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    The 1300 year old ski with intact binding from #Reinheimen national park #glacialarchaeology #globalwarming #climatechange #archaeology #oppland

    Публикация от Secrets Of The Ice (@secretsoftheice)

    Dabei sind alle Gegenstände sehr ungleichmäßig in den historischen Epochen verteilt. Ein großer Teil lässt sich auf die späte Antike zurückführen, als es in Europa zu einer starken Abkühlung kam – die sogenannte kleine Eiszeit. Andere Funde entfallen auf die Wikingerzeit im 8. und 9. Jahrhundert. Gegenstände aus dem hohen und späten Mittelalter gibt es hingegen sehr wenig.

    Laut norwegischen und britischen Wissenschaftlern jagten die Skandinavier aktiv während der kleinen Eiszeit, um zu überleben. Der Ertrag aus der Ernte ging wegen der kühlen Temperaturen dramatisch zurück und Wildtiere in den Gebirgen Jotunheimen und Oppland galten als gute Nahrungsquelle.

    In der Wikinger-Epoche nahm die Bevölkerungszahl rasant zu, die Handelswege verliefen über Gebirgspässe. Gerade deswegen entfallen sehr viele Funde auf diese Zeit. Seit dem 11. Jahrhundert kommt es nicht mehr zu Überfällen, die Jagd wird durch die Landwirtschaft ersetzt, die Menschen zeigen zunehmend weniger Interesse an den Bergpfaden. Artefakte aus dieser Epoche sind selten zu finden.  

    Antike Mode

    2011 legte der schmelzende Gletscher Landbrin in Norwegen, der 1690 bis 1920 Meter über dem Meeresspiegel liegt, ein einzigartiges Artefakt frei: eine Woll-Tunika, die fast vor 17 Jahrhunderten gefertigt wurde – zwischen Jahr 230 und 390. Für Kleidung, die etwas länger als ein Meter war, wurden zwei hochqualitative, verschiedenfarbige Wollstoffe genommen. Die passende Schafwolle wurde mit großem Bedacht ausgewählt; dabei wurden rhombische Flechten genutzt.

    Nach der Form der Tunika und der fehlenden Schnallen ist anzunehmen, dass sie wie heutige Pullover getragen wurde. Archäologen zufolge war der Besitzer der Tunika rund 1,70 Meter groß – also ziemlich groß für die damalige Zeit. Offenbar war es zu einem Unglück in den Bergen gekommen. 

    Wege der Wikinger

    Nach neun Jahren stellten Archäologen fest, dass die Tunika nicht auf einem einsamen Bergpfad, sondern auf einer belebten Straße verloren wurde, die von Händlern und Hirten rege genutzt wurde.

    Insgesamt wurden in Landbrin rund 800 Artefakten gefunden, darunter neben Kleidungsstücken Jagdmesser, Ski- und Schlitten-Splitter sowie Knochen und Hörner von Haustieren. Ihre präzisere Alterseinstufung ließ feststellen, warum die Menschen damals den Gebirgspass nutzten, der später unter dem Gletscher verschwand. Anscheinend wurde in der Bronzezeit hier nur gejagt, doch bereits zum Jahr 300 gab es hier eine Straße, die im Hochgebirge gelegene Siedlungen der Hirten mit den Sommerweiden verband. Anschließend wurde diese Route von den Einwohnern der inneren Gebiete Norwegens und von Händlern genutzt, über die sie in die Küstengebiete des Landes gelangen konnten. 

    Besonders populär war Landbrin unter den Wikingern. Damals wurde der Hauptweg mit einer Steinbank markiert, am höchsten Punkt stand eine Hütte, wo Reisende Unwetter abwarten bzw. übernachten konnten. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde dieser Weg nicht mehr genutzt.

    Tödliche Erreger aus dem ewigen Eis

    Neben unglaublichen archäologischen Artefakten legen die schmelzenden Gletscher die Spuren der Bewohner der antiken Erde offen. Es handelt sich nicht nur um Mumien von Tieren und Menschen, wie Mammut Jukka und die Höhlen-Löwchen aus Jakutien bzw. Ötzi aus den Alpen, sondern auch um unbekannte Viren. 

    In diesem Jahr entdeckten Wissenschaftler in einem Tibet-Gletscher 28 Viren, die fast 15.000 Jahre alt sind. 2014 wurden in Russland riesige Virus-Teilchen entdeckt: Pithovirus sibericum und Mollivirus sibericum, die fast 30.000 Jahre alt sind. Sie sind so groß, dass man sie unter einem einfachen Mikroskop sehen kann.

    Forschern zufolge können diese Viren bei einer weiteren Klimaerwärmung, dem Schmelzen von Gletschern und des Permafrostbodens lebendige Organismen infizieren. Als die Viren Pithovirus sibericum und Mollivirus sibericum in Laboren wiederbelebt wurden, wurden sie ansteckend. Allerdings waren ihre Opfer einzellige Amöben und nicht der Mensch.

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    Tags:
    Grönland, globale Erderwärmung, Eisberg