14:06 28 Oktober 2020
SNA Radio
    Wissen
    Zum Kurzlink
    Von
    126711
    Abonnieren

    Die Versorgung mit Trinkwasser ist für die meisten Deutschen so selbstverständlich, dass sie nicht darüber nachdenken. Doch auch hierzulande gibt es Streit um diese Ressource, und die Trockenheit könnte zunehmen, wenn nicht gegengesteuert wird. Das erklärt der Experte für Wasserwirtschaft, Jörg Drewes, im Sputnik-Interview.

    Herr Professor Drewes, man kennt es von der Kleinstadt Vittel in Frankreich, wo Nestlé das Wasser abfüllt und zu wenig für die Anwohner bleibt. Aber auch hierzulande finden ähnliche Konflikte statt, mit etwas weniger Öffentlichkeitsanteil allerdings. Zum Beispiel in der Kleinstadt Treuchtlingen im Naturpark Altmühltal. Wo die Firma Altmühltaler Mineralbrunnen bereits 250.000 Kubikmeter Tiefengrundwasser fördert und abfüllt. Nun will die Firma ihre Fördermenge mehr als verdoppeln, auf 550.000 Kubikmeter. Kann man so etwas guten Gewissens genehmigen und könnte sich in Franken eine Situation wie in Frankreich wiederholen, wo derzeit geprüft wird, ob die Einwohner von Vittel über eine Pipeline mit Trinkwasser von außerhalb versorgt werden müssen?

    Vielleicht noch ein paar Hintergrundinformationen zu diesen Tiefengrundwässern, die für die Mineralwassergewinnung eingesetzt werden: Die Grundwässer brauchen unglaublich lange, um sich wieder zu erneuern. Wir reden hier über viele Hunderte bis zu Tausenden von Jahren. Das ist unsere eiserne Reserve für die Zukunft. Wenn wir mit unserem oberflächennahen Wasserressourcen jetzt schon merken, dass es aufgrund von Klimawandel vielleicht eng werden könnte in bestimmten Regionen, dann wäre es natürlich gut, dass wir diese Reserve momentan nicht für solche Zwecke verwenden, sondern für die öffentliche Trinkwasserversorgung der Zukunft aufbewahren.

    Handelt es sich bei dem Wasserstreit in Treuchtlingen um eine Ausnahme oder gibt es mehrere solcher Konflikte hierzulande?

    Diese Art der Tiefengrundwasserentnahme wird immer ein bisschen kritisch von den Behörden und auch der Öffentlichkeit gesehen. Grundsätzlich kann man schon feststellen, dass wir zunehmend auf Konflikte zu laufen. Grund dafür sind die Folgen des Klimawandels, gerade mit sehr langanhaltenden Trockenheiten in den Frühjahrs- und Sommermonaten, aber auch sehr wenig Niederschlägen in den Wintermonaten, wo dann keine ausreichende Grundwasserneubildung stattfindet. Dadurch, dass einerseits Grundwasserspiegel absinken und viele Bürger – über die öffentliche Trinkwasserversorgung – und Landwirte dieses Grundwasser für ihre Zwecke nutzen, kann bei knappen Ressourcen natürlich Konfliktpotential auftreten.

    Jetzt haben Sie auch schon zweimal den Klimawandel angesprochen. Könnte denn das Wasser auch in Deutschland knapp werden?

    Es ist nicht nur der heiße Sommer, der uns beunruhigt, sondern auch die relativ wenigen Winter- und Frühjahrsniederschläge, die wir zunehmend beobachten. Das ist jetzt schon das dritte Jahr in Folge mit sehr wenig Niederschlägen insgesamt und sehr langanhaltenden Trockenphasen. Wenn wir die Niederschläge im Frühjahr oder in den Wintermonaten nicht bekommen, dann gibt es auch keine ausreichende Grundwasserneubildung. Tatsächlich ist es so, dass wir zum Beispiel in Bayern schon flächendeckend einen Rückgang des Grundwasserspiegels feststellen können. Das ist im Süden des Freistaates nicht so problematisch, weil da ohnehin sehr viel Wasserressourcen vorhanden sind, aber im Norden Bayerns fehlen diese Ressourcen, und vor allem die fallenden Grundwasserspiegel sind dann schon ein echtes Problem.

    Am 28. Juli 2010 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen mit der Resolution 64/292 das Recht auf Wasser als Menschenrecht anerkannt. Wie ist denn die Gesetzeslage hierzulande?

    Grundsätzlich ist es jetzt schon so, dass in Deutschland die Gemeinden verpflichtet sind, für die öffentliche Trinkwasserversorgung zu sorgen und möglichst lokale Ressourcen für diesen Zweck einzusetzen. Deswegen genießt Wasser ein hohes Schutzgut. In der Regel erfolgt die Trinkwasserversorgung aus dem Grundwasser. Dieses Grundwasser gilt es zu schützen – für die heutige Nutzung, aber auch für die zukünftigen Generationen. Insofern würde ich sagen, es gibt schon heute ein verbrieftes Recht auf eine sichere und ausreichende Trinkwasserversorgung in Deutschland.

    Wenn Wasser ein Menschenrecht ist, wie kann es überhaupt zu solchen Konfliktsituationen wie im Altmühltal kommen?

    Das hat natürlich verschiedene Gründe. Letztendlich ist das Wasser nicht adäquat bepreist für den Wert, den das Wasser eigentlich darstellt. Es ist als Lebensmittel unersetzlich, was vielen vielleicht erst dann klar wird, wenn kein Wasser mehr durch die Leitung fließt. Das, was sie letztendlich als Verbraucher am Ende des Monats bezahlen, ist angesichts des wahren Wertes von Wasser verschwindend gering. Diese finanzielle Wertschätzung ist nicht in den Wassergebühren abgebildet. Teilweise müssen Landwirte, die Grundwasser nutzen, gar nichts für dieses Wasser bezahlen. Wasser wird als freie Ressource empfunden. Das ist es aber in Wirklichkeit nicht, aber es verleitet dazu, dass auch gewerbliche Unternehmen diese Ressource preiswert nutzen. Gerade auf dem Mineralwassermarkt, wo die Literpreise sehr hoch sind, verglichen mit dem, was ein Verbraucher für Wasser aus dem Wasserhahn zahlen müsste, ist das eine attraktive Angelegenheit.

    Der Nitrat-Grenzwert der EU für Grundwasser liegt bei 50 Milligramm je Liter. In 28 Prozent der deutschen Grundwasserspeicher wird dieser Grenzwert überschritten. Teils werden Werte von 200 bis 300 Milligramm pro Liter gemessen. Diese hohen Werte sind vor allem darauf zurückzuführen, dass die Böden die hohen Mengen an natürlichem und künstlichem Dünger nicht aufnehmen können. Die EU kritisiert das schon lange; welche Rolle spielt die Nitratbelastung des Grundwassers bei solchen Wasserverteilungsstreitigkeiten?

    Die Nitratbelastung ist natürlich noch ein zusätzliches Problem. Wir sind heute und auch in Zukunft weiterhin auf Grundwasser für unsere Trinkwasserversorgung angewiesen, da können wir es uns nicht erlauben, diese Grundressource mit Nitrat zu belasten. Die natürliche Reinigungskraft des Bodens ist da häufig überfordert. Es wird einfach zu viel Dünger ausgebracht, der dann nicht in unbedenkliche Stickstoffverbindungen umgewandelt werden kann. So entstehen erhöhte Nitratwerte flächendeckend, die sich nicht von alleine abbauen. Wenn nicht massiv gegengelenkt wird, geben wir hier ein Riesenproblem an zukünftige Generationen weiter. Wenn wir das Problem erst in einem Wasserwerk lösen wollen, kann man das zwar heute technisch tun, aber es würde sehr teuer werden. Und da wir so nicht an den Ursachen ansetzten, ist das im Prinzip auch keine Lösung. Das Problem ist auch hier, dass wir nicht immer adäquaten Schutzzonen ausweisen und dafür sorgen, dass dort eine reduzierte oder noch besser gar keine Ausbringung von natürlichen und künstlichen Düngern erfolgt, so dass diese Ressource nachhaltig geschützt werden kann.

    Ansonsten wird es auch teuer. 857.000 Euro Strafe pro Tag hat die EU angedroht, wenn sich der Nitratwert im Grundwasser nicht bessert. Sie haben schon Schutzzonen angesprochen, wie kann man denn noch vermeiden, dass das Wasser irgendwann nicht mehr reicht oder verunreinigt wird?

    Das hat natürlich auch etwas mit Interessenkonflikten zu tun, vor allem zwischen den Landwirten und den Wasserversorgern, die man beilegen muss. Aber auch die Betriebsweise einer industriellen Landwirtschaft, wo sehr viel Stickstoffdünger beziehungsweise stickstoffhaltige Abwässer anfallen und ausgebracht werden, ist nicht mehr im Lot mit der Selbstreinigungskraft der Natur. Das muss schnellstens korrigiert werden. Das das nicht so einfach ist hat letztendlich auch damit zu tun, welche Preise erzielt werden, für die Dinge, die erwirtschaftet werden und die die Ursache für so viel Stickstoffbelastung in der Umwelt sind. Die industrielle Fleischproduktion und Massentierhaltung auf sehr engem Raum mit sehr vielen Tiere, die dann große Mengen von Gülle generieren ist ein großes Problem für die Umwelt. Werden große Mengen von Gülle auf Feldern ausgebracht, sind die Böden schnell völlig überfordert. Dann sickert dieser Stickstoff in das Grundwasser. Wenn die Landwirte weniger intensiv wirtschaften und dafür immer noch gute Preise erzielen könnten und dadurch wie die Betriebe agieren, gleichzeitig auch das Grundwasser geschützt wird, dann wäre allen geholfen. Aber momentan ist es leider so, dass auch die Verbraucher sich über sehr preiswerte Fleischprodukte in den Supermärkten freuen und da auch gerne zugreifen. Dabei wird leider häufig vergessen, was der wirkliche Preis für so ein Verhalten ist: nämlich, dass wir langfristig unser Grundwasser kontaminieren; für die Generationen, die noch folgen.

    Jetzt haben Sie schon häufiger den Preis angesprochen. Für Wasser, aber auch für Dinge, die dadurch generiert werden. Welchen Handlungsbedarf sehen Sie da bei der Politik; sollte Wasser auch allgemein teurer werden?

    In so einem dicht besiedelten Land wie Deutschland sind wir in einem Spannungsfeld. Wir wollen einerseits unsere Landwirtschaft unterstützen und gleichzeitig auch ortsnah unser Trinkwasser gewinnen. Da sind Konflikte, die wir gemeinsam lösen müssen. Es muss für alle Seiten und alle Beteiligten ein gangbarer Kompromiss gefunden werden. Wenn man Anreize schafft, die beispielsweise Landwirte zu einer anderen Form der Betriebsführung motiviert und wo nötig auch durch entsprechende Ausgleichszahlungen kompensiert, dann wäre das vielleicht ein guter Weg. Dieser Weg wird ja auch schon teilweise in einigen Gemeinden und im Umland von Städten praktiziert, wo man Verträge zwischen den Landwirten und den Wasserversorgungen schließt. Diese Mittel müssen natürlich erwirtschaftet werden und die werden dann auf die Gebühren umgelegt. Unterm Strich sind das immer noch sehr kleine Beträge, die langfristig billiger sind als aufwendige Grundwassersanierungen. Wir reden da wirklich von ein paar Cent pro Monat, wenn überhaupt. Das muss aber irgendwo gewollt sein und da ist die Politik jetzt gefordert. Sie haben richtigerweise gesagt, dass die EU mit Strafzahlungen droht. Wenn man diese Mittel einmal alleine aufsummiert, dann wäre ein vorsorgender und nachhaltiger Schutz unseres Grundwassers die weitaus preiswertere Option für eine zukunftsfähigere Trinkwasserversorgung.

    Abschließend noch eine Prognose: Wenn Wasser weiter übermäßig ausgebeutet und verschmutzt wird, was erwartet die Menschen dann, auch hier in Deutschland?

    Das wird kein dramatischer und sehr schneller Wechsel sein, aber in der Tat stehen wir heute an einem Scheideweg in der Wasserwirtschaft. Durch den Klimawandel wird uns deutlicher, dass auch Wasser eine endliche Ressource ist zumindest in einigen Regionen in Deutschland für die wir Alternativen entwickeln müssen. Diese Alternativen dann auch umzusetzen braucht Zeit. Insofern ist heute ein Umdenken nötig. Wir müssen heute die Weichen stellen, damit wir in 20 Jahren auch eine zukunftssichere Wasserversorgung haben.

    Jörg E. Drewes studierte und promovierte „Technischen Umweltschutz“ an der TU Berlin, ging anschließend in die USA, wo er sechszehn Jahre eine Professur für Environmental Engineering innehatte. Während dieser Zeit verbrachte er für Forschungsarbeiten zum Wasserrecycling auch ein Jahr in Australien und ein Jahr in Saudi-Arabien. 2013 kehrte er nach Deutschland zurück und leitet seitdem den Lehrstuhl für Siedlungswasserwirtschaft an der Technischen Universität München.

     

    Das komplette Interview mit Prof. Dr.-Ing. Jörg E. Drewes zum nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    MdB Hansjörg Müller (AfD) zum Fall Nawalny: Die deutsche Seite will nicht kooperieren
    „Charlie Hebdo“ zeigt Erdogan-Karikatur als Titelbild – Kritik aus Türkei
    Bund will im November massive Beschränkungen für Freizeit und Reisen – Medien
    Tags:
    Deutschland, Trockenheit, Klima, Klimaschutz, Klimawandel, Klimawandel, Klimaveränderungen, Wassermangel, Sprudelwasser, Trinkwasser, Grundwasser, Trinkwasser, Abwasser, Süßwasser, Wasser