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    Was hat der sowjetische Einmarsch am 17. September 1939 und der Anschluss des Baltikums der UdSSR gebracht? Diese Frage muss gestellt werden. Antworten darauf fallen unterschiedlich aus, je nach Perspektive und Interessenlage. Entscheidend sind aber die historischen Fakten.

    Vor mehr als 80 Jahren kam es zum Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages und eines geheimen Zusatzprotokolls, das die Interessensphären der beiden Staaten abgrenzte. Letzteres war und ist ein bisher und auch heute legitimes Vorgehen und unterlag keiner völkerrechtlichen Sanktion. Das war in diesem Falle weder eine völkerrechtlich verbindliche Aufteilung eines Staatsterritoriums noch eine politische und militärische Bündnisabsprache.

    Der Kriegsverlauf im September zeigte, dass es hierzu keine militärische oder politische Koordination gegeben hatte. Für die sowjetische Seite waren diese Abgrenzungen ohnehin als Richtlinien für ein eventuelles neues „Münchner Abkommen“ gedacht, auf das vor allem England setzte, um einen Krieg wegen Polen zu vermeiden. Demzufolge gab es auch keine sowjetischen militärischen Vorbereitungen. Die Rote Armee marschierte erst in Polen ein, als der Westen nicht die versprochene Offensive begann, die polnische Führung ihren Grenzübertritt nach Rumänien vorbereitete und deutsche Truppen weit in westbelorussisches und westukrainisches Gebiet eingedrungen waren.

    Im Kalten Krieg wurde und bis heute wird behauptet, dass die Besetzung besagter Gebiete der UdSSR nichts gebracht und sogar ihre Situation verschlechtert hätte. Die Atempause bis zum faschistischen Überfall am 22. Juni 1941 sei nicht genutzt worden, die Armee nicht entsprechend reformiert, alte Verteidigungslinien abgebaut und neue nicht errichtet und die militärischen Investitionen falsch eingesetzt . Mit einem Wort: Die UdSSR hätte auf den Nichtangriffsvertrag wie auch auf ihren Einmarsch verzichten können und sich dadurch das Wohlwollen demokratischer Kräfte sichern sollen.

    Moskau rechnete mit Krieg

    Zunächst einmal zum Letzten: Während der Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages unter den Linken natürlich Unverständnis ausgelöst hatte, waren die Gebietszuwächse in Polen und Baltikum durchaus mit Wohlwollen und Begeisterung bei den Linken und mit Verständnis bei den Bürgerlichen bedacht worden. Zudem haben die Westmächte bis Februar 1945 diese Gebiete als sowjetisches Staatsgebiet anerkannt.

    Bei der Frage der technischen und finanziellen Unterlassungen ist den Kritikern durchaus zuzustimmen, doch sie hatten letztlich auf die Verteidigungsfähigkeit der UdSSR keinen ausschlaggebenden Einfluss gehabt. Das wichtigste für die Sowjetunion war die Sicherheit ihres Territoriums, vor allem ihrer industriellen und Lebenszentren, denn davon hing ihre Existenz ab. Die Sicherheit musste verbessert werden, denn 1939 sah es hierzu schlecht aus.

    Die sowjetische Führung unter Stalin rechnete damit, dass trotz der Nichtangriffsverträge mit den baltischen Republiken diese deutschem oder alliiertem Druck nachgeben und einen Angriff über ihr Territorium zulassen würden. Polen mit seinen 35 Millionen Einwohnern und Millionen Soldaten galt ebenfalls als potenzieller und ernstzunehmender Aggressor. Daher bemühten sich die Deutschen, Polen in ein Bündnis gegen die Sowjetunion zu bewegen. Da Warschau aber ablehnte, wurde es nun selbst Ziel faschistischer Aggression. Dann hätten deutsche Truppen an der sowjetischen Grenze gestanden.

    Abstand zu sowjetischen Städten vergrößert

    1939 waren die Entfernungen von den baltischen und polnischen Grenzen zu lebenswichtigen sowjetischen Zentren sehr kurz: Bis Minsk 50 Kilometer, bis Leningrad 120 Kilometer, bis Smolensk und Kiew 240 Kilometer und bis Moskau 300 KIlometer. Nach dem Anschluss der Westukraine, Westbelorusslands und des Baltikums an die UdSSR sah es besser aus. Die Entfernungen vergrößerten sich deutlich: bis Minsk 300 Kilometer, bis Smolensk 600 Kilometer, bis Kiew 540 Kilometer, bis Moskau 960 Kilometer und bis Leningrad 720 Kilometer.

    Nach dem faschistischen Überfall 1941 wurden alle diese Städte in einem halben Jahr von der Wehrmacht erreicht, Kiew, Minsk, Smolensk genommen und nur Moskau und Leningrad hielten sich. So lässt sich mit Sicherheit davon ausgehen, dass die deutschen Faschisten unter Adolf Hitler ihr strategisches Ziel erreicht und die Sowjetmacht noch weiter zurückgedrängt hätten. Wann und ob sich die Rote Armee hätte wieder reorganisieren können, wäre höchst ungewiss gewesen. Die Sowjetunion, sofern sie noch bestanden hätte, wäre als aktives Mitglied der Anti-Hitler-Koalition ausgefallen.

    Nach einer derartigen sowjetischen Niederlage wären auch die Japaner einmarschiert und bis ins sowjetische Mittelasien vorgestoßen. Sicher ist jedenfalls, dass auf unabsehbare Zeit die deutschen Faschisten ihren Terror hätten fortsetzen können. Die Opferzahlen wären ins Unermessliche gestiegen. Allein die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ hätte statt sechs Millionen noch eine weitere Million europäischer Juden und über fünf Millionen sowjetische Juden erfasst. Die jüdische Bevölkerung Europas wäre faktisch ausgerottet gewesen.

    Einmarsch rettete Leben tausender polnischer Juden

    Durch planmäßigen Terror gegen die Sowjetbevölkerung („Generalplan Ost“) wären möglicherweise noch weitere 30 Millionen zu den ohnehin 27 sowjetischen Opfern hinzugekommen. Die Opferzahlen in ganz Europa hätte sich vervielfacht – auch die deutschen. Durch das jahrelange Verzögern der Befreiung vom Faschismus wären US-amerikanische, womöglich auch deutsche Kernwaffen in Europa zum Einsatz gekommen. Das sollten Moralisten, die den Sowjets Geheimbündelei mit den Nazis vorwerfen, ernsthaft bedenken. Die UdSSR wäre zwar moralischer Sieger gewesen, doch als Staat möglicherweise verschwunden.

    Gerade der sowjetische Einmarsch 1939 in Polen rettete zwei Drittel der den Holocaust überlebenden polnischen Juden vor den Faschisten und ihren Helfern. Von 1939 bis 1941 befanden sich in Ostpolen, den nunmehrigen sowjetischen Gebieten 1,5 Millionen polnische Juden. Hinzu kamen noch 300.000, die aus den von den Deutschen besetzten Gebieten hierher geflohen waren.

    In der gleichen Zeit waren die polnischen Juden in den besetzten Gebieten völlig enteignet und in Ghettos konzentriert worden. Durch Gewaltmaßnahmen und Hunger waren hier bis 1941 etwa 100.000 Juden zu Tode gekommen.

    In den sowjetischen Westgebieten trafen die polnischen Juden auf Maßnahmen, die heute völlig ungerechtfertigterweise fast als gleichrangig mit den faschistischen Verbrechen eingestuft werden. Etwa 200.000 der jüdischen Polen wurden ins Landesinnere deportiert. Hierbei handelte es sich zu einem Großteil um Angehörige besitzender Klassen, Funktionäre der bürgerlichen jüdischen Parteien einschließlich der Zionisten, Vertreter des jüdischen Klerus usw. mit ihren Familien. Sie kamen aber nicht in Ghettos oder Lager, sondern wurden einfach woanders angesiedelt.

    Da sie dann die sowjetische Staatsbürgerschaft besaßen, wurden sie weitgehend gleichbehandelt. Sie arbeiteten, ihre Kinder konnten lernen und studieren und wurden später in die Rote Armee einberufen. Zehntausende von ihnen wurde die Weiterreise in die skandinavischen Länder, nach China, Palästina und sogar in die USA gestattet.

    Wichtige Grundlage für Anti-Hitler-Koalition

    In den nunmehrigen sowjetischen Westgebieten wurde die Verwaltung einer gründlichen politischen Überprüfung unterzogen. Nur etwas mehr als die Hälfte der polnischen Verwaltungsangestellten blieben, die andere Hälfte der Stellen wurde mit Ukrainern, Belorussen und Juden neu besetzt. Durch ihre gute Ausbildung kam es teilweise zu einer Überrepräsentation von Juden gegenüber Ukrainern und Belorussen. Höhere staatliche Funktionen nahmen sie hingegen kaum ein.

    Mit dem faschistischen deutschen Überfall 1941 flohen tausende Juden. Wer blieb, wurde vor allem durch die ukrainischen Nationalisten ermordet oder versteckte sich in dem Wäldern bei schnell organisierten Partisanenabteilungen. Das war ebenfalls ein Vorzug sowjetischer Besetzung, denn hier waren die entsprechenden Strukturen entstanden. Hier waren die Waldflächen um 15 Prozent größer als in Polen. Das war günstig, für die Juden, die sich verstecken konnten, sowie für die Partisanenbewegung und sorgte für eine periodische Unterbrechung deutscher Nachschublinie und somit für die Verkürzung des Krieges.

    Hätte es die UdSSR unterlassen, die Bevölkerung jener Gebiete, darunter auch Juden unter ihren Schutz zu nehmen, hätte das ihr später zum Vorwurf gemacht werden können. Der Historiker Stefan Doernberg, selbst Zeitzeuge und Offizier der Roten Armee, war der Meinung, dass trotz und dank dr im Zusammenhang mit dem Nichtangriffsabkommen einsetzenden territorialen Veränderung „... die spätere Entstehung der siegreichen Anti-Hitler-Koalition und die Rettung der bedrohten menschlichen Zivilisation erst möglich wurde.“

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    Tags:
    Josef Stalin, Hitler, Polen, Zweiter Weltkrieg, Sowjetarmee, Sowjetunion